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Jochen Manderbach leitet seit 30 Jahren das Viktoria
Großes Kleinstadt-Kino

Von Hilchenbachs Bürgermeister Kyrillos Kaioglidis hat Jochen Manderbach zum „30-Jährigen“ einen Präsentkorb erhalten.
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ph Dahlbruch. Der 29. April und der 1. Mai 1991 bleiben unauslöschlich mit der Historie des Viktoria-Filmtheaters verbunden. An jenem vorletzten April-Tag, einem Montag, begab sich der Grandseigneur der Siegerländer Kinobranche in den Ruhestand: Punkt 20 Uhr betraten Felix Fischer und seine Ehefrau Lieselotte die Bühne des ausverkauften Saals und verkündeten ihren Abschied. Unter donnerndem Applaus erhob sich das Publikum von den Plätzen und hielt Transparente in die Höhe: „Felix, wir danken dir!“ Auf dem Programm stand anschließend „Der mit dem Wolf tanzt“ von und mit Kevin Costner.

Begonnen hat Fischers Kino-Karriere im Herbst 1947 mit der Erlaubnis der britischen Militärregierung, als „Cinema owner“ tätig werden zu dürfen.

ph Dahlbruch. Der 29. April und der 1. Mai 1991 bleiben unauslöschlich mit der Historie des Viktoria-Filmtheaters verbunden. An jenem vorletzten April-Tag, einem Montag, begab sich der Grandseigneur der Siegerländer Kinobranche in den Ruhestand: Punkt 20 Uhr betraten Felix Fischer und seine Ehefrau Lieselotte die Bühne des ausverkauften Saals und verkündeten ihren Abschied. Unter donnerndem Applaus erhob sich das Publikum von den Plätzen und hielt Transparente in die Höhe: „Felix, wir danken dir!“ Auf dem Programm stand anschließend „Der mit dem Wolf tanzt“ von und mit Kevin Costner.

Begonnen hat Fischers Kino-Karriere im Herbst 1947 mit der Erlaubnis der britischen Militärregierung, als „Cinema owner“ tätig werden zu dürfen. Schauplatz der ersten Filmvorführung der „Siegerland Lichtspiele“ ist am 9. Juli 1948 der Gasthof Sonneborn in Müsen. In der Folgezeit reist der gebürtige Danziger mit seinem „Tournee-Kino“ durchs Sieger- und Sauerland – bis zur Sesshaftigkeit am 1. Mai 1952 in der Turn- und Festhalle Dahlbruch, der Betriebseinstellung der „Siegerland Lichtspiele“ und der Wiedergeburt als Viktoria-Filmtheater. Den Schlusspunkt setzt am 13. Februar 1960 der Umzug in die neue Dahlbruchhalle, die später als Gebrüder-Busch-Theater Bekanntheit erlangt. Dort, auf dem Bernhard-Weiss-Platz, entsteht zurzeit der Kulturelle Marktplatz.

Corona hat auch das Viktoria seit Monaten zur Zwangspause verdonnert. Währenddessen herrscht einiges Theater vor dem Theater. Eine Baugrube und Baufahrzeuge verhindern das Betreten des Haupteingangs. Über einem Restaurant soll dort im zweiten Stock ein Mehrzweck-Saal mit 100 Plätzen entstehen – für Filmvorführungen, aber auch für Kleinkunst und andere Veranstaltungen. Der große Saal im Altbau, den sich Kinobetreiber und Gebrüder-Busch-Kreis teilen, verfügt aktuell über 364 bequeme Parkett- und Balkonplätze.

90er-Jahre unglaublich erfolgreich

Eine Situation wie die augenblickliche stellt auch Jochen Manderbach vor Herausforderungen, die er sich bei seinem „Amtsantritt“ nicht hätte träumen lassen. Vor 30 Jahren, am 1. Mai 1991, schlüpfte er zusammen mit seinem Freund Carsten Gülker in Fischers mächtige Fußstapfen. Existenzängste waren indes unbegründet. „Die 90er-Jahre“, sagt der gebürtige Siegener rückblickend, „waren unglaublich erfolgreich.“

Bereits der Einstand mit der Romanze „Pretty Woman“ trägt zur Nervenberuhigung bei: Obschon ein knappes Jahr alt, träumen, lachen, hoffen und schluchzen 493 Besucher mit Julia Roberts und Richard Gere um die Wette.

