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Herdorfer in Hadamar ermordet
Stolpersteine für die Geschwister Dendel

Paula Dendel: Auf ihre digitalisierte Krankenakte stieß Carsten Trojan bei seinen Recherchen. Er blieb dran und förderte damit eine unfassbar tragische Familiengeschichte zutage.
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  • Paula Dendel: Auf ihre digitalisierte Krankenakte stieß Carsten Trojan bei seinen Recherchen. Er blieb dran und förderte damit eine unfassbar tragische Familiengeschichte zutage.
  • Foto: Staatsarchiv Wiesbaden HHStAW 430/1, 10740
  • hochgeladen von Achim Dörner (Redakteur)

dach Herdorf. Das ist heute alles so weit weg: An Menschen, die anders sind, wurden krude Experimente durchgeführt. Letztlich wurden sie reihenweise umgebracht. Von der „öffentlichen Hand“. Euthanasie lautete in der Nazi-Zeit das Schlagwort, altgriechisch für schöner, guter Tod. Hadamar, die Kleinstadt im hessischen Teil des Westerwalds, ist damit – und den Greueltaten von Josef Mengele – unweigerlich verbunden.

Und gleichsam ist das alles so nah. In Herdorf etwa wurde im Rahmen des Euthanasie-Programms beinahe eine komplette Familie ausgelöscht: die Dendels. Die Stadt möchte denjenigen unter ihren Bürgern, die dieses größte Grauen der Weltgeschichte nicht überlebt haben, nun ein ehrendes Gedenken zukommen lassen. Am 28.

dach Herdorf. Das ist heute alles so weit weg: An Menschen, die anders sind, wurden krude Experimente durchgeführt. Letztlich wurden sie reihenweise umgebracht. Von der „öffentlichen Hand“. Euthanasie lautete in der Nazi-Zeit das Schlagwort, altgriechisch für schöner, guter Tod. Hadamar, die Kleinstadt im hessischen Teil des Westerwalds, ist damit – und den Greueltaten von Josef Mengele – unweigerlich verbunden.

Und gleichsam ist das alles so nah. In Herdorf etwa wurde im Rahmen des Euthanasie-Programms beinahe eine komplette Familie ausgelöscht: die Dendels. Die Stadt möchte denjenigen unter ihren Bürgern, die dieses größte Grauen der Weltgeschichte nicht überlebt haben, nun ein ehrendes Gedenken zukommen lassen. Am 28. Oktober wird Künstler Gunter Demnig, Initiator dieses größten dezentralen Mahnmals der Welt, sogenannte Stolpersteine setzen.

Ausgangspunkt des Ganzen war die Neugierde von Carsten Trojan. Der Herdorfer Bergbauenthusiast suchte eigentlich in digitalen Archiven nach Einträgen rund um die Montangeschichte an der Heller. Im Staatsarchiv Wiesbaden stieß er dann auf eine digitalisierte Krankenakte von Paula Dendel, am 11. Dezember 1909 in Herdorf geboren, in der Anstalt Eichberg nahe Mainz in die Fänge des SS-Manns und Arztes Dr. Friedrich Mennecke geraten und am 23. Juni 1940 umgebracht worden.

Trojan recherchierte tiefergehend, stieß auf weitere Fälle – vor allem innerhalb der Familie Dendel. Mit seinen Erkenntnissen wandte er sich an die Politik. Nun werden also Stolpersteine verlegt. „Alle Fraktionen des Stadtrats stehen voll und ganz hinter der Aktion“, so Trojan. Bei der entsprechenden Präsentation sei es im Ratssaal mucksmäuschenstill gewesen, sagte Stadtbürgermeister Uwe Erner gestern bei einem gemeinsamen Pressegespräch. Und weiter: „Wir haben das bisher so nie im Blick gehabt.“ Vielleicht sei es aber nun „wichtiger als je zuvor“, diese Lebenswege zu beleuchten. „Das ist ein Stückchen weiterer Ortsgeschichte, die sich in diesen Schicksalen widerspiegelt.“ So etwas in Erinnerung zu rufen und zu behalten, sei in Zeiten, in denen solches Gedankengut wieder aufblühe, mit das Wichtigste, „was wir zu leisten haben“.

Den Dendels, sagte Trojan, wurde allesamt „angeborener Schwachsinn“ diagnostiziert – ein Todesurteil. Vier von acht Geschwistern wurden ermordet, einer zwangssterilisiert. Das sei im Rahmen der Euthanasie „einer der härtesten Fälle überhaupt“ gewesen, das sei ihm von Experten versichert worden, so Trojan.

Die Recherche Trojans bezieht sich nun ausschließlich auf Herdorfer Opfer der Euthanasie-Politik. Wobei es bereits klar ist, dass das Naziregime auch im Hellertal für weitere Schicksale verantwortlich zeichnet. „Wir wollen die Leute motivieren, weiter zu forschen“, sagte Trojan.

Dendel ist in Herdorf auch heute kein unbekannter Name. So hatte der jüngste der acht Geschwister, Alois Dendel (1931 in Wetzlar geboren, 2010 in Herdorf verstorben), selbst zwei Kinder, die zwar nicht mehr vor Ort leben, aber beispielsweise dem Stadtbürgermeister aus Jugendjahren noch bekannt sind. „Das berührt umso mehr, wenn du Gesichter dazu hast“, so Erner. Und Trojan macht deutlich: „Das hat in der Nachbarschaft stattgefunden.“

Die Personen über diverse Archive ausfindig zu machen, sei gar nicht mal außergewöhnlich kompliziert. Vor Ort herauszufinden, in welchem Haus sie gewohnt haben, umso mehr, so Trojan. Hier habe ihm Artur Gotthardt sehr geholfen, der mit alten Adressbüchern aufwarten kann. Schließlich werden die Stolpersteine vor den Wohnhäusern der Opfer in den Gehweg eingelassen. Im Falle der Dendels ist es die heutige Hellerstraße 17 (ehemaliges Kino), damals Hellerstraße 15. Ebenfalls Stolpersteine kommen vor das Haus am Buchenhang 11 und vor den Spielplatz „Alte Hütte“ (siehe Kasten).

Damit soll die Aufarbeitung der Nazizeit in Herdorf aber nicht zu Ende sein – im Gegenteil. „Es ist ein ganz wichtiges Projekt, das Anstoß ist“, so der Stadtbürgermeister: „Es wird sich noch viel anschließen.“

Diesen Schicksalen spürte Carsten Trojan nach – ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit aus Herdorfer Sicht:

  • August Klemens Heun, geboren am 11. August 1880 in Herdorf, ermordet am 18. Juni 1941 in Hadamar; letzter Wohnort war die Friedrichstraße 21 (heute Buchenhang 11); auch August Klemens Heun bekommt einen Stolperstein;
  • Johanna Eickhoff geb. Werts, geboren am 24. April 1899 in Herdorf, ermordet am 7. Juli 1941 in der Anstalt von Hadamar; sie war die Schwester von Alois Dendels zweiter Frau; letzter Wohnort war die Hüttengasse 1, heute befindet sich dort ein Spielplatz. Auch hier soll ein Stolperstein gesetzt werden.
  • Martha Dendel, geboren am 4. Juli 1908 in Herdorf, ermordet am 24. September 1943 in der Landessiechen-Anstalt Klagenfurt.
  • Paula Dendel, am 11. Dezember 1909 in Herdorf geboren, ermordet am 23. Juni 1940 in der Anstalt Eichberg nahe Mainz.
  • Ernst Dendel, geboren am 7. Dezember 1912 in Herdorf, gestorben am 19. Juni 1965 in Weimar; Ernst Dendel wurde 1937 zwangssterilisiert.
  • Johanna Dendel, geboren am 8. Juli 1921 in Herdorf, ermordet am 18. September 1944 in der Anstalt von Hadamar.
  • Mathilde Dendel, geboren am 26. Oktober 1922 in Herdorf, seit 1946 verschollen; 1935 wurde sie ins Getrudisheim in Wetzlar eingewiesen und kam 1938 in die Anstalt Kamenhof in Idstein.
  • Maria Dendel, geboren am 12. November 1923 in Herdorf, ermordet am 14. März 1941 in der Anstalt von Hadamar.
  • Elisabeth Dettmer geb. Stock, geboren am 25. Dezember 1901 in Herdorf, ermordet am 21. November in der Anstalt von Hadamar; ihr wird 2021 in Eiserfeld ein Stolperstein gesetzt.
  • Anna Müller geb. Becker, geboren am 18. November 1895 in Herdorf, ermordet am 3. Juli 1941 in der Anstalt von Hadamar; ihr wurde bereits ein Stolperstein in Frankfurt-Rödelheim gesetzt.
  • Franz Quast, geboren am 28. Mai 1899 in Herdorf, ermordet am 4. November 1942 in der Anstalt von Weilmünster; letzter Wohnort war Herschbach im Westerwald.
Paula Dendel: Auf ihre digitalisierte Krankenakte stieß Carsten Trojan bei seinen Recherchen. Er blieb dran und förderte damit eine unfassbar tragische Familiengeschichte zutage.
Hier lebten die Dendels, hier kommen die Stolpersteine hin: das Haus Hellerstraße (heute) 17, rechts das ehemalige Kino.
Autor:

Achim Dörner (Redakteur) aus Betzdorf

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