„Das ist nicht meine Mutter …“

Elwood ist ein rundum zufriedener Mann, denn er hat ja Harvey, seinen weißen Hasen. Dr. Chumley dagegen ist trotz seines Erfolges alles andere als zufrieden!  Foto: Peter Empl
  • Elwood ist ein rundum zufriedener Mann, denn er hat ja Harvey, seinen weißen Hasen. Dr. Chumley dagegen ist trotz seines Erfolges alles andere als zufrieden! Foto: Peter Empl
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gmz Herdorf. Am Ende sahen sie ihn alle, den „großen, weißen Hasen“, und nahmen ihn zum Schlussapplaus im recht gut besuchten Hüttenhaus in Herdorf in ihre Mitte. Auch das Publikum schien ihn zu spüren, was aber nicht weiter schlimm war, denn schließlich ist Harvey, Elwoods treuer Hasenfreund, ja ein Garant dafür, dass seine Umgebung „freundlich und glücklich“ ist, wie E. J. Lofgreen (Matthias Burger), der kluge Taxifahrer, beobachtet hat. Und so kommt Elwood P. Dowd – „Darf ich Ihnen meine Karte geben?“ – doch noch davon und muss sich nicht per Spritze „normalisieren“ lassen.

Mary Chases zeitlose Komödie „Mein Freund Harvey“, in der Übersetzung von Alfred Polgar, wurde am Mittwoch von der Badischen Landesbühne in einer flotten, „filmschnittigen“ Inszenierung gezeigt (Regie: Carsten Ramm), die von den raschen, auf offener Bühne vollzogenen Szenenwechseln (wandelbares Bühnenbild mit flippigem Zeitgeist-Ambiente der 50er und 60er, inklusive rosa Plastiksesseln: Ines Unser) und den ausgeprägten Typen lebte. Da war der freundliche, ein wenig trottelig wirkende Elwood (gut, mit Jacques-Tati-Anleihen in der Bewegung: Stefan Holm), der seine Schwester Veta Louise (mit sozialen Ambitionen: Evelyn Nagel) zur Verzweiflung brachte, weil er immer in Begleitung seines imaginierten Hasen auftauchte, und die nicht mehr ganz taufrische Nichte Myrtle Mae (Aldona Watolla) um potentielle Bewerber für ihre Hand brachte.

Die Einweisung in ein Sanatorium scheint Veta Louise die einzige Möglichkeit, mit dem Problem „Elwood und Harvey“ umzugehen. Doch die Einweisung scheitert gründlich – mit witzigen Verwechslungen und einem tiefen Einblick in die Mechanismen, die der Beurteilung und Einschätzung eines Menschen zugrundeliegen. Dr. William R. Chumley (René Laier), die Psychiater-Koryphäe in Cowboy-Weiß, ist ehrgeizig und selbstverliebt, wird am Ende aber geradezu rührend menschlich, als der Arzt von seinem unerfüllten Lebenstraum erzählt und mit Harvey – beinahe – gemeinsame Sache macht. Sein Assistent Dr. Lyam Sanderson (Philipp Dürschmied) ist noch ehrgeiziger und noch selbstbezogener, bis er sich endlich der netten Krankenschwester Ruth Kelly (Carolin Elsner) öffnet. Assistent Marvin Wilson (toll prollig mit Playboy-Häschen-Lederjacke: Tobias Gondolf) wäre vielleicht doch noch was für die Popcorn-Myrtle-Mae! Und Betty Chumley (toll herausgeputzt, ganz ohne Botox: Anke Siefken)? Ob sie wohl mit unter den Ahorn zieht und einfach mal schweigt?

Das geschlossen agierende Ensemble lief in den skurrilen Szenen zu Höchstform auf, zum Beispiel als Veta Louise mit Entsetzen feststellen musste, dass das Portrait, das sie Dr. Chumley beschrieb, nicht ihre Mutter darstellt, sondern Harvey: „Das ist nicht meine Mutter!“ Packend auch Elwoods letzter Auftritt vor seinen Juroren, in dem er seine „Begutachter“ dazu bringt, über ihre Träume zu sprechen. Nicht er muss sich mehr wegen Harvey verteidigen, sondern alle anderen müssen erklären, warum sie den für Ausgleich und Harmonie sorgenden Hasen nicht wollen. Und am Ende wollen sie ihn doch behalten, den Stifter von Zufriedenheit. Ein ebenso witziges wie ernsthaftes Plädoyer für ungenormte Normalität!

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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