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Er hatte Tausende Filme / Auf der Leinwand war er nie zu sehen
Gut gespult ist halb gewonnen

Zu groß für den Videorekorder zu Hause und kein Kinderspiel: Die mächtige Filmrolle vermittelt eine Ahnung davon, wieviel Sorgfalt und handwerkliches Geschick die analoge Filmvorführung erfordert.
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  • Zu groß für den Videorekorder zu Hause und kein Kinderspiel: Die mächtige Filmrolle vermittelt eine Ahnung davon, wieviel Sorgfalt und handwerkliches Geschick die analoge Filmvorführung erfordert.
  • Foto: René Traut
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ph- Bis zum Ende der analogen Ära des Viktoria-Filmtheaters wirkte Erich Langenbach als Film-Vorführer.
ph Dahlbruch.  Eng ist es im Vorführraum des Viktoria-Filmtheaters. Abgeschottet vom Zuschauerraum, gelangt man vom Foyer aus über eine kurze Treppe dorthin. Oder durch die Außentür auf der Gebäuderückseite. Einzige Sichtverbindung zum Parkett und Balkon ist ein rechteckiges Guckloch neben dem Projektor.
Über viereinhalb Jahrzehnte war diese fensterlose Kabine das Reich von Erich Langenbach. Fast vor seiner Haustür wirkte der gebürtige Dahlbrucher dort als Filmvorführer. Bis Ende 2013. Am 5. Dezember jenes Jahres endete die analoge Ära des Viktoria mit der ersten digitalen Vorführung von „Fack ju Göhte“.
Seither ersetzen Festplatten die althergebrachten Filmrollen.

ph- Bis zum Ende der analogen Ära des Viktoria-Filmtheaters wirkte Erich Langenbach als Film-Vorführer.
ph Dahlbruch.  Eng ist es im Vorführraum des Viktoria-Filmtheaters. Abgeschottet vom Zuschauerraum, gelangt man vom Foyer aus über eine kurze Treppe dorthin. Oder durch die Außentür auf der Gebäuderückseite. Einzige Sichtverbindung zum Parkett und Balkon ist ein rechteckiges Guckloch neben dem Projektor.
Über viereinhalb Jahrzehnte war diese fensterlose Kabine das Reich von Erich Langenbach. Fast vor seiner Haustür wirkte der gebürtige Dahlbrucher dort als Filmvorführer. Bis Ende 2013. Am 5. Dezember jenes Jahres endete die analoge Ära des Viktoria mit der ersten digitalen Vorführung von „Fack ju Göhte“.
Seither ersetzen Festplatten die althergebrachten Filmrollen. Man habe lange gezögert, berichtet Kinobetreiber Jochen Manderbach, der einen Vergleich zu Schallplatte und CD zieht. „Aber am Ende“, resümiert er mit Blick auf die makellose Bild- und Tonqualität, „war die Entscheidung alternativlos.“

Erich Langenbach: Von Kindheit an vom Film fasziniert

Manderbachs Team ist der 66-Jährige – am Pfingstmontag hatte er Geburtstag – trotzdem treu geblieben. Erich Langenbach hilft beim Verkauf von Knabbereien und wann immer Not am Mann ist. Stets hat er die Ruhe weg. Und seinem „Chef“ etwas voraus: Der nämlich hat sich nie ans analoge Vorführen gewagt: „Der einzige Punkt des Kinogeschäfts, der nicht meiner war. Da konnte immer was schiefgehen oder passieren.“
Berührungsängste mit dem Medium Film kennt Erich Langenbach bereits als kleiner Bub nicht.

„Ich habe immer gerne Filme geguckt und schon als Kind vor der Leinwand gesessen“,

sagt er. Eine seiner ältesten Erinnerungen: „Heimweh nach St. Pauli“ mit Freddy Quinn und dem Evergreen „Junge, komm bald wieder“.
Als 18-Jähriger beginnt sich Erich Langenbach intensiv mit der technischen Seite des Filmgeschäfts zu befassen. Seine Ausbildung vollzieht sich in Form von „Learning by doing“. Als gelernter Elektriker kann er kleinere Pannen direkt beheben. Felix Fischer, „Grandseigneur“ der Siegerländer Kinoszene, ist sehr erleichtert. Dessen Sohn Jürgen hatte dem „Novizen“ den Zugang zur Vorführzentrale geebnet.

