Eine tödliche Flut stürzte in den »Alten Mann«

Schweres Unglück in der Grube »Bindweide« vor 130 Jahren / Mächtige Pinge randvoll mit Wasser / Ein Arbeitsbuch schafft Klarheit über die zwölf Opfer

Hoko Steinebach. Der 6. und der 7. März 1872 haben sich immer noch nachhaltig in das Gedächtnis vor allem der Bevölkerung im Gebhardshainer Land eingeprägt. Damals, vor 130 Jahren, ereignete sich in der Grube »Bindweide« das folgenschwerste Unglück im Siegerländer Spateisensteinbezirk, das insgesamt zwölf Todesopfer forderte. Aus einem der ausgeerzten Tagebaue (Pingen) brachen gewaltige Wassermassen, vermischt mit Bergeversatz, in den darunter befindlichen »Herculesstollen« ein und schlossen in Sekundenschnelle die im »Alten Mann« beschäftigte Belegschaft ein.

Ein Wettlauf mit dem Tod begann, wobei sich die sofort eingeleiteten Bergungsmaßnahmen wegen des nachrutschenden Schlammgemischs als äußerst schwierig und gefährlich erwiesen. Sieben Bergleute konnten nicht mehr gerettet werden. Als am nächsten Tag eine weitere Mannschaft unter Leitung des Königlichen Bergmeisters Johann Schmidt zur Hilfe kommen wollte, erfolgte ein zweiter schwerer Einbruch, der weitere fünf Todesopfer forderte. Sie konnten erst nach Monaten geborgen werden.

Berichte zum Teil widersprüchlich

Über das »schreckliche Unglück am Mittwoch, 6. März, auf der im Bergrevier Daaden bei Steinebach gelegenen, dem Herrn Theodor Stein in Kirchen gehörigen Grube Bindweide & Hercules« (Siegener Kreisblatt) sind verschiedene Berichte der Bergbehörden und der Tagespresse mit detaillierten, aber zum Teil widersprüchlichen und – wie im Nachhinein festzustellen ist – auch unrichtigen Angaben überliefert.

Weitgehende Übereinstimmung besteht in der Schilderung über den Ablauf der unglücklichen Ereignisse unter Tage. Demnach war die Vormittagsschicht mit dem Heranholen des sog. »Alten Mannes« - Berg- und Gesteinsüberresten einer früheren Betriebsperiode - beschäftigt, mit denen bergmännischen Baue ganz oder teilweise verfüllt wurden. »Eine eintretende Stockung in dem Nachrutschen desselben veranlaßte gegen 11 Uhr das Einsetzen eines Schusses in ein größeres Felsstück, worauf sich die Massen, wie hier gewöhnlich stark mit Wasser vermischt, sehr lebhaft in Gang zu setzen begannen, so zwar, daß es nach beendigter Brodschicht angezeigt erschien, die ernstlich bedrohte Strecke zu verlassen«, berichtete das Siegener Kreisblatt. »Ehe dies jedoch geschehen konnte, erfolgte der plötzliche Durchbruch so gewaltiger Massen, daß 15 Mann davon verschüttet wurden. Den sofort gemachten allseitigen Anstrengungen gelang es, bis zum andern Tage 2 Personen todt und 3 lebend heraus zu schaffen.« »Ihr Arbeitsort (der Bergleute) war ein langer, in seiner Firste etwas geneigter Abbau, der ungefähr in der Mitte seiner Längenausdehnung einen Schacht zum Bezug der Berge (Versatz) besaß, der seinerseits zu Tage in einer ungeheuren Pinge auslief«, informierte die »Kölnische Zeitung« genauer. Vor dem Unglück hatte starker Regen offensichtlich die Abflüsse durch den lettigen Tonschiefer verstopft, so dass sich die Pinge in einen stattlichen, etwa 60 Meter breiten See verwandelt hatte. Der Schuss unter Tage löste das »gebräche« Gebirge und verursachte damit die verheerende Flut, die mit hohem Druck auf die im oberflächennahen Abbaubereich tätigen Bergleute stürzte.

»Während nun die Rettungsarbeiten noch weiterhin unausgesetzt fortgeführt wurden, war auf geschehene Meldung der in Betzdorf wohnende Bergmeister des Reviers, Herr Joh. Schmidt, ein ausgezeichneter, pflichttreuer und in hohem Grade beliebter Beamter, herbeigeeilt und hatte sich sofort auf die Unglücksstätte begeben, auch demnächst mit den geretteten Leuten ein ausführliches Protocoll über den Hergang aufgenommen«, heißt es weiter im Kreisblatt.

»Hülfe war leider diesmal nicht möglich«

»Am Donnerstag nachmittags 4 Uhr war Herr Schmidt mit Herrn Utsch, Steiger der Grube, und dem Diätar Stein des Reviers Kirchen wiederum in der Grube. Der Erstere hatte noch in richtiger Würdigung der Gefahr seiner Umgebung eine Stelle bezeichnet, wohin sie sich eintretenden Falles flüchten sollten, als ein neuer und wiederum so unheilvoller Durchbruch erfolgte, daß er die genannten drei Personen und außerdem noch zwei Bergleute begrub. Einigen nur gelang es, die bezeichnete Stelle noch rechtzeitig zu erreichen. Hülfe war leider diesmal nicht möglich. Die gefallenen Gebirgsmassen sind so bedeutend, dass ein längeres planmäßiges und mit vieler Vorsicht vorzunehmendes Arbeiten erforderlich sein wird, um zu den Leichen der Verschütteten zu gelangen. Es werden wohl noch Wochen darüber hingehen.« Diese Prophezeiung sollte sich als richtig erweisen.

