Die »Unmaßstäblichkeit« der Türme

Windpark-Gutachten: Viele Gebhardshainer fürchten nun um ihre einzigartigen Fernsichten

goeb Gebhardshain. Der ästhetische Reiz der Gebhardshainer Kulturlandschaft würde durch das Errichten weiterer Windkraftanlagen deutlich verlieren – zu diesem Ergebnis gelangt eine Studie des Münchener Honorarprofessors Dr. Werner Nohl (TU), der im Auftrag der Bürgerinitiative »Bürger von Gebhardshain für Gebhardshain gegen Windkraft« ein Gutachten anfertigte, das sich mit den Folgen des geplanten Windparks auf dem Spielstück beschäftigt. Schon in den kommenden zehn Tagen könnte seitens des Kreises Altenkirchen eine Entscheidung über die Baugenehmigung fallen.

Umweltverträglichkeitsprüfung gefordert

Landschaftsarchitekt Nohl kommt in seiner Expertise zu dem eindeutigen Ergebnis, dass Windkrafttürme die Gebhardshainer Höhenzüge nachhaltig schädigen würden. Er ist der Ansicht, dass der Eingriff derart gravierend wäre, dass dem Genehmigungsverfahren eine Umweltverträglichkeitsprüfung hätte vorangehen müssen.

Das 40-seitige Gutachten stellt für das Gebiet »eine immense Nachfrage nach landschaftsgebundener Erholung« fest: Rad- und Wanderwege auch überörtlicher Bedeutung streiften das besagte Gebiet, das nach Dafürhalten des Müncheners auch einen großen Wert für die Naherholung besitzt. Die weithin sichtbaren bis 150 Meter hohen Türme störten die Blickachsen in dem mit karg-schönen Hochflächen und einzigartigen Talausformungen ausgestatteten Landstrich.

Fremdkörper in der Kulturlandschaft

Professor Nohl spricht von einer »Missachtung elementarer Maßverhältnisse in einer Landschaft«. Der geplante Windpark bliebe »eben wegen seiner Unmaßstäblichkeit in ästhetischer Hinsicht für immer ein Fremdkörper, der dieser noch weitgehend kleinteiligen, bäuerlichen Kulturlandschaft das angestammte Maßsystem rauben und auf diese Weise die charakteristischen Landschaftsbilder entstellen würde«.

Plateau am stärksten betroffen

Technische Überfremdung und Eigenartsverluste durch die »vertikalen Dominanten« führten für die Betrachter der Höhenzüge zu einer Art »Horizontverschmutzung«, so Nohl weiter. Auch das permanente Kreisen der Rotorblätter in fünffacher Höhe über den Wäldern (»Blickfänger«) passe nicht zum idyllischen Gesamteindruck des Landschaftsbildes. Schematische Darstellungen von Blickuntersuchungen in dem Gutachten aus München gehen davon aus, dass das hoch liegende weitgehend offene Neunkhäuser Plateau von der visuellen Einstrahlung der Windkraftanlagen am stärksten betroffen wäre. Auch »Gegenhangbelastungen« spielten für Wanderer und Spaziergänger in den Berg- und Hügelländern an Sieg, Nister, Heller und Wied eine große Rolle.

Blick würde hängen bleiben

Gebhardshains Nachbarn kämen ebenfalls in den »Genuss« vom Gebhardshainer Spielstück, wie der Analyse Nohls weiter zu entnehmen ist: Der wunderbare Blick vom Südrand Hachenburgs über Kloster Marienstatt würde unweigerlich in den WKAs bei Gebhardshain hängen bleiben. Zentral im Sichtfeld liege das Spielstück ferner beim Blick von Honigsessen aus. Wörtlich: »So würde durch die sieben Windkraftanlagen bei Gebhardshain der Blick vom Gräbersbergturm (im Südosten von Hachenburg gelegen) in nordöstlicher Richtung zum Wildenburgischen Land und zum Bergischen Land, vom Ottoturm der Blick in südwestlicher Richtung in den Montabaurer Westerwald und vom Raiffeisenturm (südwestlich von Hamm) der Blick in östlicher Richtung ins südliche Siegerland und in den nördlichen Hohen Westerwald gravierend beeinträchtigt«.

Lichter aus 20 km Entfernung zu sehen

Nohl geht in seinem Gutachten auch auf die Wirkung von Rotorgeräuschen ein und kursorisch auf die Auswirkungen auf die Lebenswelt der Vögel. Wegen der Höhe von 147 Metern sei zudem Nachtbefeuerung an den Türmen notwendig. Nohl zieht als existierende Beispiele daür die beiden schon installierten WKAs im nahen Kundert heran, deren Lichter in klaren Nächten noch aus der Nähe des 20 Kilometer entfernten Waldbröler Landes gesehen werden könnten. Schließlich schlügen Windparks negativ auf die Übernachtungszahlen von Feriengästen durch, berichtet der Professor. Das wiesen Untersuchungen in anderen Teilen Deutschlands zweifelsfrei nach.

Frühe Fotos Sanders entstanden hier

Werner Nohl führt abschließend den 1897 in Herdorf geborenen weltbekannten Fotografen August Sander an, der seine frühen fotografischen Erfahrungen ausgerechnet in diesem Teil des Westerwaldes sammelte. Sander habe wie kaum ein anderer »den sachlichen Blick« in die ästhetische Landschaftsfotografie eingeführt. Mit der Errichtung des Windparks, argumentiert Nohl, würde die Landschaft so sehr verfremdet, dass in ihr der Entstehungszusammenhang von Landschaft und modernem landschaftlichem Sehen, das von hier seinen Weg in die Kunst des Fotografierens im frühen 20. Jahrhundert nahm, nicht mehr nachvollzogen werden könnte.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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