Ein Herdorfer auf der Jagd nach dem Eishai

Klaus Kiesewetter war mit den Inuit auf dem Hundeschlitten im ewigen Eis von Grönland unterwegs

sz Herdorf. »Itliih, itliih«, ruft Nanok, mein grönländischer Schlittenführer seinen zwölf bärenstarken Grönlandhunden zu. Übersetzt heißt das: »Nach links, nach links!« Die rauschende Fahrt geht über das im Winter zugefrorene und zugeschneite Fjordeis. Wir, das heißt Nanok und ich, sind in Küstennähe im nördlichen Grönland unterwegs zum Eishai-Fang.

Nanok hatte vor einigen Tagen eine Langleine mit Köder durch das etwa einen Meter dicke Eis in den tiefen Fjord versenkt. Nun sollte sich zeigen, ob einer oder vielleicht sogar mehrere dieser bis zu 3000 Kilo schweren Haie angebissen hatte.

Es ist Anfang April und schon fast 24 Stunden hell. Der Frühlingsanfang steht vor der Tür. Hier oben im Norden der größten Insel der Welt leben die Ureinwohner, Eskimos wurden sie früher genannt, was so viel wie »Rohfleischesser« bedeutet. Sie leben von dem, was die Natur bietet. Hier gibt es keine Kartoffelfelder oder Obstbäume, nur Meerestiere und einige Landsäugetiere wie Schneehasen, Polarfüchse und Rentiere. Davon haben diese Menschen hier schon seit Jahrtausenden gelebt, als sich das Eis vor ca. 10000 Jahren am Ende der letzten Eiszeit so langsam zurückzog und es diesen kleinen, zähen Naturmenschen möglich wurde, die freigewordenen Küstengebiete Grönlands zu besiedeln. Und noch heute leben sie im stetigen Kampf mit der rauen Mutter Natur.

Ich hatte die Aufgabe, einen Dokumentarfilm über das Leben der mir schon seit langem vertrauten Inuit zu drehen. Inuit: So nennen sich die Eskimo heute. Das bedeutet übrigens so viel wie »Menschenkinder«. Man hatte mir die kleine Siedlung »Ilsorsuit« in der Ummannaq-Gemeinde mit nur 53 Einwohnern empfohlen. Beim Bürgermeister Jonas und seiner Frau, die als Krankenschwester und Geburtenhilfe im Ort tätig war, aber keine richtige Ausbildung hatte, waren wir untergebracht. Der Kontakt zu den Einwohnern war hervorragend. Alle waren an meinem Projekt sehr interessiert und boten ihre Hilfe an. Mit der Verständigung ging es auch einigermaßen. Dänisch wird so weit im Norden Grönlands fast nicht mehr verstanden, aber mit wenigen bekannten Wörtern der komplizierten Inuit-Sprache und mit Hilfe von der internationalen Fingersprache funktionierte die Kommunikation eigentlich hervorragend.

Zurück zu den Eishaien: Nanok hatte mir von seiner Langleine berichtet und erlaubte mir, mitzukommen. Auf die Frage, wie weit wir mit dem Schlitten fahren müssten, antwortete er nur gelassen: »Gleich um die Ecke!« Und nun waren wir schon zehn Stunden unterwegs und hatten den Fangplatz auf dem Eis immer noch nicht erreicht. Zeit und Entfernung haben bei den Inuit nicht die gleiche Bedeutung wie bei uns: Bei uns muss alles nach Plan ablaufen – bei den Inuit bekommt man immer wieder die Antwort »immaqa«, was »vielleicht« bedeutet. Also: Vielleicht können wir morgen Rentiere jagen, vielleicht kommt morgen der Pfarrer zu Besuch in den Ort, vielleicht...

Endlich, nach zwölf Stunden zügiger Fahrt, erreichten wir unser Ziel. Die Hundeleine wurde im Eis verankert. Die Tiere waren jetzt erschöpft und dachten nicht ans Ausreißen Trotzdem: Naok musste vorsichtig sein – man weiß ja nie. Die Hunde könnten schließlich die Witterung von einem vorbeistreifenden Eisbären aufnehmen. Und ohne Hunde wären wir hier, mitten auf dem Eis, weit entfernt von jeder Siedlung, hoffnungslos verloren.

Oder was ähnlich schlimm wäre: Die Hunde könnten etwas von dem erwarteten Eishai fressen. Das Fleisch des Eishais enthält sehr viel Salmiak und dient deshalb nur im abgehängten, getrockneten Zustand als Hundefutter im nächsten Winter. Frisches Eishaifleisch würde die Hunde vergiften. Sie würden längere Zeit wie betrunken herumlaufen und könnten nicht mehr zum Ziehen des Schlittens gebraucht werden. Also: Die Hundeleine muss fest verankert sein!

Nanok prüft anschließend die Langleine. Immer wieder stößt er merkwürdige Laute aus. Plötzlich strahlt sein rundes mit starken Backenknochen versehenes Gesicht. »Eisha, Eisha«, ruft er in seiner Landessprache. Ich habe keine Möglichkeit, mich seinem Freudestanz auf dem Eis anzuschließen, sondern muss alles fotografisch festhalten. Nanok bewegt sich langsam mit der Leine auf der Schulter vom Eisloch fort. Mit jedem Schritt holt er die Leine einen halben Meter aus dem Eisloch. Noch ist nichts vom Eishai zu sehen. Die Leine war 1000 Meter lang. Nach etwa einer Stunde erscheint dann schließlich eine riesige Schwanzflosse. Nanok ist überglücklich. Nur muss er jetzt den bereits toten Körper durch das enge Eisloch ziehen. Die Hunde sollen helfen. Alleine kann er den mächtigen Hai nicht aus dem Wasser ziehen. Nach mehreren Versuchen gelingt es schließlich. Der Eishai liegt tot auf dem Eis. Den gewaltigen Druckunterschied von der Tiefsee bis an die Meeresoberfläche hat er nicht lebend überstanden. Der Eishai musste nun auf dem Schlitten in den Ort gebracht werden.

Vom Leben mit den Inuit, der riesigen Insel Grönland, vom ewigen Eis und den Möglichkeiten, dieses noch teilweise unbekannte Land zu besuchen, wird Klaus Kiesewetter am Dienstag, 28. Oktober, um 20 Uhr im Hüttenhaus Herdorf mit einem Diavortrag berichten. Kiesewetter ist gebürtiger Herdorfer. Seit vielen Jahren lebt er in Skandinavien und hat dort mit der Kamera das Leben der Menschen dokumentiert. So ist er seit Jahren auf Expeditionsschiffen in der Hocharktis und Antarktis als Lektor und Expeditionsleiter unterwegs. Wenn er nicht an Bord ist, hält er sich auf den Faröer-Inseln, in Kopenhagen oder bei seinen Eltern in Herdorf auf.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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