Umspulen ist eine Kunst

Das Auf- und Umspulen will gelernt sein und behutsam vonstatten gehen, um Laufschrammen zu vermeiden. „Eine Filmprojektion ist eine rasche Abfolge von Einzelbildern“, doziert der Fachmann. Von 24 Bildern pro Sekunde, um genau zu sein. „Wenn man vorsichtig umspult, passiert nichts. Ansonsten kann es böse Überraschungen geben“, weiß Erich Langenbach.
Eine Hauptaufgabe besteht im Aneinanderkoppeln der einzelnen Filmakte beziehungsweise Umspulen der gezeigten Filmrollen. Klingt simpel, ist indes ganz schön knifflig. Anfangs arbeitet Langenbach mit zwei Projektoren der Marke Ernemann VIII – sie stehen heute im Foyer zur Ansicht. Beide sind gemeinsam zum Einsatz gekommen: Ist ein Akt ( = Rolle) durchgelaufen, blendet der Vorführer auf die andere Maschine um, über die der Film fortgesetzt wird.

Als Vorführer muss man auf Zack sein

Die Überblend-Technik ist eine Kunst für sich. Schließlich soll der Kinobesucher einen durchgehenden Filmgenuss erleben. Je länger die Filme, desto komplizierter die Handhabung. Das annähernd vierstündige Historien-Epos „Ben Hur“ etwa besteht aus 16 Filmakten, was 15 Überblendungen erfordert: „Da musste man als Vorführer auf Zack sein.“
Erfahrene Experten bringen winzige Markierungen an den Rändern der Filmstreifen an. Durch sie erkennen sie später, wann es Zeit ist zum Überblenden.

„Meistens hat alles ziemlich gut gepasst“,

sagt Erich Langenbach. Gewissenhaftigkeit ist oberstes Gebot, jede Unaufmerksamkeit fällt meist sofort auf.
Gravierende Irritationen können etwa beim Publikum entstehen, wenn die korrekte Reihenfolge der einzelnen Filmakte beim Einsortieren durcheinander gerät. Erich Langenbach hat einmal Glück im Unglück: Als es beim Fantasy-Abenteuer „Highlander“ zum Vertausch kommt, fällt das vielen im Zuschauerraum wegen der zahlreichen Zeitsprünge im Spielfilm gar nicht auf.

Feuerpolizeilich geprüft

Ganz ungefährlich ist der Job des Vorführers nicht. So muss er einen feuerpolizeilichen Nachweis erbringen. Grund: die leichte Entflammbarkeit des Filmmaterials. Entsprechende Sicherheitsvorkehrungen sind mithin Pflicht, etwa Verschlussklappen zum Zuschauerbereich hin. Verschleißerscheinungen und Rissanfälligkeit der mehrfach beschichteten Triacetat-Streifen tun ihr Übriges. Irgendwann versagt dann auch der Filmkleber/-zement. Einmal, erinnert sich der 66-Jährige, habe man tatsächlich eine Abendvorstellung kurzfristig streichen müssen, weil sich die sprichwörtlichen Filmrisse nicht mehr rechtzeitig zusammenkitten ließen.

Ein Vorführer hat viele Aufgaben

Mit der Umstellung auf digitale Vorführtechnik endet die Ära des klassischen Vorführers, dessen Aufgabengebiet den kompletten technischen Ablauf umfasst – vom Vorhang bis zur Saalbeleuchtung. „Durch die Digitalisierung fallen viele Fehlerquellen weg“, sagt Jochen Manderbach.

„Nichtsdestotrotz macht das Ende des analogen Kinos wehmütig.“

Jetzt verschwindet auch der voll funktionsfähige Großprojektor der Marke Kinoton FP-30 – ein gängiges Modell in der Kinolandschaft. Die letzte Reise führt in den Westerwald, wo Frank Leicher und sein Sohn Jan-Eric aus Neunkirchen bzw. Burbach in einer Lagerhalle solche „Schätzchen“ sammeln und die Erinnerung an eine verklungene Zeit aufbewahren – nicht nur als Deko. Vielmehr möchten sie einige Projektoren am Laufen halten mit dem Fernziel, ein kleines, privates Kino mit analoger Technik einzurichten (die SZ berichtete).

Zu groß für den Videorekorder zu Hause und kein Kinderspiel: Die mächtige Filmrolle vermittelt eine Ahnung davon, wieviel Sorgfalt und handwerkliches Geschick die analoge Filmvorführung erfordert.
Erich Langenbach in seinem Element: Mit viel Fingerspitzengefühl und Augenmaß nimmt er Einstellungen vor.
Autor:

Peter Helmes (Redakteur) aus Siegen

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