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Gefangen im Todestrakt
Eine Freundschaft bis in den Tod

In seinem Buch beschreibt Pete Russell seinen Weg zur Spiritualität und Meditation und gibt Hinweise zur eigenen Anwendung.
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  • In seinem Buch beschreibt Pete Russell seinen Weg zur Spiritualität und Meditation und gibt Hinweise zur eigenen Anwendung.
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gro Haiger. Fünfmal in der Woche taucht Gabriela Engel (Name von der Redaktion geändert) in das Leben des Gefangenen Pete Russell aus Texas ein. Fünfmal in der Woche schreibt sie einen Brief. Rechts oben notiert sie das Absendedatum: 28.01.2022. Mit blauer Tinte auf feinem Briefpapier. Sie gibt sich Mühe. Denn aus der anfänglichen Wut und Fassungslosigkeit wurde mit der Zeit eine echte Freundschaft. Eine Freundschaft bis in den Tod.  "Eigentlich war ich auf der Suche nach einem Monster – habe aber letztendlich nur einen Menschen kennengelernt", betont die 48-Jährige. 

Wütend auf gewalttätige Männer
Aber von Anfang an: Die aus Haiger stammende Krankenschwester und Sozialarbeiterin fühlte sich oft nicht verstanden.

gro Haiger. Fünfmal in der Woche taucht Gabriela Engel (Name von der Redaktion geändert) in das Leben des Gefangenen Pete Russell aus Texas ein. Fünfmal in der Woche schreibt sie einen Brief. Rechts oben notiert sie das Absendedatum: 28.01.2022. Mit blauer Tinte auf feinem Briefpapier. Sie gibt sich Mühe. Denn aus der anfänglichen Wut und Fassungslosigkeit wurde mit der Zeit eine echte Freundschaft. Eine Freundschaft bis in den Tod.  "Eigentlich war ich auf der Suche nach einem Monster – habe aber letztendlich nur einen Menschen kennengelernt", betont die 48-Jährige. 

Pete Russell sitzt in der „Polunsky Unit“ des Hochsicherheitsgefängnisses im texanischen Livingston.
  • Pete Russell sitzt in der „Polunsky Unit“ des Hochsicherheitsgefängnisses im texanischen Livingston.
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Wütend auf gewalttätige Männer

Aber von Anfang an: Die aus Haiger stammende Krankenschwester und Sozialarbeiterin fühlte sich oft nicht verstanden. Gerade durch die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen kamen nach und nach wieder alte Gefühle und Erinnerungen hoch. Denn Gabriela Engel wurde in jungen Jahren Opfer von häuslicher Gewalt. Sie war wütend – ganz besonders auf gewalttätige Männer. Nach einer kurzen Internet-Recherche stieß sie eines Morgens auf einen Bericht über Pete Russell. 

Gedanken und Gefühle aus dem Todestrakt

Der verurteile Straftäter aus Texas tötete in jungen Jahren seine damalige Freundin. Das Motiv: Eifersucht. Seit fast 20 Jahren besteht seine Welt aus einer 5,6 Quadratmeter kleinen Einzelzelle mit Fenster und der Aussicht auf den Tod durch die Giftspritze. „DR“ für „Death Row“, Trakt mit den zum Tode Verurteilten, steht auf seiner weißen Gefängniskleidung. Mit ihm sitzen rund 300 andere zum Tode verurteilte Häftlinge in der „Polunsky Unit“ des Hochsicherheitsgefängnisses im texanischen Livingston. Ganz aufgeben kam für den Afroamerikaner jedoch nicht infrage. Nach und nach lernte er mit der Isolation umzugehen. "In dieser Zeit half ihm vor allem die Meditation sehr", weiß Gabriela Engel. Seine Gedanken und seine Gefühle schrieb er schließlich auch in einem Buch nieder.  "Nachdem ich das Buch gelesen habe, konnte ich nicht anders, als ihm zu schreiben", erinnert sich die 48-Jährige.  Wenige Tage später schickte Engel einen Brief nach Texas.  Sie wollte verstehen, warum jemand, der gleichzeitig so tiefgründig und selbstreflektiert schreibt, einen Menschen auf dem Gewissen haben könne. "Ich habe dennoch nicht erwartet, dass er zurückschreibt. Ich dachte, er bekommt aufgrund seines Buches sicherlich Hunderte Briefe."