In ihrer ersten Kinowoche setzen die beiden „Frischlinge“ auf das Drama „Nicht ohne meine Tochter“. Resultat: ausverkauftes Haus, 2578 Leinwand-Fans bei fünf Vorstellungen. „1993“, fügt Manderbach nicht ohne Stolz hinzu, „war das Viktoria-Filmtheater mit 90 019 Zuschauern das erfolgreichste Kleinstadt-Kino in ganz Deutschland.“

Selbst an den besten Einzeltag erinnert er sich noch haargenau: 16. November 1994, Buß- und Bettag, damals noch ein arbeitsfreier Feiertag. Im Siegener Apollo-Kinocenter auf der Siegplatte hat man augenscheinlich versäumt, die Vorpremiere von Disneys Zeichentrick-Blockbuster „Der König der Löwen“ zu bewerben. So ist das Viktoria das einzige Lichtspielhaus im Kreisgebiet, das Simba & Co. im Programm hat. 2245 Karten gehen an fünf Vorstellungen durch den Kassenschlitz – wahrlich ein Feiertag. Sahnehäubchen bilden die zum Film passende Ausstaffierung des Foyers und eine Verlosung mit einer Reise nach Disneyland Paris als Hauptpreis.

Niveauvolles Filmprogramm

Würdigung erfährt das Duo Manderbach/Gülker durch Auszeichnungen für sein niveauvolles Filmprogramm, das sich – wie schon bei Vorgänger Felix Fischer – von der breiten Masse abhebt. Apropos Fischer: Dessen Name fällt bis heute, wenn Kritik ansteht – was eher selten vorkommt. „Das hätte es bei ihm nicht gegeben“, heißt es dann. „Bei allen Unterschieden im Detail“, beteuert Manderbach, „sind wir dennoch immer der Idee und der Tradition des Hauses treu geblieben.“
Mit den 90er-Jahren endet der Siegeszug des Viktoria vorläufig. Unter anderem ein neues Multiplex-Kino im Oberzentrum Siegen – mit Carsten Gülker als Theaterleiter – und ein verändertes Besucherverhalten beschert dem Dahlbrucher Filmtheater eine sinkende Resonanz. Gleichwohl: Eine Vorstellung ohne einen einzigen Zuschauer hat es in der gesamten Geschichte des „Dorfkinos“ nie gegeben.

Unter Manderbachs Regie sucht das Team nach Erfolgsnischen – und findet sie. Blockbuster-Massenpremieren, da ist der 60-Jährige ehrlich, kriegen Multiplex-Kinos besser geregelt. Zwar werden Action-Helden wie James Bond oder die Skywalkers nicht in unendliche Weiten entschwinden, bevor sie im oberen Ferndorftal gelandet sind. Doch daneben existieren cineastische Parallelwelten. „Gehobene Filmunterhaltung“, so definiert der Kinobetreiber den klassischen Viktoria-Stil und führt gleich zwei Paradebeispiele auf: „Honig im Kopf“ mit Dieter Hallervorden (fast 6000 Besucher) oder „Der Junge muss an die frische Luft“ über die Kindheit von Hape Kerkeling (mit ca. 5000 Zuschauern zweiterfolgreichstes Kino in Nordrhein-Westfalen).

Zelluloid ist klebrig: Felix Fischer, Jochen Manderbach und Carsten Gülker (v. l.) Ende Dezember 1990.
  • Zelluloid ist klebrig: Felix Fischer, Jochen Manderbach und Carsten Gülker (v. l.) Ende Dezember 1990.
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Auch Themenreihen wie Frauen- und Seniorenkino oder Komplettaufführungen etwa der „Herr-der-Ringe“-Trilogie fügen sich bestens in diese Nische ein und erzeugen Synergie-Effekte. Ebenso Musikfilme. Bei der Vorstellung zu „Wie im Himmel“ können die Kinobesucher die Soundtrack-CD gleich dazu erwerben. Die „Blues Brothers“ locken mit freiem Einlass bei entsprechender Verkleidung. Folge: Das Haus ist ausverkauft, die Hälfte ohne Eintritt hineingekommen. Dem Queen-Streifen „Bohemian Rhapsody“ schließt sich ein Ableger der legendären Kreuztaler „Flick-Disco“ an.

„Man muss sich immer etwas einfallen lassen“, lautet Manderbachs Credo. An Ideen mangelt es ihm nicht. Vorstellen kann er sich etwa Live-Übertragungen aus der New Yorker Carnegie Hall oder der Londoner Royal Albert Hall auf die Großleinwand im Hilchenbacher Stadtteil – gegebenenfalls in Kooperation mit dem Gebrüder-Busch-Kreis. Eine Grundvoraussetzung dafür sei freilich eine stabile Internet-Verbindung.

