»Das war mein Traumberuf«

Hermann Heyermann, der ehemalige Rektor der Grundschule Elkenroth kam 1946 in den Westerwald / Unbeschwerte Kindheit in Köln erlebt

goeb Elkenroth. In der St. Mauritius-Pfarrei im alten Mauerring der Stadt Köln wuchs Hermann Heyermann auf. »Das war das Köln der Vorkriegszeit«, erinnert sich der Elkenrother gern und schwärmt: »Jedes Viertel hat seine Eigenart gehabt.« Autos waren damals noch selten, und in der Altstadt konnten die Kinder noch Kindheiten verbringen, wie das heute wohl nicht mehr möglich ist: Verwandtenbesuche, Straßenspiele, Radtouren...

Vielleicht war es der Einfluss seines netten und kompetenten Volksschullehrers, der Hermann Heyermann später selbst die Ausbildung zum Lehrer einschlagen ließ. »Das war mein Traumberuf. Ich habe jedoch nie daran gedacht, dass das einmal Wirklichkeit werden würde.« Am 1. Oktober 1946 ging Heyermanns Wunsch in Erfüllung: Da trat er seine erste Stelle an der damaligen kath. Volksschule Elkenroth an. Der Ort, in dem der fast 80-Jährige noch heute wohnt, wurde ihm bald zur zweiten Heimat.

Enkel der ersten Schüler unterrichtet

Nicht selten wird Heyermann, der 1970 Rektor der örtlichen Grundschule wurde, zu Ehemaligentreffen eingeladen. Gerade mal 24 Jahre alt war er, als er eine achte Klasse unterrichtete. Diese Ehemaligen feiern jetzt gehäuft ihren 70ten. »Es ist vorgekommen, dass ich die Kinder und selbst die Enkelkinder meiner ersten Schüler unterrichtet habe«, erzählt der Elkenrother. Die meisten der Namen hat er heute noch präsent. Neulich stand ein Jurist vor ihm und fragte den Pädagogen, ob er ihn wohl noch kenne. Heyermann studierte die Gesichtszüge des Mannes und sagte zur reinen Freude des Juristen: »Du bist der Pascal!«

Dabei hätte der Zweite Weltkrieg auch für ihn Endstation werden können, hätte er nicht so viel Glück gehabt. Bis zum Schluss arbeitete Hermann in der Katholischen Jugend mit, ehe 1936 von den Nazis die Zwangsüberweisung der Organisation ins Jungvolk eingeleitet wurde. Die Eltern schickten den Jungen für drei Jahre auf eine Kölner Aufbauschule. »Das war damals ein Novum, weil die kein Schulgeld kostete.« Die Mittlere Reife ermöglichte es Heyermann dann, die Lehrerbildungsanstalt in Neunkirchen zu besuchen – die erste Lehrerprüfung legte er erfolgreich in Trier ab. Militär 1942: Infanterie, das bedeutete zu dieser Zeit bereits, Einlass zu bekommen ins Vorzimmer des Todes. Die Mahnung der Mutter im Ohr: »Junge, pass auf dich auf!« meldete sich Heyermann zur Luftwaffe und gab dort an, er habe vor, Meteorologie zu studieren. Und tatsächlich: Er erhielt einen Marschbefehl nach Rom zwecks Ausbildung zum Wetterdienst bei PZR, einem Sender, der den ganzen Mittelmeerraum mit verschlüsselten Wetterdaten versorgte. »Ich war alles andere als ein Soldat. Einen Menschen töten, das war mir von meiner ganzen Art her nicht möglich«, berichtet der gläubige Christ. Ein Krieg sei durch nichts zu rechtfertigen. Wie ein Tourist sei er durch Rom flaniert, Rom, die offene Stadt, in der Uniformen nicht getragen werden durften, im Straßenanzug, als Gast einer Pension. Eine Gnade des Schicksals sei es wohl gewesen, denkt Heyermann noch heute. Es folgten Stationen in Mailand und Verona, die Alliierten landeten. Doch die Meldung zum Fliegenden Personal war eine Fehlentscheidung. »Ich wurde in Lyon zum Bordfunker ausbildet, das hätte ein Jahr dauern sollen«, erinnert sich der Lehrer, der hoffte, der Krieg würde vor seinem ersten Einsatz längst aus sein. Doch da hatten die Deutschen kaum noch Flugzeuge. Alles zog sich in Richtung Deutschland zurück, er landete in einer Fallschirmdivision und sah sich 1944 mitten in der Ardennenoffensive. Mit einem Steckschuss im Hüftgelenk gelangte Heyermann in ein Lazarett in Lindau und geriet in Fürstenfeldbrück in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Das Ende des Krieges war für die meisten Überlebenden ein Neuanfang. Da bedeutete die Dienstwohnung in Elkenroth ein Paradies auf Erden, auch wenn die Klassen zuweilen über 60 Kinder stark waren. An drei Tagen die Woche sah man den gebürtigen Kölner auch zu Fuß nach Molzhain gehen, wo er an der einklassigen Dorfschule Unterricht gab.

Erst als man in Gebhardshain die Hauptschule errichtete, wurde die zwischenzeitlich zur Mittelpunktschule gewordene Elkenrother Schule zur Grundschule. Unterrichtet hat Hermann Heyermann, der 1970 Rektor der Grundschule wurde, so ziemlich jedes Fach. »Die Kinder müssen spüren, dass der Lehrer ihnen helfen will und Anteil nimmt an ihrem Geschick, ein Herz für sie hat. Dann regelt sich alles von selbst«, verrät der erfahrene Pädagoge.

Freude am Lesen

Philosophische Fragen und Literatur sind heute die Steckenpferde des pensionierten Rektors. »Ich freue mich immer, wenn ich ein Buch bekomme«, merkt er an und deutet ein wenig amüsiert auf die stattliche Bücherwand. Er wisse nicht, ob er noch dazu komme, das alles zu lesen, sagt er.

Heyermann bedauert ein wenig den großen Einfluss der Unterhaltungsmedien – besonders auf die Jugend. »Die Welt ist von Lärm erfüllt, sie kommen gar nicht mehr zur Ruhe.« Insofern bestehe heute kein großer Unterschied mehr zwischen Stadt und Land. Und vom Tod wolle heute schon gar keiner mehr etwas wissen. Dabei könne man sich gut darauf vorbereiten.

Die Reiselust erfasst ihn dann und wann. Hermann Heyermann macht noch gern Touren mit dem Auto in die nähere Umgebung. Wenn es die Gesundheit zulässt, möchte er gern einmal an den Golf von Neapel reisen.

»Manches Leben ist mit Sinn erfüllt, manches nicht. Demut und Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit sind ganz wichtige Eigenschaften«, findet er. Heyermann gebraucht zum Abschluss ein hübsches Bild, um das Leben zu beschreiben: »Es ist so wie ein Teppich«, sagt er. »Der Mensch erkennt von unten oft nur ein Gewirr von Fäden, aber Gott blickt von oben auf ein wundervolles Muster.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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