Authentisches »Verzeichniß« der Opfer

Während die folgenden Berichte über die Bergungsarbeiten mit einigen spekulativen Erwartungen verbunden wurden, enthält das von Frau Annemarie Pfeifer in Wallmenroth aufbewahrte Arbeitsbuch ihres Großvaters väterlicherseits, Theodor Stahl, ein authentisches »Verzeichniß der am 6ten und 7ten März 1872 verunglückten Leute auf Grube Bindweide«. Der gebürtige Niederfischbacher war zunächst in Biersdorf und dann seit Anfang der 1870er Jahre als Steiger auf der Grube »Bindweide« tätig und hatte in dieser Funktion ein Arbeitsbuch geführt. Seine mit Bleistift vorgenommenen, zum Teil nur noch schwer lesbaren Eintragungen schaffen endgültig Klarheit über die Zahl und die Identität der von der Katastrophe betroffenen Bergleute. Überliefert sind ihre Namen und ihr Wohnort, jeweils das Datum des Unglückstags und der Bergung. Auch werden Zeugen genannt. Diese Angaben waren bis vor einigen Monaten sogar den Bergbaufreunden in Steinebach unbekannt.

Von Schrotkugeln schwer verletzt

Stahl – er wohnte zuletzt in Herdorf - wurde übrigens am 20. Mai 1879 von drei Männern auf dem Weg zur Grube überfallen, von Schrotkugeln schwer verletzt und der Lohngelder beraubt. Die Namen der Täter sind nach heutigem Kenntnisstand nicht bekannt geworden. Der Vorfall sollte offenbar vertuscht werden, wie Annemarie Pfeifer vermutet. Eine verdächtige Spur soll zu Angehörigen der Belegschaft geführt haben. Nach den Aufzeichnungen Stahls verunglückten Wilhelm Weller aus Fensdorf und Peter Mockenhaupt aus Elben am 6. März, sie wurden noch am selben Tag tot geborgen. August Schuhen (Kotzenroth), Wilhelm Gräb (Nauroth), Heinrich Bell (Steineberg), Wilhelm Stumpf (Dickendorf) und Wilhelm Büdenhölzer (Gebhardshain) gehörten außerdem zu den sieben Opfern des ersten Wassereinbruchs. Sie konnten erst im August 1872 gefunden und beerdigt werden.

Ohne namentliche Nennung

Von der am 7. März eingesetzten Rettungsmannschaft starben der Bergmeister Schmidt (Betzdorf), der Steiger Friedrich Utsch (Steinebach), Christian Löhmann (Elben), Dieter Stein (Bürdenbach) und Peter Held (Mörlen) in Folge der zweiten Sturzflut. Ihre sterblichen Hüllen wurden ebenfalls erst im Laufe des Monats August geborgen. Die Angaben von Theodor Stahl mit insgesamt zwölf verunglückten Bergleuten wurden in der amtlichen »Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen in dem preußischen Staate« (Berlin) ohne namentliche Nennung bestätigt. Die 1882 erschienene Beschreibung des vereinigten Bergreviers Daaden-Kirchen erwähnte dagegen 14 tödlich verunglückte Beamte und Arbeiter in der Grube »Bindweide« - wahrscheinlich ein Missverständnis, das dann guten Glaubens verschiedentlich in der Literatur übernommen wurde. Als Konsequenz aus dem Unglück wurde auf »Bindweide« ein neues Abbausystem eingeführt, mit dem fortan ein Meter starke Sicherheitspfeiler im »Alten Mann« stehen gelassen wurden.

Die oft gestellte Frage, wo sich die Tragödie des zweimaligen Wassereinbruchs ereignet hat, dürfte anhand der Bergwerksrisse zu beantworten sein. So zeigt der Fundamental-Seigerriss (Querschnitt) der Grube »Bindweide« oberhalb von Steinebach eine ungewöhnliche Vertiefung (Pinge) in der Tagesoberfläche und einen mit dem »Herculesstollen« in Verbindung stehenden Tagesschacht, wie in der »Kölnischen Zeitung« beschrieben. Gleichzeitig weisen alte Situationsrisse noch eine mächtige Pinge (Höhenlinie über 405 Meter) über dem gleichnamigen Grubenfeld auf, in das der in 370 Höhenmetern angesetzte untertägige Vortrieb führte. Hier ist der Unglücksort zu vermuten.

Von Krupp übernommen

Nach der Katastrophe wurde Theodor Stein »der Betrieb seiner Gruben so verleidet, daß er am 1. Mai des genannten Jahres den größten Teil derselben an die Firma Friedrich Krupp in Essen verkaufte«, wie in der »Geschichte des Geschlechtes Stein Kirchen an der Sieg« nachzulesen ist. Vor allem der Tod seines Neffen, des Bergmeisters Johann Schmidt, hatte ihn tief getroffen. Krupp zahlte damals für diese »äußerst wertvollen Gruben an Sieg und Lahn« 2,5 Millionen Taler. Stein gab den Erlös u.a. als Entschädigung an die Angehörigen der verunglückten Bergleute weiter und richtete eine Stiftung von 20.000 Talern beim Heller Knappschaftsverein ein, aus der bedürftige Bergleute und deren Familien unterstützt wurden.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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