„Es hat sich eingespielt“
Westerwaldbus: positives Resümee

Landrat Michael Lieber, Geschäftsführer Oliver Schrei und Erster Kreisbeigeordneter Konrad Schwan (v. l.) zogen gestern auf der Bindweide ein erstes Fazit. Der Kreis organisiert seit gut einem halben Jahr den Großteil des Busverkehrs selbst.
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  • Landrat Michael Lieber, Geschäftsführer Oliver Schrei und Erster Kreisbeigeordneter Konrad Schwan (v. l.) zogen gestern auf der Bindweide ein erstes Fazit. Der Kreis organisiert seit gut einem halben Jahr den Großteil des Busverkehrs selbst.
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  • hochgeladen von Dr. Andreas Goebel (Redakteur)

goeb Bindweide. Frohe Mienen und das Thema Linienbusverkehr – das erlebte man in der Vergangenheit selten zusammen. Bei der Westerwaldbus GmbH, der noch jungen Tochter der kreiseigenen Westerwaldbahn, zogen gestern Landrat Michael Lieber, Geschäftsführer Oliver Schrei und Erster Kreisbeigeordneter Konrad Schwan im Betriebsgebäude auf der Bindweide ein positives Resümee. Denn der Kreis übt sich seit gut einem halben Jahr als „Busunternehmer“. Wie berichtet, hatte er sich vom starke Verluste einfahrenden Gütertransport der Bahn endgültig verabschiedet und unter dem Dach der WW-Bahn eine Busgesellschaft gegründet.

Dass es eine Erfolgsgeschichte werden könnte, hatten sie vielleicht zu hoffen gewagt, drauf gewettet hätten sie wohl eher nicht. Auch der Chor der Unkenrufer („Wir können nicht Bahn und wir können nicht Bus“ etc.) steigerte den Erwartungsdruck.

Doch offenbar kann der Kreis liefern. Das Trio beantwortete die Fragen der Journalisten gestern geduldig und entspannt. Das war nicht immer so. Schrei sprach sogar vom „Dauerfeuer“, unter dem man zweieinhalb Jahre gestanden habe. Zuvor besaß die Westerwaldbahn etwa zehn Busse und beschäftigte acht Fahrer, jetzt sind es 63 Fahrer und 50 Busse. Die Fahrleistung pro Jahr beträgt 2,5 Mill. Kilometer, wobei davon etwa 680 000 Kilometer von Subunternehmern abgedeckt werden.

Erfolge verbucht das Unternehmen auf mehreren Ebenen. Zum einen registrieren die Fahrer „gefühlt“ mehr Kunden und es kommt mehr Geld rein (eine reguläre Fahrgastzählung ist für Herbst geplant), zum anderen gelang es der Westerwaldbus, zahlreiche Busfahrer – inzwischen ein Mangelberuf – zu verpflichten. Laut Schrei war es nicht das Gehalt allein, das die Fahrer interessierte. Zwar lockt die Tarifbindung, aber die genießen zumindest die älteren Kollegen in Siegen auch (wo im Moment alles drunter und drüber geht, wie die SZ mehrfach berichtete).

Mindestens genauso attraktiv sei das nette Betriebsklima. Als Arbeitgeber habe man auch vermieden, Busfahrer in geteilte Dienste zu zwingen, sagte Schrei, also Einsätze beispielsweise von 8 bis 11 Uhr und von 16 bis 21 Uhr. Die gibt es nur ganz wenig. „Und die Fahrer wechseln sich ab.“ Gut angekommen sei ferner die Bereitschaft, den Busfahrern Dienstjahre, die sie bei Privaten angesammelt haben, anzurechnen. Und schließlich gibt es ein Weihnachtsgeld, das doppelt so hoch ist wie üblich (beispielsweise 800 Euro statt 400). Außerdem seien die Routen so getaktet, dass sich die Frau bzw. der Mann am Steuer sich nicht um Kopf und Kragen fahren muss, um sie einhalten zu können.

Aufsichtsratsvorsitzender Konrad Schwan erinnerte daran, dass es anfangs starke Proteste gegeben habe wegen der Linien und Zeiten. „Aber wir haben mehrfach nachgebessert, sodass wir jetzt fast keine Beschwerden mehr haben. Es hat sich eingespielt.“

Besonders gut laufen demnach die Nachtbusse und Fahrten zu Sonderveranstaltungen. Erfahrungen des Zweckverbands zeigten, dass man drei Jahre Geduld aufbringen müsse, bis die Bürger Linien und Zeiten verinnerlicht haben.