Prominente Gäste

Promi-Gäste gab’s ebenfalls – zum Beispiel Christine Urspruch, die 2001 das Fabelwesen Sams verkörperte und im Jahr darauf im Dahlbrucher „Filmpalast“ weilte. Oder der aus Ferndorf stammende Komponist Volker Bertelmann („Hauschka“), der am 12. April 2017 auf der Bühne des Viktoria stand. Seine Musik zum Drama „Lion – Der lange Weg nach Hause“ war zuvor für den Oscar nominiert worden – bei der Verleihung am 26. Februar 2017 ging er dann leider leer aus. Seither hat der 55-Jährige häufiger Filmmusik komponiert, unter anderem für „Gut gegen Nordwind“ oder „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.

Zwar hat die Pandemie  dem Lichtspielhaus eine bittere Durststrecke beschert, nicht aber das Wasser abgegraben, sprich die Hoffnung geraubt. Zurzeit halten in erster Linie die regelmäßigen Popcorn-Aktionen die Erinnerung wach. Vielleicht passt es gar nicht so schlecht, dass die Baustelle des Kulturellen Marktplatzes in diese „Trockenphase“ fällt.

Nachfolger in Aussicht

In die Zukunft blickt Jochen Manderbach verhalten positiv – trotz besucherloser Corona-Monate und noch schätzungsweise zweieinhalb Jahren „Marktplatz“-Bauzeit. Ein Zeitsprung per Fingerschnipp gelingt leider nur im Film. So weiß er, dass der vor ihm liegende Weg „noch ein bisschen steinig“ sein wird. Aber mit 60 hat er nach wie vor Wünsche, Visionen, Ideen und Träume – und einen möglichen Nachfolger in Aussicht.

Kino bleibt Kult Wer eigenständig ein Kleinstadt-Kino betreibt, muss idealistische Züge in sich tragen und zugleich einen gesunden Geschäftssinn besitzen. Und mit der Zeit gehen. Denn die ändert sich, bisweilen gar recht rasant. Ideen sind gefragt. Eintrittskarten allein füllen die Kasse nicht – Knabbereien und Kaltgetränke sind längst Standard beim Kinobesuch. Seit Felix Fischer dieses Freizeitvergnügen ab den 1940er-Jahren im nördlichen Siegerland etabliert hat, liest sich die Geschichte des Viktoria-Filmtheaters fast wie ein Drehbuch für einen Film – mit allen Höhen und Tiefen. Vielleicht muss man wirklich geboren sein für solch einen Job. Aller Konkurrenz, veränderten Besucherströmen und Corona zum Trotz: Kino war und ist Kult. Getreu dem Titel des anstehenden James-Bond-Blockbusters bleibt schlichtweg „Keine Zeit zu sterben“. Solche Produktionen wirken auf der Riesenleinwand einfach beeindruckender als auf dem Fernsehschirm – kollektives Gemeinschaftsgefühl inbegriffen. 2027 kann das Viktoria sein 75-jähriges Bestehen begehen. Schon früher soll der vieldiskutierte und kostspielige Kulturelle Marktplatz auch Kino-, Theater- oder Konzertbesuche noch attraktiver machen. Bislang wirkte das mittlerweile zweistellige Millionenprojekt ja streckenweise eher wie eine Miniaturwunderland-Ausgabe von Elbphilharmonie und BER-Flughafen. Doch die Zuversicht wächst, dass mit der Fertigstellung Ende 2023 auch das renommierte Gebrüder-Busch-Theater eine weitere verdiente Aufwertung erfährt. Schließlich ist dieses hochwertige Kulturangebot auf dem Lande alles andere als selbstverständlich – indes zugleich ein Indiz dafür, dass eine „Provinz voller Leben“ auch außerhalb urbaner Zentren durchaus tragfähig sein kann. p.helmes@siegener-zeitung.de
Von Hilchenbachs Bürgermeister Kyrillos Kaioglidis hat Jochen Manderbach zum „30-Jährigen“ einen Präsentkorb erhalten.
Zelluloid ist klebrig: Felix Fischer, Jochen Manderbach und Carsten Gülker (v. l.) Ende Dezember 1990.
Autor:

Peter Helmes (Redakteur) aus Siegen

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