Von Stühlen und anderen Menschen

»Sitz-Art« in Freudenberg eröffnet / 100 Künstler-Stühle in Innenstadt / Schau im Museum

gmz Freudenberg. Ein Stuhl hat etwas zutiefst Menschliches – diesen Eindruck jedenfalls musste man von der großen Stuhl-Ausstellung (oder ist es ein Stuhl-Happening?!?) »Sitz-Art« in der Freudenberger Innenstadt mitnehmen. Er erinnert nicht nur in seiner Gestalt an einen sitzenden Menschen, sondern ist auch immer Zeichen seines gesellschaftlichen und politischen Anspruchs (und seiner Umsetzung). Er ist selten »einfach Stuhl«. Und seit gestern Nachmittag im Bewusstsein der Besucher sicher schon gar nicht mehr.

Da wurde nämlich die »Be-Stuhlung« des Fleckens mit 100 künstlerisch gestalteten Stühlen offiziell eröffnet (die SZ berichtete bereits im Vorfeld), mit Reden, Musik (vom Musikverein 1871 Niederfischbach, mit Klängen, die, hätten sie nicht ohnehin gestanden, die Zuhörer sicher von den Bänken gerissen hätten), Akrobatik (toll: die Jungs von der Stuhl-Gang), Kabarett sowie einer weiteren Ausstellung mit Arbeiten von Doro Jung (Finnentrop) und Renate Hahn (Bad Laasphe) im Stadtmuseum.

Doch damit noch nicht genug, denn das Projekt geht weiter, mit Stühlen, die von Kindern gestaltet werden (11. September, 15 Uhr, am Silberstern). »Was man bewegen kann, wenn man auf etwas versessen ist« (so Wolfgang Fischer vom organisierenden Verein Kulturflecken Silberstern in seiner Begrüßung), das wurde in Freudenberg deutlich: Eine ganze Stadt kann bestuhlt werden!

Mehr als 80 Mitwirkende, Künstler und Hobby-Künstler, haben sich an dem Stuhl-Rücken beteiligt und Stühle gestaltet: verrückt, komisch, märchenhaft, ernsthaft, innovativ, be»sitz«bar, schon »besessen« oder einfach nur dekorativ. Wer mag, kann sich übrigens auch als Sponsor eines Stuhles betätigen, der dann den Sitzplatznotstand in der Freudenberger Innenstadt beseitigen hilft (der Mangel an öffentlichen Sitzplätzen im Flecken führte nämlich, wie Anne Beel vom Kulturflecken Silberstern in ihrer Einführung erläuterte, ursprünglich zum Sitz-Art-Projekt). Jedenfalls wird niemand mehr, der sich beim Gang durch die Freudenberger Innenstadt, beim Blick in die Schaufenster und beim Studieren der bestuhlten Fassaden intensiv mit dem Thema Stuhl auseinandersetzt, sagen können, der Stuhl an und für sich sei einfach nur ein Stuhl, wie es Bürgermeister Eckhard Günther in seiner Begrüßung formulierte.

Das selbstverständlichste Möbelstück des Alltags, der Stuhl, wird durch die künstlerische Reflexion, die sich hinter der Umgestaltung verbirgt, aus seiner Selbstverständlichkeit gerissen und als zu gestaltendes Objekt bewusst gemacht. Dieser ästhetische Anspruch und das damit verbundene gestalterische und auch spielerische Vergnügen (herrlich beispielsweise der »fensterlnde« Giraffenstuhl) war der eine Aspekt der Schau. Der auch heute noch mit dem Stuhl und dem Sitzen verbundene gesellschaftspolitische Anspruch wurde durch das kabarettistische Rahmenprogramm auf künstlerischem »Thron« verdeutlicht. Nachdem Freudenbergs Bürgermeister Eckhard Günther auf dem vom Beuys-Schüler Udo Havekost gestalteten »Thron« (für Beuys zum 70. Geburtstag) Platz genommen hatte, half er »däm Ursel« (Christa Weigand) ebenfalls hoch. Aber wie! Er musste schon arg »deuen«! Und runter half er auch wieder. Aber wie! Und erhielt zur Belohnung (»Wat geb’ ich Ihnen denn jetzt dafür?") ein »Kräuterbommchen«. Havekosts »unter das Volk gebrachter Thron« (Anne Beel) wurde auf köstliche Art zum Paradebeispiel für gelebte Demokratie in Anspruch und Realität!

Doch nicht alle ausgestellten Stühle sind von solch gesellschaftspolitischer Relevanz. Witzig beispielsweise ist Ulrich Bossmanns »STisch«, eine praktisch gedachte, aber sinnfreie Tisch-Stuhl-Kombination. Völlig anachronistisch im Touristenzentrum Freudenbergs ist der »Bertha,-die-Milchkuh«-Stuhl von Ingrid Kläs, der sich so nett zwischen die Disteln einfügt. Das aseptische Feeling aus der Dose präsentiert Margot Hohenberger mit ihrem »Sommerwiese-Sessel«, einem Gartenstuhl, der mit Heu gepolstert ist, das mit einer Plastikfolie überzogen ist, auf die Blumen gemalt wurden. Als Kopfstütze dient eine Plastikbiene.

Sehr ernsthaft nutzen Doro Jung und Renate Hahn das Stuhl-Sujet. Doro Jung stellt den Menschen abstrahierend als Stuhl dar und weist so auf Begrenztheit, Befindlichkeit und Stärke des Menschen hin (mit den Gefühlsstühlen). Auch Renate Hahn nutzt die Mensch-Stuhl-Analogie und zeigt mit Hilfe der leeren »Stühlchen«, wie viele Menschen Opfer von Minen werden. Die Stühlchenpyramide (ähnlich übrigens auch schon bei der Ortseinfahrt von Büschergrund zu sehen) erinnert daran, wie instabil das Gleichgewicht der menschlichen Gefüge ist. – Und doch, bei aller Nachdenklichkeit: Stühle sind auch zum Ausruhen und zum bequemen Sitzen beim Gespräch da!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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