Justyna Müsch im Interview
Gebürtige Siegenerin produziert "Die Goldfische"

Axel Stein, Tom Schilling, Jella Haase, Jan Henrik Stahlberg, Kida Khodr Ramadan, Dominik Porschen, Justyna Müsch und Alireza Golafshan (v. l.) freuten sich beim „Family And Friends Screening“ über die vielen Fans.  Foto: Sony Pictures Entertainment/Sebastian Reuter
  • Axel Stein, Tom Schilling, Jella Haase, Jan Henrik Stahlberg, Kida Khodr Ramadan, Dominik Porschen, Justyna Müsch und Alireza Golafshan (v. l.) freuten sich beim „Family And Friends Screening“ über die vielen Fans. Foto: Sony Pictures Entertainment/Sebastian Reuter
  • hochgeladen von Sarah Benscheidt (Volontärin)

sabe   Mit starrem Blick auf den Laptop und einem Affenzahn rast Oliver Overath (Tom Schilling) durch die Gänge der Reha-Klinik. Im Rollstuhl. Seit einem schweren Autounfall ist er querschnittsgelähmt. Ein sehr viel dringenderes Problem scheint für den aufstrebenden Portfolio-Manager und Bänker wohl aber der fehlende WLAN-Empfang im „Behindertengefängnis“ zu sein. Während er also, mit großem Willen zur Verdrängung seiner Situation, auf der Jagd nach dem besten „Spot“ für möglichst viele Empfangsbalken ist, „crashed“ er in die WG von Menschen mit Behinderung, die sich „Die Goldfische“ nennen. Die Wohngemeinschaft wird von Laura (Jella Haase) und Eddy (Kida Khodr Ramadan) betreut.
Den Skype-Partner, der Oliver erwartungsvoll aus seinem Laptop anblickt und vor dem er unbedingt sein geschäftstüchtiges Gesicht wahren will, verliert er zwar mangels Netzempfang, dafür lernt er aber dann eben die blinde Magda (Birgit Minichmayr), den stillen Michi (Jan Henrik Stahlberg), den autistischen „Rainman“ (Axel Stein) sowie die glamourverliebte Franzi (Luisa Wöllisch) mit Down-Syndrom kennen. Viel kann er diesen Begegnungen anfangs nicht abgewinnen. Sein bisheriges Leben überdenken? Keinesfalls. Viel eher nutzt er die Vorteile der „positiven Diskriminierung“, um einen – jüngsten Umständen geschuldeten – kriminellen Plan umzusetzen: Er will nach Zürich reisen, um dort eine beträchtliche Summe seines Schwarzgeldes an sich zu bringen: „Wer kontrolliert schon einen Bus mit Behinderten?“

Ein Mainstreamfilm mit Anspruch

Es ist eine Komödie, ein „Mainstreamfilm“, aber mit Anspruch, der am 21. März, im Verleih von Sony Pictures, in den deutschen Kinos gestartet ist. Versunken im gemütlich geruhsamen Kinositz lacht man denn auch so manches Mal herzlich, genauso oft überrascht der fast zweistündige Spielfilm aber auch mit jeder Menge Tiefgang. Wie findet man bei diesem Zusammenspiel die richtige Balance, ja, wie überhaupt den richtigen Ton? In aller Kürze: Kann oder – darf – Behinderung lustig sein?

Die Produzentin im Interview

Die SZ hat mit der in Siegen aufgewachsenen Produzentin, Justyna Müsch, gesprochen und viel erfahren, über die Idee und die Hintergründe, einen humorvollen Film über Menschen mit Behinderung zu machen.

Welche Idee stand am Anfang der Produktion?

Justyna Müsch: „Wenn ich den Umgang mit Menschen mit Behinderung beobachte, fällt mir auf, dass viele vor lauter Mitleid häufig unbeholfen handeln, weil plötzlich die Behinderung im Vordergrund steht und nicht der Mensch. Einen Film mit einer provokativen Prämisse zu machen, bei der man aber nie die Augenhöhe verliert – das lag uns von Anfang an am Herzen. Wir haben versucht, Unsicherheiten und Vorurteile zu entlarven um gleichzeitig darüber lachen zu können.“

Wieso der Zugang über die Komödie?

„Ich denke, die Komödie ist auch ein Stück weit die Königsdisziplin des Films. Uns ging es bei ,Die Goldfische‘ darum, mit den Figuren zu lachen und nicht über sie. So kann man Berührungspunkte schaffen, Barrieren im Kopf durchbrechen. Sich bewusst machen, in welchem Mikrokosmos wir eigentlich kreisen, wenn unsere größte Behinderung heutzutage oft das fehlende WLAN ist. Ali (Anm.: Alireza Golafshan ist Regisseur des Films) ist es gelungen, Menschen mit Behinderungen als eigenwillige Truppe darzustellen, durch die unsere Hauptfigur Oliver in einem unerwarteten Moment in seinem Leben begreifen lernt, was die Qualität menschlicher Beziehung eigentlich ausmacht. In meinen Augen ist es ein Film geworden, bei dem man aus dem Lachen nicht mehr rauskommt und der gleichzeitig die wahren Werte des Lebens feiert.“

Wie gelingt die Gratwanderung zwischen dem Anspruch an Humor und der Sensibilität des Themas?

„Erste Priorität war es, dem Thema gerecht zu werden. Ali weiß, welchen Ton man anschlagen darf. Er hat im familiären Kontext Berührungspunkte mit dem Thema Behinderung gesammelt. Das gesamte Team hat sich zudem unglaublich ernsthaft und intensiv mit der Materie beschäftigt. Wir haben uns mit Beratern und Ärzten unterhalten, mit Menschen mit Behinderung gesprochen. Die Schauspieler haben ihre Figuren authentisch und glaubhaft erarbeitet. Wir alle haben uns dieser Perspektive gestellt. Wichtig war, authentische Charaktere zu erschaffen, nachvollziehbare Menschen, die eben auch Behinderungen haben. Unsere Figuren haben gute und schlechte Eigenschaften, Fehler, Bedürfnisse und Träume, Behinderung allein ist keine Charaktereigenschaft.“

Situationskomik statt Figurenkomik

[p]Fernab von zusammengeschraubten Nullachtfünfzehn-Sketchen und ausgelaugten Kabarettnummern, funktioniert der Film „Die Goldfische“ über Situationskomik, nicht über Figurenkomik. Man lacht mit der Figur, nicht über sie. Empathie und Reflexion sind die Schlüsselbegriffe, die beim Betrachter Identifikation und Anteilnahme auslösen. Der Film fängt mit seinem Willen zum Realismus den Geist unserer Zeit ein, sei es im Umgang mit Menschen mit Behinderung oder auch in Blick auf die verkappte Leistungsgesellschaft. Das alles gelingt gehaltvoll, ohne den erhobenen Zeigefinger – und der sei auch nie Ziel gewesen, so Müsch. „Wir wollten Fragestellungen ins Bewusstsein rücken, und dabei soll schreiend gelacht werden dürfen.“

Autor:

Sarah Benscheidt (Volontärin) aus Bad Berleburg

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