Zum Tod von Juliette Gréco: Erinnerungen
Enorme Bühnenpräsenz

Juliette Gréco faszinierte ihr Publikum im Zelt bei KulturPur.

gmz Lützel/Siegen. 1997 war es, bei KulturPur. Das Zelt auf dem Giller ist voll besetzt, erwartungsvolle Gespanntheit herrscht bei den 1500 Zuschauern. Alle warten auf Juliette Gréco, die große Ikone des französischen Chansons. Sie ist der Top-Act bei KulturPur. Vielleicht tatsächlich der und nicht nur einer. Sie trat in einer „Reihe“ der bedeutenden Chansonniers auf, mit Georges Moustaki, Gilbert Bécaud oder auch Mikis Theodorakis … Jetzt ist die Grande Dame de la Chanson 93-jährig verstorben (die SZ berichtete).
Die Bühne fast leer, vorne an der Rampe ein Standmikro, die tolle Band mit Gréco-Ehemann Gérard Jouannest am Klavier hat ihren Platz hinten links, im Hintergrund (so zumindest meine Erinnerung). Kleine Irritationen gab es für die Berichterstatter, weil die damals 70-jährige Juliette Gréco darauf bestand, nur von der Mitte des Zeltes aus fotografiert zu werden (vermutlich auch nur während der ersten drei Lieder). Aber egal. Die Gréco, eine Legende schon in der Zeit der Existenzialistenkeller von Paris, betritt die Bühne, ganz in Schwarz gekleidet, dramatisches Augen-Make-up, wie es sich gehört. Sie tritt ans Mikro, schaut ins Zelt, verharrt einen Moment – und streckt dann langsam eine Hand aus zum Publikum. Mehr nicht. Aber mit dieser einladenden Geste hat sie die Zuhörer im Griff, sie hängen an ihren Lippen, sind in ihren Bann geschlagen. So etwas nennt man wohl Bühnenpräsenz!

Chansons als gespielte Szenen

In meiner Erinnerung sind auch ihre Lieder: keine Vorträge, sondern kleine Szenen. Das Mikro übernimmt die Rolle des Geliebten, wenn sie ihm versichert, „Je vous aimais le temps d‘une chanson“. Ihre Stimme schmeichelt, ist hart und aggressiv, deklamiert, argumentiert, flüstert, schimpft. Und wenn die Muse der Existenzialisten an die philosophischen und sozialen Debatten der 1950er-Jahre erinnert, in denen es um Zeit und Ewigkeit ging, um Freiheit, Gerechtigkeit und neue Strukturen, dann wirkt ihre Versicherung „vos rêves sont les miens“ wie ein immer noch gültiges Bekenntnis. „J‘arrive“, singt sie gegen Ende des Auftritts bei KulturPur, an den sich fünf Zugaben anschließen: „Ich komme“, versichert sie dem Tod, aber „warum jetzt schon“, fragt sie in dem Chanson. Mehr als 23 Jahre hat er ihr noch Zeit gelassen, jetzt ist das „J‘arrive“ eingetreten.
Ihren Chansons und ihren Szenen bleibt immer ein Hauch von Traurigkeit, von Melancholie, von unerreichbarem Traum. Aber den zelebriert Juliette Gréco so grandios, dass er Sehnsüchte weckt. Ganz große Kunst! Toll, das erlebt zu haben!

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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