Johannes XXIII. oder zwei Schnaps und drei Bier

Die Geschichte von Sassenroth (Teil 2)/Schulkinder mussten nach Grünebach pendeln/Kein Platz in der Herdorfer Kirche/Unterricht mutwillig gestört

thor Sassenroth. Wenn je der Beweis erbracht wurde, dass in Herdorf und seinen Ortsteilen die Gottesfürchtigkeit mit einer höchst bodenständigen Logik Hand in Hand geht, dann wurde dieser vor einigen Jahrzehnten in der Sassenrother Schule erbracht. Es war die Zeit von Papst Johannes XXIII., was Lehrer Hans Sattler als gute Gelegenheit ansah, den Kindern die römischen Zahlen näher zu bringen. Als er im Unterricht nachfragte, was denn XXIII. im Titel des Pontifex bedeuten könnte, meldete sich ausgerechnet Titus Kaiser aus der 1. Klasse zu Wort: »Das kenne ich, das sind zwei Schnaps und drei Bier!« Diese wunderbare Anekdote wurde von Dieter Ermert überliefert, allerdings kann er nichts mehr zur Reaktion von Sattler sagen. Vielleicht hat sich der Lehrer gefreut, war es doch ein Zeugnis scharfer Beobachtungsgabe. Spötter hingegen dürfen gerne behaupten: Die Herdorfer bzw. Sassenrother lernten das Lesen und Schreiben in der Wirtschaft.

Ein Lehrer für zwei Orte

Geschadet hat es offensichtlich nichts: »Dank der Lehrer haben viele Sassenrother den gymnasialen Weg eingeschlagen«, weiß Theodor Solbach. Aber selbst für ihn liegen die Anfänge der Schulgeschichte in Sassenroth im Dunkeln. Das erste Schulhaus stand im Bereich des Hauses Werner Düber dicht an der Hellertaler Straße, gegenüber der späteren zweiten Schule: »Die Schule war ein Fachwerkbau, schlicht und einfach; sie hatte einen Raum, in dem gleichzeitig acht Klassen unterrichtet werden mussten«, informiert Solbach. Auch wenn er heute eine »große geistige Barriere« zwischen Sassenroth und Grünebach sieht, so sorgte die Schule früher genau für das Gegenteil: Bis 1892 wurden die Kinder beider Orte gemeinschaftlich unterrichtet, und zwar von einem in Grünebach wohnenden Lehrer. Den Schulkindern wurde monatlich abwechselnd in Sassenroth und Grünebach das Einmaleins beigebracht. So war 1892, nach Auflösung der Personalunion, Nikolaus Gauer der erste »richtige« Lehrer von Sassenroth.

Lob von Kirchener Pfarrern

Theo Solbach: »Die Schule wurde auch für Andachten genutzt, denn der nächste Weg zum früheren Pfarrort Kirchen über Grünebach ist etwa 8 bis 10 Kilometer lang.« An dieser Stelle möchte Artur Gotthardt an Peter Düber (1886-1961) erinnern, Röstmeister auf »San Fernando« und von 1933 bis 1944 Ortsvorsteher in Sassenroth. Düber selbst hat anschaulich festgehalten, wie beschwerlich damals das (katholische) Christenleben in Sassenroth war; über ihn selbst wird später noch zu berichten sein. Trotz der großen Mühen, so notierte er vor rund 100 Jahren, sei den Sassenrothern von den Kirchener Seelsorgern stets ein gutes Zeugnis wegen ihrer regen Teilnahme an Gottesdiensten etc. ausgestellt.

Täuflinge dickt eingepackt

Gotthardt erzählt aus den Erinnerungen Dübers: »Die Mühen und Beschwernisse fingen schon bei der Taufe an. Sehr oft musste der Täufling – gut eingepackt und manchmal mit warmen Wasserflaschen versorgt, um ihn vor dem Erfrieren zu bewahren – den weiten Weg nach Kirchen getragen werden. Sonntag für Sonntag und an Feiertagen hieß es: auf nach Kirchen. Auch zum Beicht- und Kommunionunterricht liefen die Sassenrother Kinder zum Pfarrort. In die Rinden bestimmter Bäume setzten sie für jeden Unterrichtsbesuch in Kirchen eine Kerbe. Peter Düber erinnerte sich, dass im Baum für das Jahr 1899 genau 78 Kerben eingeschnitten waren; in diesem Jahr waren sie somit an 78 Tagen bei Wind und Regen, bei Kälte und Hitze nach Kirchen hin und wieder zurück marschiert. Für Kinder heutzutage wohl kaum denkbar, früher eine Selbstverständlichkeit.

Düber erzählt von den Schwierigkeiten bei Beerdigungen zur Winterzeit: Die Särge wurden auf einem Pferdekarren festgebunden und zum Kirchener Friedhof gebracht. Einmal war die Straße in der Nähe des Grünebacher Bahnhofs vom Schnee derart zugeweht, dass sie freigeschaufelt werden musste und die Beerdigung mit mehrstündiger Verspätung stattfand. Laut Peter Düber besuchten ab 1886, nachdem in Herdorf die neue katholische Kirche errichtet war, immer mehr Sassenrother das ihnen näher liegende Gotteshaus der großen Nachbargemeinde. Dort waren sie aber nicht gerne gesehen, da sie die Abgaben weiter nach Kirchen entrichteten. Die Sassenrother durften während der Messe auch nicht in den Kirchenbänken Platz nehmen, sondern mussten in den Gängen und im Turmbereich stehen. Dessen ungeachtet war es die in Sassenroth wohnende ,Alte Vrone’, die ihren Platz in einer Bank nahm. Da sie stark nach Ziegenstall roch, blieben zunächst die Kirchbankplätze um sie herum frei, die dann von Sassenrother Frauen, die wohl nicht so empfindliche Nasen hatten wie die Herdorfer Weiblichkeit, eingenommen wurden.

Boykott der Herdorfer Geschäfte

Übrigens wehrten sich die Sassenrother, indem sie nicht mehr in Herdorf einkauften. Nun setzten sich die Herdorfer Geschäftsleute für mehr Verständnis gegenüber den Sassenrothern ein, das diesen dann auch mehr und mehr gewährt wurde. Ab 1914, nachdem die Katholiken der kleinen Nachbargemeinde nach Herdorf eingepfarrt waren, hatten diese dann auch die gleichen Rechte wie die der Herdorfer. Karl Pfeifer, der schon in Kirchen zum Kirchenvorstand gehörte, wurde in dieser Eigenschaft von der Pfarrei Herdorf übernommen, in der er die Interessen der Sassenrother vertrat« – soweit Artur Gotthardt.

Angemerkt werden muss, dass auch der Herdorfer Ortsteil seinen Beitrag dazu leistete, den geistlichen Stand mit Nachschub zu versorgen. In den Steyler Missionsorden traten Heinrich Christ, der lange Jahre als Missionar in China wirkte, Anton Böhmer und Josef Pfeifer ein. Als Ordensfrauen leisteten Franziska Stinner, Johanna Löb, Berta Pfeifer, Erna Löb, Maria Christ und Ida Stinner ihr Gelübde.

(Fortsetzung auf Seite 9)

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

3 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen