Der Fusion eine Abfuhr erteilt

Farbenfroh ging es beim Rosenmontagszug in Herdorf zu. Fotos: damo/dach

thor - Die schnellsten waren die Herdorfer noch nie, wenn es um ihren Rosenmontagszug geht. Da muss zwischendurch immer mal wieder auf einige Nachzügler gewartet werden - vornehmlich auf ortsansässige Gruppen -, wenn Freunde, Bekannte und natürlich auch Wildfremde am Straßenrand ausgiebig in das närrische Treiben mit einbezogen werden. Diesmal nun hatte man das Gefühl, dass sich die Herdorfer besonders viel Zeit ließen - und dafür gibt es nach Recherchen der SZ auch einen plausiblen Grund: Der Zug geht mittlerweile in die falsche Richtung! Es ist nämlich der Weg nach Daaden. Dazu muss nur noch an Steinaus Ecke links abgebogen werden. Genau da wollen die Herdorfer aber nicht hin, und so ließ man sich Zeit, viel Zeit. Die rheinland-pfälzische Kommunalreform und die drohende Zwangsfusion von Herdorf war das alles beherrschende Thema im Karneval des Hellerstädtchens - und so dominierten die möglichen Konsequenzen auch den großen Umzug. Von den neuen "Kamelle-Kollegen" aus Daaden wurde den Herdorfern gestern schon einmal vor Augen geführt, was künftig auf den Ortseingangsschildern zu lesen sein könnte: "Vorstädtchen Herdorf - Verwaltungsbezirk Daaden". Diesem Schreckensszenario stemmte man sich mit Mann, Maus und Motiven entgegen. Verfolgt wurde das närrische Spektakel einmal mehr von Tausenden Besuchern aus der gesamten Region - zumindest in dieser Beziehung ist Herdorf immer noch ein echtes Zentrum. Ganz clever waren die "Domspatzen", die eine Bürger-Befragung der ganz besonderen Art durchführten. Angeboten wurden verschiedene Fusionsmöglichkeiten - allerdings waren die Felder für die Kreuzchen nicht das, was man allgemein als freie Wahl bezeichnet. Zusammenschlüsse mit Daaden, Betzdorf und Neunkirchen konnten so nicht befürwortet werden, dafür aber eine Vereinigung mit Grünebach. Was nun wiederum keinen mehr überrascht, hat man sich doch seit der Regentschaft des Grömijers Stephan II. in Herdorf ganz doll lieb. Die "Domspatzen" hatten ein Modell der Mauer mitgebracht (von der niemand die Absicht hat, sie zu errichten) und liefen teilweise als Hahnengel umher: "So wollen keine Herdorfer aussehen."

Rollende Stunksitzung

Auch vom Wagen des Vereins "Füreinander lachen" erklangen pausenlos die
Durchhalte-Parolen für die Eigenständigkeit. Christoph Düber und seine
Mitstreiter (einschließlich Bürgermeister Uwe Erner) erteilten als "rollende Stunksitzung" allen Nachbarn eine Absage. Der im wahrsten Sinne des Wortes "ausgezeichnete" Beitrag der DJK war
als große Metapher zu verstehen: Herdorf als gallisches Dorf, umgeben
von feindlichen Römern (siehe Extra-Bericht). Effeter-Prinz Steffen I.
flogen hoch oben auf seinem Schild jedenfalls die Sympathien der
Zuschauer zu. Bei so viel Bekenntnis zur Unabhängigkeit ging die
Botschaft von Hans Ermert und seiner Behindertengruppe fast unter: "Es
ist normal, verschieden zu sein."

Standesamt-Farce aufs Korn genommen

Die Karnevalsfreunde aus Daaden nahmen die Kampfansagen gelassen hin und
erinnerten die Herdorfer an jene Zeit, als diese regelmäßig über den
Köppel zogen, um den Rickes vom Maiverein in den Arrest nach Daaden zu
begleiten. Doch natürlich beschäftigten sich die Herdorfer auch wieder mit rein
Herdorfer Themen. Anwohner des Ziegenbergs hatten sich als
Bauhof-Mitarbeiter verkleidet ? genau die vermissen sie schließlich seit
geraumer Zeit in ihrem Wohngebiet, dessen Straßen den Schilderungen
nach nur noch aus Schlaglöchern bestehen: "Der Bauhof hat ja keine Zeit,
das Hüttenhaus wird eingeweiht." Die KG Herdorf nahm die "Trauung mit
Hindernissen am 11.11.11." gekonnt aufs Korn. Im vergangenen Jahr hatte
sich der für seine Korrektheit bekannte Standesbeamte Hans Kipping
geweigert, ein Paar der KG in ihren Uniformen zu trauen. Doch die Narren
mussten nicht weit fahren, um eine Alternative zu finden, und so konnte
jedermann lesen: "Da hat der Hans ganz bös geschaut, als Neunkirchen
das Paar getraut. Willst Du ins Land der Liebe zieh'n, musst Du zu den
Hicken flieh'n." An den Pflegenotstand erinnerten die Chicken Singers,
wobei sie permanent vom Rollstuhl ins Krankenbett rotierten.

"Dicker" als Shakira

Dass man aber auch einfach nur mit reiner Optik begeistern kann,
bewiesen die Hexen der FWG-Volkstanzgruppe aus Scheuerfeld sowie die
Dermbacher. Die machten kurzerhand aus Schneider- und Hauptstraße ein
Siegerländer "Sambadrom" und holten den farbenprächtigen Karneval aus
Rio nach Herdorf. Überhaupt dürfte den Dermbachern egal sein, wer mit
wem fusioniert, ist doch für sie schon Herdorf fast eine Art Ausland.
Sie boten jedenfalls eine prima Show - allen voran bzw. ganz oben "Vortänzerin" Christian Schneider, der nicht nur mit einem ordentlichen
Vorbau beeindruckte, sondern mit seinem Hüftschwung fast Shakira in den
Schatten stellte. Wie so einer zum Spitznamen "Dicker" kommt, bleibt das
Geheimnis der Dermbacher. So war es wieder eine einzige große Party, die die Herdorfer mit ihren
vielen Gästen feierten. Die kamen aus Brachbach und Herkersdorf, aus
Wehbach und Erbachtal. Die Grünebacher Narren huldigten ihrem Regenten
mit einer überdimensionalen Prinzenrolle. Stephan II. und Regina I.
warfen am Ende des Zuges die Kamelle aus vollen Händen unter die Massen.
Für "Prinz Ewig" dürften diese Momente zu den schönsten seines
bisherigen Lebens gehört haben.

Und wer weiß: Vielleicht nimmt der Zug ja nächstes Jahr doch eine neue
Route. Von Steinaus Ecke Richtung Neunkirchen. Denn die Hicken sehen
viele Herdorfer noch als das "kleinere Übel", auch wenn die Landesgrenze
einen Zusammenschluss verhindert wird. Immerhin würden dann endlich
einheitliche Preise im Salchendorfer Familienbad gelten.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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