Außer der Trendfarbe Orange nicht viel gemeinsam

Gestern Abend bei der »Elefantenrunde« in Herdorf:

DGB-Podiumsdiskussion mit Bürgermeister Uwe Erner und Herausforderer Matthias Röttgen / 250 Zuschauer im Knappensaal

damo Herdorf. Beide haben die Trendfarbe Orange erkannt. Uwe Erner, seines Zeichens Herdorfer Bürgermeister, kam gestern Abend zur DGB-»Elefantenrunde« im neu gekauften Hemd, Matthias Röttgen mit einer lachsfarbenen Krawatte. An dieser Stelle hören die Gemeinsamkeiten aber schon auf–– bis auf eine: Beide Kandidaten waren nach getaner (Diskussions-) Arbeit mit dem Verlauf des Abends und mit sich ganz zufrieden. In welchen Punkten die Kandidaten aber auseinander klaffende Meinungen und Ansichten vertraten, zeigt der thematische Überblick:

Kommunale Finanzen

Der parteilose Bürgermeister Uwe Erner stützt sich in wirtschaftlich schweren Zeiten auf seine Leitthese »Vorhandenes erhalten und Chancen nutzen«. Das bedeutet in Sachen Finanzen: »Wir müssen uns auf die klassischen Kernaufgaben einer Gemeinde konzentrieren.« Vor allem die pädagogischen Einrichtungen gelte es zu erhalten – nicht ohne Stolz verwies Erner auf die elternfreundlichen Öffnungszeiten der Kindertagesstätte und den steilen Aufstieg der Regionalen Schule. »Auch zukünftig werden die pädagogischen Einrichtungen in der Prioritätenliste die erste Stelle einnehmen.« Angesichts leerer kommunaler Kassen müsse versucht werden, Investitionen über private Investoren zu tätigen (Beispiel Lidl/Rathaus/Feuerwehrhaus).

Matthias Röttgen, parteiloser CDU-Kandidat, sieht im chronisch unausgeglichenen Herdorfer Haushalt hingegen ein grundsätzliches Problem: Es sei falsch, den Haushalt mit Krediten zu kitten, statt Bedarfszuweisungen einzufordern. So entstehe ein immer höherer Schuldendienst – die Stadt verliere Geld. »Es ist keine Schande, Bedarfszuweisungen zu bekommen.« Dem hielt Erner entgegen, dass genaue Kriterien für den Erhalt von Landesmitteln einzuhalten seien – so müssten freiwillige Leistungen entschieden zurückgefahren werden. Das treffe vor allem die Vereinsförderung, erklärte Erner – im »Städtchen« mit seiner blühenden Vereinslandschaft ein sensibles Thema.

Wirtschaftsförderung

Der 41-jährige Erner sieht hier nur begrenzte Entwicklungschancen – der Rahmen sei durch harte Standortfaktoren wie Topographie und Infrastruktur sehr eng gehalten. Um mit Erners Leitgedanken zu sprechen: »Vorhandenes bewahren.« Die Bestandspflege müsse weiter der Schwerpunkt der Herdorfer Aktivitäten sein – »große Unternehmensansiedlungen werden wir hier nicht schaffen«, sagte Erner, weil die großen Flächen einfach fehlen. Große Gewerbegebiete lassen sich laut dem Amtsinhaber nur interkommunal erschließen; was Wirtschaftsförderung betreffe, sei man mit der Mitarbeit in der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises gut beraten.

Röttgen, 39 Jahre alt, sieht das anders: Er fordert eine Neugliederung der Verwaltung mit dem Resultat, dass künftig eine Person im Herdorfer Rathaus für eine aktive Wirtschaftsförderung zuständig ist. »Das geht nicht nebenher«, konterte er Erners Einwurf, die Wirtschaftsförderung sei Chefsache. Man müsse die Unternehmen heute abholen: »Die Zeiten der passiven Wirtschaftsförderung sind vorbei.« Es gelte, die Standortfaktoren zu beeinflussen – vor allem die so genannten »weichen Faktoren«: Nur in einem attraktiven Umfeld würden sich die hochrangigen Arbeitskräfte niederlassen. Damit kam Röttgen zum nächsten Thema: dem Einzelhandel.

Einzelhandel

Hier sieht der Herausforderer großen Handlungsbedarf. Seiner Einschätzung nach kann es mit entsprechendem Einsatz der Verwaltung gelingen, einen »Kundenmagneten« wie den Elektronik-Riesen Saturn nach Herdorf zu locken. Für diesen Einwurf erntete Röttgen ein Raunen der rund 250 Zuschauer im brechend vollen Knappensaal. »Aktive Wirtschaftsförderung schafft Leben.«

Uwe Erner hielt dagegen, dass Herdorf laut Raumordnungsplan ein Grundzentrum sei, dessen Aufgabe definitionsgemäß darin bestehe, die Grundversorgung zu ermöglichen. »Den kleinen Einzelhändlern steht das Wasser bis zum Hals«, schilderte Erner seine Erfahrungen aus diversen Verhandlungsgesprächen zur Geschäftsansiedlung. Folglich sei nicht mit deren Investitionen zu rechnen; und Filialisten in der Kleidungsbranche »kommen nicht in eine Stadt mit 2500 Einwohnern«.

Verwaltungsmodernisierung

Uwe Erner ist mit dem Dienstleistungsangebot im Rathaus nach seiner Aussage zufrieden. Dezentralisierung von Verantwortung und eine Kompetenzstärkung der unteren Ebenen seien erfolgreich praktiziert worden. Um weitere Effizienz zu fördern, strebt Erner auch bei den Arbeitsabläufen der Verwaltung eine engere Kooperation mit Nachbarkommunen an. Und zum Stichwort Bürgerbüro: Eine Verwaltung mit 21 Mitarbeitern könne kaum ein Bürgerbüro auf die Beine stellen.

Das sah Röttgen anders: »Eine moderne Verwaltung kommt an einem Bürgerbüro nicht vorbei.« Das hänge auch nicht am Personal, denn durch die Kanalisierung des Publikums würden andere Mitarbeiter entlastet. Ferner verlangt Röttgen, dass in der Verwaltung eine Kosten- und Leistungsrechnung eingeführt wird.

Jugendpflege

Dieses Thema wurde in Herdorf immer wieder diskutiert – Erner erteilt der Einstellung eines hauptberuflichen Jugendpflegers eine klare Absage: »Dieser Wunsch wird absehbar nicht zu erfüllen sein.« Er kann sich aber auch in diesem Punkt eine interkommunale Zusammenarbeit, z.B. das Teilen einer Stelle mit Daaden, vorstellen.

Matthias Röttgen verlangt einen Jugendpfleger; er präsentierte gestern ein Finanzierungskonzept: Wenn man die geplante 2 Mill. Euro teure ÖPNV-Anlage abspecke, könne man mit den Ersparnissen im Schuldendienst einen Jugendpfleger bezahlen. Diese Einschätzung allerdings konterte Erner leicht: »Der Busbahnhof ist vom Rat in dieser Form beschlossen.«

»Sind Sie mit sich zufrieden?«: Diese Frage der SZ beantworteten beide Kandidaten blitzschnell mit »ja«. Ob die Wähler diese Einschätzung teilen, wird der 11. Mai zeigen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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