Forderung nach Ende der »Spargelzeit«

Naturschutzverein Sieg-Westerwald lud Windkraft-Gegner zum Forumsgespräch

fram Gebhardshain. Niemand kettet sich an Baugeräte, blockiert die Zufahrtswege. Keine Protest-Transparente ziehen den Blick an. Auf der Anhöhe im Dreieck Gebhardshain, Malberg und Obermörsbach entstehen derzeit zwei 159-Meter-Windkraftriesen der Firma Juwi aus Mainz. Die Mitarbeiter montieren bald an zwei gigantischen Kränen den ersten Stromgenerator samt Propellerblätter. Am gestrigen Sonntag: Die Menschen kommen aus Schaulust her; kein Protest zu erkennen. Wieso auch, möchte man meinen, schließlich handelt es sich um alternative Energien. Und der Blick – an klaren Tagen bis zum Siebengebirge – ist nicht verstellt. Aber: Es sind natürlich Windräder zu sehen. Die Windkraftparks gehören mittlerweile zum Landschaftsbild des Westerwalds. Spitzenreiter ist eine Fläche zwischen Hof und Bad Marienberg mit 19 unermüdlichen Rotoren. »Verspargelung« nennen das die Windkraft-Gegner.

Für die neugierigen Wanderer auf der neuesten Baustelle haben Helmut Schelhas, 3. Vorsitzender des Vereins für Naturschutz Sieg-Westerwald, Dieter Krämer, Schriftführer und Mitbegründer des Bundesverbandes für Landschaftsschutz, FDP-Kreistagsmitglied des Westerwald-Kreises Gilbert Hüsch, Karl-Heinz Fuchs aus Gebhardshain und Lieselotte Kuhl als eine der Betroffenen nichts übrig. Die Besitzerin des Ausflugslokals Fuchskaute moniert, dass 500 Meter von dort entfernt »zwölf dieser Dinger« entstehen sollen. »Gaffertourismus« ist der Rummel um die Juwi-Riesen für die lokalen Gegner. Sie sind sich einig, dass die Baustellenbesucher außer Müll nichts da lassen. Das ist nur eines ihrer vielen Argumente gegen Windkrafträder.

Krämer erläuterte einige am Samstag bei einem Forumsgespräch in Gebhardshain. Die rhythmische Lärmbelästigung durch die Rotation führe zu Stress, Nervosität und Schlaflosigkeit; die Anlieger fühlten sich eingekesselt. Das Problem sei nicht nur der hörbare Schall, sondern auch der Infraschall: Vibrationen, die sich über Kilometer fortsetzten. Ornithologen machen auf die Gefahr für Vögel aufmerksam. Statistiken sprechen davon, dass die rund 12300 Anlagen in Deutschland jährlich über eine Millionen Vögel »zerschredderten«, wie Krämer erklärte. Vögel wie der Milan verließen ihr angestammtes Revier, Zugvögel würden auf einen Zickzackkurs gebracht und ihr Ziel womöglich nie erreichen.

Auch bei der Effektivität der alternativen Stromquelle haben die Gegner ihre Zweifel, nicht nur hinsichtlich der Windschwankungen. Die Rechnung, dass eine Kilowatt-Stunde Windstrom eine herkömmliche ersetze, ginge laut Krämer nicht auf. Die Großkraftwerke in Deutschland würden trotz Einspeisung im Standby-Betrieb mitlaufen – viel heißer Dampf werde abgelassen. Auch Herstellung, Montage, Betrieb, Wartung wirkten einer Kohlendioxid-Verminderung kaum entgegen. Hüsch kritisiert wie seine Partei die Subventionierung von Windrädern. Dies sei Umverteilungen des Geldes vieler in die Taschen weniger, sagte er. Für Versicherungen wären Windkraftanlagen außerdem eine Katastrophe, meinte Krämer, weil die Schadensregulierung nach wenigen Jahren die Prämie übersteige. Theoretisch hielten die Anlagen 20 Jahre, in der Realität sei ein Austausch der Rotorblätter schon nach fünf bis acht Jahren fällig.

Der Naturschutzverein Sieg-Westerwald setzt daher auf Kohlekraft-, Biomasse- und Erdgaskraftwerke mit leistungsstärkeren Turbinen – solange jedenfalls die Solartechnik nicht ausgereift sei, erklärte Krämer. Selbst Fuchs, vor fünfzehn Jahren entschiedener Gegner eines Kohlekraftwerkes, hat nun den von ihm damals befürworteten Windpark Friedewald vor Augen – und dann die Seiten gewechselt.

Die Argumente sollen zur Hauptversammlung des Naturschutzvereins am 12. Dezember um 18 Uhr im Bürgerhaus Steinebach auf den Tisch. Einladungen ergehen an wissenschaftliche Vertreter der Windradgegner, gewissermaßen das Rückrad der Argumentation; und natürlich an die Bevölkerung, an Politiker und Behörden. Aus Berlin und von den großen Naturschutzverbänden wie NABU und BUND hätte sich Schelhas mehr erwartet. Die Umweltverbände kümmerten sich eher um die Offshore-Flächen, sagte er. Auf dem Westerwald blühe der »Spargel« indessen weiter.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen