„Das Image dieser Region ist zu schlecht”

Bürgermeister Uwe Erner:

Diskussion um die Vor- und Nachteile des Standorts Herdorf – Probleme des Einzelhandels

Herdorf. Bürgermeister Uwe Erner brachte die Sache auf den Punkt: „Das Image dieser Region ist zu schlecht, und das ist nicht gerechtfertigt. Wir müssen und als Region besser verkaufen. Wir müssen nach außen tragen, was hier Gutes ist.” Als es gestern Abend im „Haus Schneider” im Rahmen einer DGB-Podiumsdiskussion um den Standort Herdorf ging, wollte der Verwaltungschef alles, nur eines nicht: Ins allgemeine und hohe Klagelied der schlechten Rahmenbedingungen für Unternehmen im Siegerland und Westerwald mit einstimmen. Und Erner war in erster Linie verantwortlich dafür, dass Moderator Franz Schwarz am Ende das Fazit zog: „Wir haben ein sehr positives Bild von Herdorf bekommen.” Gemeinsam mit Erner diskutierten gestern Leo Schintz, Vorsitzender des Werberings Herdorf, Arnold Trapp, IG Metall und Betriebsratsvorsitzender von Federal Mogul, sowie Bernd Klein, Fa. Thomas Magnete. Das taten sie leider vor einem äußerst überschaubaren Zuhörerkreis. Diejenigen, die nicht gekommen sind und Anspruch darauf erheben, an ihrem Wohn- bzw. Arbeitsplatz Interesse zu haben, dürfen sich ärgern.

Rund 1700 Auspendler

Fest steht jedenfalls: Auch nach zahlreichen Nackenschlägen – der jüngste in Form des Ermert-Konkurses – sind die Verantwortlichen im Hellerstädtchen gewillt, das Beste aus ihren (eingeschränkten) Möglichkeiten zu machen. Erner brach dabei eine Lanze für die Einstellung, die Probleme nicht für Herdorf isoliert, sondern als die einer ganzen Region zu sehen und gemeinsam dagegen vorzugehen. Herdorf habe ca. 1700 Beschäftigte und die gleiche Anzahl von Auspendlern, hingegen nur etwa 900 Einpendler. Vor dem großen Strukturwandel sei das Verhältnis genau umgekehrt gewesen, erinnerte der Bürgermeister.

Viele Arbeitsplätze im Tank- und Apparatebau seien zwar verloren gegangenen, so Erner, dafür aber auch rund 300 im Gewerbegebiet am Wolfsweg entstanden, und zwar „Unternehmen, die uns von der Größenordnung her gut zu Gesicht stehen”. Trotzdem sei es für ihn wichtiger als die unbedingte Ortsgebundenheit, wenn ein Herdorfer überhaupt in der Region arbeitet: „Ich bin froh über jeden, der in Burbach Arbeit findet.” Nicht vergessen dürfe man zudem bei der Diskussion, dass man im „Speckgürtel von Siegen” liege. Dabei findet für den Bürgermeister der Blick über den Tellerrand ohne Identitätsverlust statt („der Herdorfer will schließlich Herdorfer bleiben”).

Leo Schintz weiß viel über die „Abhängigkeit von Siegen” zu berichten. „Der Einzelhandel tut sich sehr schwer. Es weht ein immer eisigerer Wind.” Er wünsche sich ein größeres Angebot in Herdorf, viele innovative Händler und Dienstleister, nur: „Es fällt sehr schwer, diese Leute nach Herdorf zu holen.” Immerhin hat auch der Werbering erkannt, dass man allein im Wettbewerb der heimischen Kommunen auf verlorenem Posten steht. So gibt es nach Auskunft von Schintz mittlerweile eine konkrete Abstimmung mit den Händlerkollegen aus Daaden und Neunkirchen, was Veranstaltungen angeht. Aber trotz allem überregionalem Denken wäre es für den Werbering-Vorsitzenden immens wichtig, auch in Herdorf selbst einmal eines fernen Tages eine kleine „Einkaufsmeile” mit Flair und Atmosphäre einzurichten.

„Weiche” Standortfaktoren günstig

So etwas zählt bekanntlich zu den „weichen Standortfaktoren”, die für Unternehmen und Manager – neben Autobahnanschlüssen – ebenfalls von Bedeutung sind. So berichtete Bernd Klein, dass sein Betrieb in Stellenanzeigen nur mit Chiffre inseriere, um potenzielle Bewerber nicht durch den Namen „Siegerland” zu vergraulen. Wenn diese sich dann aber ein Bild vor Ort machten, sei der Eindruck meist positiv. Als günstige Standortbedingungen für Herdorf wurden genannt: preiswertes Bauland, eine intakte pädagogische Landschaft, das kulturelle Angebot und vor allem die „soziale Vernetzung”. „Unsere Ausgangssituation ist sicherlich gut”, meinte Erner.

Deutlich nüchterner wurde der heimische Standort allerdings von Arnold Trapp in seiner Rolle als Gewerkschafter gesehen. Auch wenn die Auftragslage bei der Fa. Krämer derzeit noch gut sei, so glaube er nicht, dass der Tank- und Apparatebau langfristig eine Chance habe. Selbst Federal Mogul habe in Herdorf gewaltige Anstrengungen unternehmen müssen, „um die Kurve zu kriegen”. Trapp: „Aber wird sind von 590 auf 420 Arbeitsplätze geschrumpft, und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange.” Die Möglichkeiten der Stadt, so der Metaller, seien nun mal begrenzt, andere Gemeinden hätten aufgrund ihrer Lage die wesentlich besseren Argumente für ansiedlungswillige Firmen.

Hohe Anforderung an Arbeitnehmer

Was in den Beiträgen von Trapp und Klein aber auch herausklang, war die Tatsache, dass in Herdorf hoch qualifiziertes Fachpersonal gesucht und manchmal kaum gefunden wird. Franz Schwarz: „Der Standort Herdorf stellt hohe Anforderungen an die Arbeitnehmer.” Leider sei jahrelang mit der Ausbildung „geschludert” worden, so dass die Fachkräfte nun fehlten, stellte aus dem Zuhörerkreis Reiner Stockschläder fest. Hier sei ein Neuaufbau erforderlich. Eine „vorausschauende Personalplanung” finde nicht statt, pflichtete der IG-Metall-Bevollmächtigte Peter Althausen bei. Hubert Salz (ebenfalls IG Metall) beklagte in diesem Zusammenhang, dass nur acht Ex-Beschäftigte der Fa. Ermert in Herdorf selbst einen neuen Job gefunden hätten.

Trotz oder gerade wegen dieser kritischen Stimmen hielt Bürgermeister Erner an einer optimistischen Prognose fest: „Die Angebote sind da, man muss sie nur positiv darstellen.” Und was den Handel angehe, so sei die Grundversorgung im Unterzentrum Herdorf sichergestellt. Angesichts einer Konkurrenz wie dem ECE könne die Frage nur lauten: „Wie kann ich besser oder anders sein?” Fazit: Die Lage im Hellerstädtchen ist so ernst nicht, von Hoffnungslosigkeit ganz zu schweigen.

thor

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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