Ein Hauch von Goldrausch – mitten in Herdorf

Die Familie Fetthauer hat ihre ganz eigene Bergbaugeschichte: Vater und Sohn erschlossen in stillgelegten Gruben Erzgänge

damo Herdorf. Es erinnert ein bisschen an den Klondike und den Yukon River, an Goldgräberstimmung und das Abstecken von Claims – nur, dass diese Geschichte im Herdorf der 30er Jahre spielt. In den Hauptrollen: Wilhelm Fetthauer senior und sein Sohn Wilhelm junior. Schauplatz: zwei alte Bergwerke, längst stillgelegt.

Bis 1918 hatte Fetthauer sen. auf der Herdorfer Grube »Zufällig Glück« als Maschinist gearbeitet – dann wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit, und zwar als Bergmann. Also: nicht mehr Hauer im Akkord, sondern sein eigener Chef, auf seiner eigenen Grube. Er, ein angesehener Herdorfer, nutzte seine Verbindungen zur Krupp’schen Bergverwaltung und bekam die Genehmigung, die Grube »Rote Zeche« wieder zu erschließen.

»Es war eine riskante Sache«, schildert sein Sohn heute den Schritt des Vaters. Dabei blitzen die Augen des 94-Jährigen wach auf; er erzählt weiter: »Es ging auf eigenes Risiko und auf eigene Kosten.« Die alten Gangkarten ließen vermuten, dass sich ein Eisenerzmittel von der Grube »Bollnbach« bis zur »Roten Zeche« zog. Dieses Mittel hatten die alten Bergleute nicht mehr erschlossen; die Grube war geschlossen worden. Jetzt war es an Fetthauer zu prüfen, ob der Berg tatsächlich noch Eisenerzvorräte barg oder nicht.

Die Grube »Bollnbach« galt damals, zu Beginn der 30er Jahre, als gefährliches Bergwerk. »Wachsendes Gebirge«: Dieser Terminus aus der Sprache der Bergleute zeugt von Gestein, das in Bewegung ist. Immer wieder forderte die Arbeit in der »Bollnbach« Opfer; die vielen tödlichen Unfälle in der Grube führten schließlich zu ihrer Stillegung – da spielte es keine Rolle mehr, dass die Grube noch große Eisenerzvorkommen barg. So auch die »Rote Zeche« – das zumindest war die feste Überzeugung von Wilhelm Fetthauer sen., der gemeinsam mit sieben Mitstreitern der längst vergessenen Grube wieder neues Leben einhauchte. Fetthauer baute das Maschinenhaus wieder auf, verlegte Gleise für Grubenwagen, installierte einen Dieselkompressor. Dann ging er daran, die Ergebnisse der Markscheider zu prüfen: Die Vermesser hatten prognostiziert, dass der Gewerke Fetthauer nach 60 Metern Vortrieb auf ein Brauneisenstein-Gangmittel stoßen würde. Fetthauer und seine Angestellten begannen ihre harte Arbeit unter Tage. Sie trieben den alten Stollen 60 Meter weiter in den Berg hinein – und tatsächlich: Fetthauer behielt Recht. Die Bergmänner stießen auf ein zwei bis drei Meter mächtiges Gangmittel. Von diesem Tag an stand fest: Der Unternehmergeist des Wilhelm Fetthauer trug reiche Früchte. Fortan hievten Pferde die schwer beladenen Wagen mit Erz zur Herdorfer Hütte. Dort wurde das Eisenerz verhüttet. »Der Brauneisenstein enthielt gut 40 Prozent Eisen«, erinnert sich Fetthauers Sohn, »und dazu noch einen hohen Mangangehalt.« Die Erfolgsgeschichte des Wilhelm Fetthauer war perfekt. Damit nicht genug: Sein Sohn schrieb die Fortsetzung. Nach dem Krieg hielt es den ehemaligen Kreisinspektor nicht mehr in seinem Büro – auch er machte sich im Eisenerzbergbau selbstständig. Auf den Spuren seines Vaters wandelnd, nahm er sich ein altes Bergwerk in Niederdreisbach vor.

»Ich hatte erfahren, dass in der Nähe des Basaltbruchs bei Weitefeld ein Eisenerzgang entdeckt wurde«, blickt Fetthauer jun. zurück. Unmittelbar daran grenzte die Grube »Neue Hoffnung« – nurmehr alte Stollenmundlöcher kündeten noch vom einstmaligen Bergbau. Fetthauer nahm den Namen der Zeche wörtlich und erschloss sie abermals. Auf drei Sohlen suchte er das Gangmittel.

Und wie sein Vater rund 30 Jahre zuvor, war auch Wilhelm Fetthauer jun. erfolgreich: Er entdeckte das Gangmittel. In der Oxydationszone lieferte das Gangmittel hochwertigen Brauneisenstein, in größeren Teufen ging der Limonit in Spateisenstein über.

Wie der Vater, so der Sohn: Ohne Risiko ging nichts. Und damit ist nicht nur das finanzielle Risiko gemeint, denn das setzt einer wie Fetthauer voraus: »Wer Unternehmer sein will, der braucht nunmal Mut.« Nein, die Grube »Neue Hoffnung« hatte es in sich: Die Belüftung der alten Strecken war denkbar schlecht, und so hatten Fetthauers Mitarbeiter unter Tage immer wieder mit schlechten Wettern zu kämpfen. »Wir gingen immer mit der offenen Lampe voran in die Grube«, sagt Fetthauer: Solange das Feuer genug Sauerstoff findet, wird es auch für den Menschen nicht gefährlich. Passiert ist nichts, und so kann auch diese Episode getrost in der Rubrik »Erfolgsgeschichte« verbucht werden – über einige Jahre hinweg wurde im Namen Fetthauers Eisenerz gefördert.

Noch heute erinnert im Haus des 94-Jährigen vieles an die Bergbaugeschichte der Region – und natürlich an die Bergbaugeschichte der Familie Fetthauer, an eine Geschichte von Wagemut und Unternehmergeist, eine Geschichte, die auch gut hundert Jahre zuvor am Klondike River hätte spielen können.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

2 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige
Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de komplett überarbeitet.
3 Bilder

Optimiertes Stellenanzeigen-Portal
Mit 57jobs.de einen neuen Job finden

Neues Design und neue Angebote für Unternehmen, aber bewährte Technik: Die Vorländer Mediengruppe hat ihr Stellenanzeigen-Portal 57jobs.de einem Relaunch unterzogen, der sowohl die Suche nach einem neuen Job als auch die Suche nach neuen Fachkräften noch einfacher gestaltet. Auf dem Portal der Siegener Zeitung und des Wochenanzeigers finden sich unter den ständig 10.000 Jobangeboten aus Siegerland, Wittgenstein sowie den Kreisen Olpe und Altenkirchen auch sämtliche Anzeigen aus den...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen