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Gespräch mit Germán Prentki und Klaus Vetter zum 100. Geburtstag
Astor Piazzollas "Tango Nuevo" lässt Musiker schweben

César Angeleri (l.) und Germán Prentki wären ohne Corona jetzt auf Astor-Piazzolla-Tour in Deutschland. Weil die Hommage zum 100. Geburtstag ausfällt, kann Gitarrist Angeleri anlässlich der Feierlichkeiten im Teatro Colón in Buenos Aires auftreten. Auch gut.
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  • César Angeleri (l.) und Germán Prentki wären ohne Corona jetzt auf Astor-Piazzolla-Tour in Deutschland. Weil die Hommage zum 100. Geburtstag ausfällt, kann Gitarrist Angeleri anlässlich der Feierlichkeiten im Teatro Colón in Buenos Aires auftreten. Auch gut.
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zel Hilchenbach/Kreuztal. „Es gibt kein Unglück, das nicht auch zu etwas Gutem taugt“, sagt Germán Prentki – nicht. Er sagt „No hay mal que por bien no venga“ und bezieht sich – natürlich – auf das Übel Corona. Dass der Cellist mit seinem Bühnenpartner César Angeleri an diesem Donnerstag, dem 100. Geburtstag Astor Piazzollas, nicht in Essen auf der Bühne sitzt, um den großen Tango-Erneuerer zu würdigen, hat tatsächlich etwas Gutes: Angeleri, laut Prentki einer der führenden Tango-Gitarristen der Gegenwart, hat die Corona-bedingte Absage der Tour „Hommage à Piazzolla“ durch zwölf deutsche Städte ermöglicht, im Teatro Colón in Buenos Aires aufzutreten – vergangenen Freitag als Solist mit Orchester, kommenden Samstag in der kleinen Besetzung Gitarre und Bandoneon.

zel Hilchenbach/Kreuztal. „Es gibt kein Unglück, das nicht auch zu etwas Gutem taugt“, sagt Germán Prentki – nicht. Er sagt „No hay mal que por bien no venga“ und bezieht sich – natürlich – auf das Übel Corona. Dass der Cellist mit seinem Bühnenpartner César Angeleri an diesem Donnerstag, dem 100. Geburtstag Astor Piazzollas, nicht in Essen auf der Bühne sitzt, um den großen Tango-Erneuerer zu würdigen, hat tatsächlich etwas Gutes: Angeleri, laut Prentki einer der führenden Tango-Gitarristen der Gegenwart, hat die Corona-bedingte Absage der Tour „Hommage à Piazzolla“ durch zwölf deutsche Städte ermöglicht, im Teatro Colón in Buenos Aires aufzutreten – vergangenen Freitag als Solist mit Orchester, kommenden Samstag in der kleinen Besetzung Gitarre und Bandoneon. „Das ist nicht selbstverständlich“, sagt Prentki, „dass in einem solchen Konzerthaus Tango erklingt, das wird nur Piazzolla erlaubt“. Die Stadt weiß ihren Star, den weltberühmten Bandoneonisten und Komponisten (1921–1992), den Sohn einer italienischen Einwanderer-Familie und musikalischen Weltbürger, unter dem Motto „Piazzolla100“ sehr wohl zu würdigen.

Mit 17 "vom Piazzolla-Hype fasziniert"

„Tango war für alte Leute“, erinnert sich Germán Prentki, Cellist der Philharmonie Südwestfalen und seit langen Jahren mit wechselnden Kollegen in Sachen „Tango de concierto“ nicht nur in der Region präsent. Tango war nicht die feine Musik, Tango bedeutete Hafen, war schmuddelig, vielleicht ein bisschen anrüchig. Auf jeden Fall nichts, was den jungen Germán in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, besonders gekickt hätte. Zu Hause ging es eher klassisch zu, sein Vater war Soloklarinettist, der Bruder spielt Geige, er Cello. Prentkis Mutter allerdings war Tangosängerin, so verwundert es dann doch nicht, dass er mit 16, 17 Jahren „fasziniert von dem Piazzolla-Hype“ war. Anders als die damaligen Tango-Traditionalisten („Das ist kein Tango! Schön ist das nicht!“) waren die jungen Leute geflasht.

Mit dem Schiff nach Buenos Aires zum Konzert

Abba, Beatles, Piazzolla – die drei nennt der Musiker tatsächlich in einem Atemzug. Mit einem Freund sei er damals, 1977, mit dem Schiff von Montevideo nach Buenos Aires gefahren, um Astor Piazzolla live zu sehen, den er bislang nur von Schallplatten kannte. Wie aufregend und sehr beeindruckend! Das Konzert mit dem Quintett habe er auch als „ein bisschen mystisch“ empfunden. Jedenfalls habe Piazzolla mit seinem „Tango Nuevo“ den „Tango für junge Leute geöffnet, ein junges Publikum erreicht“, sagt Prentki.

Bruder Esteban Prentki spielt mit dem Meister

Ein zweites Mal hat Prentki Astor Piazzolla im Theater von Montevideo erlebt, da gab es nur Stehplätze, weiß Prentki noch. Und dann kommt etwas, das bis heute an dem Musiker Germán Prentki nagt: Piazzolla gibt zwei Jahre später ein Konzert in dem Badeort Punta del Este in Uruguay – und Prentkis Bruder Esteban, der Geiger, darf mit dem Meister dort auftreten! Derweil Germán, gerade 19, in Detmold an der Musikakademie studiert. „Das ist bis heute ein ,Stechpunkt‘“, sagt Prentki lächelnd.

"Libertango" ist wie das "Air" von Bach

„Ich war am Anfang kein Tango-Spezialist“, erklärt Prentki. Viel habe er gelernt von den Bandoneonisten, mit denen – neben der Arbeit im klassischen Orchester, seit 1988 in der Philharmonie Südwestfalen – gespielt hat. „Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt er, „Piazzolla gehört keinem“, und so funktioniert seine neue Tango-Musik, die Folklore, Jazz und moderne Klassik vereint, sowohl im großen Orchester als auch in ganz kleinen Besetzungen. „Seine Melodien und Harmonien sind etwas ganz Besonderes“, beschreibt Prentki Piazzollas „Tango Nuevo“, sein „Oblivion“ oder „Libertango“ seien etwa wie das „Air“ von Bach: so wiedererkennbar, so eindeutig. „Die Musik geht sehr in die Tiefe.“ Sie drücke eine Melancholie und Zerrissenheit aus – wenn die sich auf das Publikum übertragen, wenn die Zuhörer so ganz bei den Musikern sind, dann ist das für alle eine beglückende Erfahrung.

Viel Freiheit für die Musiker - das ist Jazz

Piazzolla lasse den Musikern viel Freiheit, der Takt bleibe, was er ist, aber „man schwebt in der Luft“, sagt Prentki. Da ist schon auch Platz für Improvisationen, „mittendrin kann viel passieren“: Das ist der Jazz an der Sache. Kein Wunder, lebte der in Mar del Plata geborene Astor Piazzolla als Kind und Jugendlicher doch in New York und arbeitete später mit dem Jazzsaxofonisten Gerry Mulligan zusammen und mit dem experimentierfreudigen Kronos Quartet. Der Cellist Yo-Yo Ma spielt den „Libertango“ ebenso wie der Gitarrist Al Di Meola. Piazzolla gehört eben keinem.

"Tango Nuevo" im Café Basico eher selten

Es heißt immer, Astor Piazzollas „Tango Nuevo“ sei Konzertmusik: zum Hören, nicht zum Tanzen. In der Tat spielten sie „äußerst selten Piazzolla“ bei ihren Tanzveranstaltungen, den Milongas, sagt Klaus Vetter, der mit seiner Frau Eva das Café Basico in Kreuztal betreibt, die Anlaufstation für Tango Argentino im Siegerland. Vor allem nicht bei den traditionellen Milongas freitags – die wegen Corona derzeit nicht stattfinden dürfen – erklinge zu 80 Prozent Tango der goldenen Ära (also der späten 30er- bis zum Beginn der 50er-Jahre) und maximal 20 Prozent moderne Musik, und wenn, dann Piazzolla-„Schlager“ wie „Libertango“, „Oblivion“ oder „Soledad“. Aber geplant sei, wenn es wieder losgeht, am ersten Samstag im Monat auch neue Tangomusik zu spielen.

Eva und Klaus Vetter tanzen und lehren Tango Argentino in ihrem Café Basico in Kreuztal. Wenn sie in der richtigen Stimmung sind, tanzen sie auch gern zu den Klassikern von Astor Piazzolla.
  • Eva und Klaus Vetter tanzen und lehren Tango Argentino in ihrem Café Basico in Kreuztal. Wenn sie in der richtigen Stimmung sind, tanzen sie auch gern zu den Klassikern von Astor Piazzolla.
  • Foto: Roman Knerr
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

Viele Umbrüche in 150 Jahren Tango-Geschichte

Klaus Vetter findet, Piazzolla habe unheimlich viel verändert, aber als („intuitiver“) Tango-DJ weiß er auch noch andere Namen zu nennen, die Umbrüche in der 150-jährigen Geschichte des Tangos markieren: Carlos Di Sarli (1903–1960) zum Beispiel und Juan D’Arienzo (1900–1976). Nicht alle Neuerungen schlagen allerdings so ein, sagt Vetter: Nachdem das Gotan Project mit Electrotango Maßstäbe gesetzt habe, hätten sich „unheimlich viele Menschen an den Computer gesetzt“, und da sei „ein Riesenhaufen Müll“ entstanden – eine Weiterentwicklung des Tangos, die für ihn in einer Sackgasse endet.

Schwierig zu interpretieren, aber schön!

Es ist also alles in stetiger Erneuerung und im (Silber-)Fluss. Mit der Musik ändert sich auch die Art zu tanzen, so werde im „Tango Nuevo“ viel mit der Achse gespielt, die Paare hängen bei der „Colgada“ aneinander und beschreiben Rotationen. Ja, es sei schwierig, Astor Piazzolla zu interpretieren, sagt der Tango-Tänzer Klaus Vetter, aber „wenn wir in der Stimmung sind, ist es ganz, ganz toll“.

Autor:

Regine Wenzel (Redakteurin) aus Siegen

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