Wo sind all die Kinder hin?

Dem Kreis fällt es immer schwerer, seine Kindergärten zu füllen / Jetzt drohen Schließungen

goeb Steinebach. Ganz ungeschminkt sagte es wohl nur Bürgermeister Konrad Schwan: »Ich warne davor, die Hoffnung zu wecken, dass im Kreis Altenkirchen alle Gruppen überleben werden. Auch in der Verbandsgemeinde Gebhardshain nicht.« Da gab es Protestrufe aus dem Publikum, in dem viele Erzieherinnen und Mütter saßen, denn um die Zukunft der Kindergärten ging es gestern Abend in einer großen Gesprächsrunde im Bürgersaal Steinebach. »Die Gemeinde ist familien-unfreundlich«, entfuhr es einer aufgebrachten Dame im Eifer der Debatte.

Nicht nur Steinebach war Thema

Der Kindergarten Steinebach und Ortsbürgermeister Joachim Greb hatten eine Anzahl hochkarätiger Entscheidungsträger aus dem AK-Land an einen Tisch gebracht, darunter immerhin drei Bürgermeister und zwei Bundestagsabgeordnete. Da leuchtete rasch ein, dass es an diesem Abend nicht nur um Steinebach gehen konnte.

Der »Wackelkandidat« Steinebach ist aber beispielhaft für manche Gruppe zwischen Flammersfeld und Niederschelderhütte. Die Wahrheit spricht hier eine deutliche Sprache: Es werden zu wenig Kinder geboren, um die Gärten zu füllen. In Steinebach sind es zurzeit um die 30, darunter einige, die nicht aus dem Ort stammen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird man daraus eine Gruppe zusammenschmelzen mit dem unschönen Ergebnis, dass zwei von vier Erzieherinnen ihre Kündigung zum Sommer bekommen haben. »Niemand hat Freude daran, eine Kündigung auszusprechen«, erklärte sich Schwan, dem in Gebhardshain – wie seinen Kollegen in anderen Gemeinden auch – das Geld ausgeht.

Keine Lust, Fakten schön zu verpacken

Schulte man in Gebhardshain in kopfstarken Jahren gut und gerne 180 ABC-Schützen ein, werden es in diesem Jahr nur 125 sein, im Jahr 2009 gar nur 86. Was bald auf die Schulen durchschlägt, spüren schon jetzt die Krippen. Schwan schien gestern ohnehin keine Lust zu verspüren, unschöne Fakten schön zu verpacken. »Sie haben alle von den Plänen gehört, in Elkenroth ein Seniorenheim zu bauen. Wir werden in Zukunft mehr Altenpflegerinnen als Erzieherinnen brauchen, fürchte ich.« Und wieder schrie jemand unter den Zuschauern wütend auf.

28% weniger Anmeldungen

Rudolf Hombach hatte die entsprechenden Zahlen für den Kreis im Gepäck. Der Referatsleiter Jugend und Familie beim Kreis zeichnete ein düsteres Bild: »Im Zeitraum von acht Jahren verzeichnen wir einen Rückgang der Anmeldungen um 28Prozent.« Zwar hätte der Gesetzgeber immer mal wieder nachgebessert, berichtete er, beispielsweise 1991, als der Staat mit der Stichtagsregelung 1. August allen Dreijährigen einen Platz im Kindergarten garantierte, und später, als die Knirpse sogar mit dem dritten Geburtstag ihren Platz hätten einklagen können. Auch würden die Kindergartenkinder jünger. Heute verbrächten die meisten mit drei die Vormittage in der Obhut ihrer Erzieherinnen, früher seien sie im Durchschnitt vier Jahre alt gewesen. Auch ältere Hortkinder kehren mittags schon vielfach in ihren alten Kindergarten zurück und machen Schulaufgaben. »Das kompensierte den Rückgang zunächst«, erläuterte der Amtsleiter, »dennoch haben wir den Bonus jetzt aufgebraucht«. Im Effekt dünnten die Gruppen nun aus, an manchen Orten sei ihre Existenz gefährdet.

770 unbesetzte Plätze

Etwas besser sieht die Situation im Unterkreis aus, wo besonders Aussiedlerkinder die Statistik nach oben korrigieren. Das gilt vor allem für die Verbandgemeinden Hamm und Altenkirchen. Dennoch, so verdeutlichte Hombach, werden in absehbarer Zeit von den 5000 Plätzen im Kreis 770 nicht besetzt werden können. Dass es im Kreis Neuwied noch schlechter aussieht, schilderte der Abgeordnete Werner Wittlich. In Neuwied seien im vergangenen Jahr acht Gruppen aufgelöst worden, 2005 stünden noch einmal so viele an.

Beitrag müsste bei 100 Euro liegen

Auch auf die Kosten schlägt das durch, berichtete Rudolf Hombach. Derzeit zahle man kreisweit einheitlich 88 Euro je Kind. Wolle man aber den geforderten Prozentsatz der Beteiligung an den Personalkosten von den Eltern einfordern, müsste der Beitrag schon bei 100 Euro liegen, hieß es. Eine kleinere Kinderzahl führe also zu finanziellen Mehrbelastungen bei den Eltern. Finanzielle Mehrbelastungen führten indes zu größerer Zurückhaltung bei den Anmeldezahlen – ein Teufelskreis.

Dabei stehe der Kreis Altenkirchen im Vergleich zum benachbarten Westerwaldkreis (170 Euro) mit günstigeren Beiträgen da, so Hombach.

Zahlen gibt es nicht

Die Politik gab sich angesichts der dramatischen Zuspitzung mehr oder weniger ratlos. Sabine Bätzing (SPD) zitierte zwar das Tagesbetreuungsausbaugesetz, das den Kommunen vorschreibt, mehr Betreuungsangebote vorzuhalten, über die Finanzierung blieb sie aber unkonkret. Zahlen, räumte sie ein, gebe es dazu noch nicht.

Elisabeth Bröskamp ging ins Grundsätzliche und kritisierte vor allem, dass der Staat für die Kinderbetreuung nicht genug tue. Das Geld fließe in die falsche Richtung. Die Betreuung der unter Dreijährigen sei außerdem zu teuer. Anders als vorbildliche Länder hätte man hier die Dringlichkeit wohl noch nicht erkannt.

Nebulöse Nachfragen

Der Grüne Gerd Dittmann kritisierte die Bedarfsermittlung. Für den Kreis sei, bedingt durch nebulöse Nachfragen, gar nicht deutlich, mit wievielen Anmeldungen zu rechnen sei und was an Kosten tatsächlich auf ihn zukomme. Dass am Ende alles wieder an den Kommunen hängen bleibe und der Staat sich aus der Pflicht stehle, war für Bürgermeister Michael Lieber klar.

Und die Steinebacher? Die haben die Hoffnung auf den Erhalt ihrer zweiten Gruppe noch nicht ganz aufgegeben. Konrad Schwan will sich die Zahlen im Mai noch einmal anschauen und dann entscheiden. Viel Hoffnung machte er den Steinebachern allerdings nicht.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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