„Wir haben es richtig gemacht“, urteilte Michael Lieber. „Wir haben früh gesehen, dass Konzessionen ablaufen und haben uns darum gekümmert.“ Als Erfahrungsvorteil wird auch angesehen, dass sämtliche Fahrer am 1. November eingestellt worden sind und nicht erst einen Monat später, was finanziell verlockend gewesen wäre. So hätten sie sich, berichtete Schrei, mit den Bussen, den Kassen, den Strecken und Haltestellen ausreichend vertraut machen können, ehe es am 9. Dezember ernst für sie wurde.

Als Nachteil verbuchte Landrat Lieber die schleppende Unterstützung durch Land und Bund. „Wir hören seit langer Zeit, dass es ein Nahverkehrsgesetz geben soll“, kritisierte er. „Es geschieht in der Sache kaum etwas, es gibt noch nicht einmal einen Referentenentwurf.“ Ihm gefiel auch nicht, dass der Landkreis Altenkirchen 5 Mill. Euro vorfinanzieren musste, ehe das Geld in zwei Jahren erstattet wird. Deswegen sei das Defizit im Haushalt größer ausgefallen. „Da hängt die Politik schwer zurück.“

Zum Hintergrund: Bis jetzt ist nur die Organisation der Schülerverkehre für die Kreise Pflicht. Ein Nahverkehrsgesetz würde dazu führen, dass Kreise den gesamten Öffentlichen Personennahverkehr als Pflichtaufgabe wahrnehmen würden. Laut Lieber ist das längst überfällig. Wenn der Gesetzgeber es mit der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Stadt und Land ernst meine, sei das nur konsequent.

Auch der von Bürgern erhobene Vorwurf der „Geisterfahrten“, also leer fahrender Busse durch Ortschaften, kam im Pressegespräch zur Sprache. Geschäftsführer Oliver Schrei sagte, dass man hier nicht verallgemeinern dürfe. Leerfahrten seien in den ersten Monaten häufiger vorgekommen, da die Fahrgäste sich an die neuen Zeiten und Routen erst hätten gewöhnen müssen. „Zum Teil bekommt man den Eindruck, wenn Busse auf einer Route gerade erst gestartet sind. Gegen Ende sind sie dann voller.“ Deshalb greife auch das Argument nicht, kleinere Busse einzusetzen. „Wenn ich mittags einen großen Bus brauche, kann ich den Fahrer nicht in einen kleinen setzen.“

Manchmal seien es auch Fahrten auf dem Weg zur Pause, etwa in Wehbach. Leider gebe es zu wenig Plätze zum Parken der Busse (für Pausen).

Die Fahrpläne erstellt der Verkehrsverbund Rhein-Mosel (VRM). Allerdings sei dieser offen für Veränderungen. Laut Geschäftsführer Schrei habe es zwei Plananpassungen im Januar, eine im März und eine im Mai gegeben. „Die fünfte ist in Planung. Sie wird zum allgemeinen Fahrplanwechsel im Dezember greifen.“ Vor allem die Verzahnung mit dem Busverkehr im Raum Siegen soll davon profitieren.

Michael Lieber lobte die Vertaktung auch am Wochenende, etwa im Raum Betzdorf (wo ein 2-Stunden-Takt eingehalten werde). Und laut Konrad Schwan fahren neue bzw. „wiedergewonnene“ Kunden mit dem Bus. So hätten früher viel mehr Frauen den Busverkehr zum Betzdorfer Wochenmarkt dienstags und freitags genutzt. „Das ist eine Klientel, die uns zwischenzeitlich verloren gegangen ist“, sagte Schwan. „Die gewinnen wir nun wieder.“

Der Landkreis besitzt mit der Westerwaldbahn ein eigenes Verkehrsunternehmen und konnte das Busgeschäft ausweiten. Die von ihm zusammengestellten Linienbündel mit wirtschaftlichen und weniger wirtschaftlichen Linien wurden europaweit ausgeschrieben. Da dies ohne Bewerber blieb, konnte der Kreis die Routen als sog. „Inhouse-Vergabe“ intern ausschreiben. Das Interesse an dem Projekt seitens anderer Landkreise sei groß, bestätigte der Landrat. In Rheinland-Pfalz ist AK der einzige Landkreis mit Verkehrsunternehmen.

Landrat Michael Lieber, Geschäftsführer Oliver Schrei und Erster Kreisbeigeordneter Konrad Schwan (v. l.) zogen gestern auf der Bindweide ein erstes Fazit. Der Kreis organisiert seit gut einem halben Jahr den Großteil des Busverkehrs selbst.
Die Fahrer hatten mehr als einen Monat Zeit, sich mit den Routen und den Haltestellen vertraut zu machen.  Archivfoto: SZ
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

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