500 Menschen feierten Gottesdienst in Alchen
Tränen der Ohnmacht

In Alchen ist nichts mehr, wie es war. Die große Anteilnahme der Menschen drückt sich auch in den abgelegten Blumen am Aufgang zum Backes aus, das am 8. September Schauplatz für einen schrecklichen Unfall war.
3Bilder
  • In Alchen ist nichts mehr, wie es war. Die große Anteilnahme der Menschen drückt sich auch in den abgelegten Blumen am Aufgang zum Backes aus, das am 8. September Schauplatz für einen schrecklichen Unfall war.
  • Foto: Christian Schwermer
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

cs Alchen. Es sollte ein fröhliches Backesfest werden. Hausgemachte Leckereien des ausrichtenden Heimat- und Verschönerungsvereins genießen, mit Freunden, Nachbarn und Bekannten ins Gespräch kommen, einfach ein paar gesellige Stunden miteinander verbringen. Stattdessen verwandelte sich der 8. September 2019 in einen Albtraum für Alchen. Aus heiterem Himmel ein lauter Knall, eine explodierende Bratpfanne riss eine Frau in den Tod, eine Schwerverletzte – die Tochter der Verstorbenen – kämpft noch immer um ihr Leben, weitere Verletzte werden behandelt. Alchen – ein Dorf in Schockstarre. „Nichts ist mehr, wie es war“, sagte Pfarrer Oliver Günther am Sonntag im Rahmen des gemeinsam mit seinem katholischen Kollegen Reinhard Lenz gestalteten ökumenischen Gedenkgottesdienstes, zu dem sich rund 500 Menschen eingefunden hatten.

"Alchen hätte überall passieren können im Siegerland"

Die 360 Sitzplätze der ev. Kirche reichten bei Weitem nicht aus – so viele waren gekommen, um ihrer Anteilnahme Ausdruck zu verleihen. Und um gemeinsam zu weinen. Oliver Günther: „Es sind Tränen des Verlustes, die wir weinen. Tränen der Schmerzen. Tränen eines tief sitzenden, unbeschreiblichen Leidens. Tränen der Lähmung. Tränen des Schocks. Tränen der Verzweiflung. Tränen absoluter Ohnmacht.“ Die quälende Frage nach dem „Warum“ bleibt unbeantwortet. „Alchen hätte überall passieren können im Siegerland“, stellte Oliver Günther fest. „Aber es ist hier passiert. Bei uns.“ Heute müsse man mit dem Unsagbaren leben, „aber es wird eine Zeit kommen, in der das Unsagbare ein Ende haben wird“. Alchen rückt in diesen schweren Stunden zusammen.

Tröstende Worte von Nicole Reschke und Andreas Müller

„Wir suchen Trost und stehen Seite an Seite mit allen Menschen, die dieses Unglück miterleben mussten“, sagte Nicole Reschke. Freudenberg werde getragen von vielen Ehrenamtlichen, die unermüdlich und mit großer Leidenschaft mit vielen Aktionen die Gemeinschaft stärkten, so die Bürgermeisterin weiter: „Unsere Gedanken sind bei der Familie der Verstorbenen, den Verletzten sowie den Angehörigen – die äußerlichen Wunden mögen heilen, die inneren werden uns immer begleiten. Und so nehmen wir auch die Mitglieder und Organisatoren des Heimatvereins in unsere Mitte und sprechen ihnen Mut und Zuversicht zu. Wir sind bei Ihnen.“ Das Unglück vom 8. September habe alle aus heiterem Himmel getroffen, stellte Landrat Andreas Müller fest: „Völlig unvorbereitet. Denn wer rechnet schon damit, dass man auf ein Backesfest geht und nicht wieder nach Hause kommt? Oder schwer verletzt wird? Niemand.“ Und niemand könne die Lücke schließen, könne das heilen, was geschehen ist.

Großer Dank an alle Einsatzkräfte

Bürgermeisterin und Landrat stellten neben der tiefen Trauer vor allem einen Aspekt heraus: Dankbarkeit. Feuerwehr, Ersthelfer, Rettungsdienst, Polizei, Notfallseelsorger, Hubschrauberbesatzungen – sie alle hätten „Übermenschliches“ geleistet, sagte Andreas Müller. Nicole Reschke attestierte ein schnelles, professionelles und zugleich einfühlsames Handeln: „Danke, dass Sie für uns da sind.“ Da brandete in der voll besetzten Kirche lauter Applaus auf. Keine Frage: Auch für erfahrene und hart gesottene Einsatzkräfte war der Unglückstag in Alchen ein besonders belastender Einsatz, die schrecklichen Bilder dürften die Frauen und Männer noch lange begleiten.

Im Sommer buntes Jubiläum gefeiert

Gerade einmal zwei Monate ist es her, dass Alchen seinen 675. Geburtstag feierte und sich als bunter, fröhlicher und lebenswerter Ort präsentierte. Voller Tatendrang, Vorfreude und Optimismus für die Zukunft – die Vorbereitungen für den Kreiswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ im kommenden Jahr laufen auf Hochtouren. Die ev. Kirche war an diesem 4. Juli Schauplatz für einen kurzweiligen Festkommers als Startschuss zum großen Jubiläums-Wochenende, über das auch die Siegener Zeitung umfangreich berichtete. „Vor einigen Wochen haben wir gefeiert und gelacht. Heute weinen wir gemeinsam“, so Pfarrer Oliver Günther. Unvorstellbar erschien es damals, dass man so schnell wieder zusammenkommen würde, diesmal, um ein schreckliches Unglück aufzuarbeiten. „Man will es nicht wahrhaben. Es ist wie ein Traum, aus dem man nicht aufwacht“, meinte Heimatvereins-Vorsitzender Martin Lucke am Rande des Gottesdienstes.

Die Menschen stehen zusammen

Als die Gottesdienstbesucher gestern Vormittag die Kirche wieder verließen, waren die Wunden längst noch nicht geheilt. Eines aber wurde deutlich: Die Menschen stehen zusammen und begleiten sich gegenseitig durch dieses dunkle Kapitel Alcher Ortsgeschichte. Die Anteilnahme geht indes weit über die Dorf- und Stadtgrenzen hinaus. Pfarrer Oliver Günther, selbst im Vorstand des Heimat- und Verschönerungsvereins Oberholzklau aktiv, verkündete etwa, dass der Erlös des Backtages am Samstag, 28. September, komplett dem von der Kirchengemeinde eingerichteten Spendenkonto (die SZ berichtete) zufließen wird. Am Abend vor dem Unglück in Alchen hatte in Oberholzklau das traditionelle Kartoffelbratfest auf dem Programm gestanden, groß ist die Bestürzung über das Geschehene beim Backes in Alchen. In der Tat: Alchen hätte überall passieren können im Siegerland, aber es ist dort geschehen. Das Erlebte kann nur in der Gemeinschaft verarbeitet werden.

Autor:

Christian Schwermer (Redakteur) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

4 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.