Eine unerklärliche Bindung

Doch es lief alles anders als gedacht: Aus der anfänglichen Selbsttherapie wurde eine tiefe, innige Freundschaft. "Ich hatte gehofft, dass ich mithilfe der Briefe meine Wut und meinen Hass gegenüber gewalttätigen Männern loswerde", erinnert sich Engel. Doch durch ihn habe sie erkannt, dass auch Straftäter sich ändern können und tief im Inneren die gleichen Bedürfnisse, Sorgen und Ängste haben. "Auch er kommt aus einem gewalttätigen Hintergrund. Wir hatten auf unerklärliche Weise sofort eine Bindung zueinander." 

Gabriela Engel schreibt seit einem Jahr Briefe an einen Mann, der seine Freundin getötet hat. Gemeinsam kämpfen sie gegen die Todesstrafe.
  • Gabriela Engel schreibt seit einem Jahr Briefe an einen Mann, der seine Freundin getötet hat. Gemeinsam kämpfen sie gegen die Todesstrafe.
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Die einzige Verbindung zur Außenwelt

In ihrem Briefwechsel unterhalten sich die beiden über viele verschiedene Dinge: "Wir schreiben uns auch über normalen Alltagskram. Also über das Wetter, das Essen und den Tag." Dennoch seien natürlich auch die Tat selbst und das Leben in der Todeszelle Themen. "Mit der Zeit habe ich dann verstanden, dass er die Tat sehr bereut und er stark daran arbeitet, ein besserer Mensch zu werden." Hin und wieder legt die Sozialarbeiterin auf Wunsch von Russell auch Fotos zu den geschriebenen Zeilen. "Man muss wissen, dass dies für die Gefangenen die einzige Verbindung zur Außenwelt ist. Ein Hoffnungszeichen, dass das Leben weitergeht und er nicht vergessen wird." 

Engel ist gegen die Todesstrafe

Dass Frauen Kontakt mit Gefängnisinsassen suchen, kommt übrigens nicht selten vor. Manchmal kommt es dabei sogar zu Eheschließungen im Gefängnis. Das ist ein bekanntes Phänomen: Frauen, die sich in Verbrecher verlieben. Frauen, die fasziniert von den "Bad Boys" sind. Das weiß auch Gabriela Engel. "Ich habe davon natürlich auch gehört. Aber mir ist es wichtig zu betonen, dass ich glücklich verheiratet bin." Auch wisse sie, was er getan habe und wolle auf gar keinen Fall seine Straftat relativieren: "Das Verbrechen ist schlimm und nicht zu entschuldigen. Dennoch bin ich absolut gegen die Todesstrafe", betont Engel. Auch aus diesem Grund habe sie ihm in der Vergangenheit neue Rechtsanwälte besorgt und eine Petition gestartet. 

Hinrichtungsdatum kann jeden Augenblick verkündet werden

Fakt ist: Aus der Brieffreundschaft, die anfänglich als Selbsttherapie dienen sollte, sei mittlerweile eine innige und echte Freundschaft geworden. Deshalb reiste die gelernte Krankenschwester vor einigen Tagen sogar nach Texas. "Ich wollte ihn besuchen, um ihn noch besser verstehen zu können und ihm zu zeigen, dass ich für ihn da bin." 

Jedoch ist ihr auch klar, dass Russels Tage gezählt sind. "Er hat alle gerichtlichen Instanzen durch. Das Hinrichtungsdatum kann jeden Augenblick verkündet werden", verrät Gabriela Engel sichtlich traurig. Doch bis dahin schreiben sich die beiden weiterhin Briefe. "Wenn es so weit ist, fliege ich dann noch einmal nach Texas, um ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten."

Autor:

Sarah Groos

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