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1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland
Müsener schreibt das Buch zum Jubiläum

Der Müsener Uwe von Seltmann hat das Begleitbuch zum Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ geschrieben.
  • Der Müsener Uwe von Seltmann hat das Begleitbuch zum Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ geschrieben.
  • Foto: Gabriela von Seltmann
  • hochgeladen von Peter Helmes (Redakteur)

ph Müsen. „Die deutsche Geschichte ist nur zu verstehen, wenn man die Geschichte des Judentums in Deutschland kennt. Denn ohne Jüdinnen und Juden ist die deutsche Geschichte nicht denkbar.“
Das sagt Uwe von Seltmann, freier Publizist, Dokumentarfilmer und Pendler zwischen Deutschland, Polen und Kroatien. Eigentlich wollte er längst mal wieder in seinem Heimatort Müsen sein – „aber im Siegerland ist ja alles dicht“, schmunzelt er. Zurzeit befindet er sich in Istrien. Jahr für Jahr zieht er sich von August bis Oktober zur Schreibklausur – und Olivenernte – in ein Drei-Häuser-Dorf zurück. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und dadurch abgesagter Veranstaltungen harrt der Weltbürger dort nun schon länger aus als ursprünglich beabsichtigt.

ph Müsen. „Die deutsche Geschichte ist nur zu verstehen, wenn man die Geschichte des Judentums in Deutschland kennt. Denn ohne Jüdinnen und Juden ist die deutsche Geschichte nicht denkbar.“
Das sagt Uwe von Seltmann, freier Publizist, Dokumentarfilmer und Pendler zwischen Deutschland, Polen und Kroatien. Eigentlich wollte er längst mal wieder in seinem Heimatort Müsen sein – „aber im Siegerland ist ja alles dicht“, schmunzelt er. Zurzeit befindet er sich in Istrien. Jahr für Jahr zieht er sich von August bis Oktober zur Schreibklausur – und Olivenernte – in ein Drei-Häuser-Dorf zurück. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und dadurch abgesagter Veranstaltungen harrt der Weltbürger dort nun schon länger aus als ursprünglich beabsichtigt.
Von Uwe von Seltmann, der das Schriftsteller-Gen von seinem Vater Lothar geerbt hat, stammt das Erzähl-Sachbuch „Wir sind da!“ zum Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, das unter „#2021JLID“ bundesweit mit zahlreichen Veranstaltungen begangen wird mit dem Ziel, jüdisches Leben hierzulande sichtbar zu machen – auch in der hiesigen Region.
Eine gute Wahl: Seit seiner Kindheit beschäftigt sich der 56-Jährige sowohl mit der jüdischen Geschichte als auch mit familiären, gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der NS-Zeit auf die Gegenwart. 2004 erschien sein vielleicht bislang wichtigstes Werk: „Schweigen die Täter, reden die Enkel“.
„Wir sind da!“, erschienen im Homunculus-Verlag (Erlangen), erzählt auf 344 Seiten von der vielfältigen Gegenwart wie von der reichhaltigen Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland. Zahlreiche Abbildungen und biografische Porträts jüdischer Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Epochen illustrieren das Buch. Historisch fundiert und anschaulich zugleich macht von Seltmann Zusammenhänge dieser umfassenden und komplexen Kulturgeschichte greifbar.
Zu den vorgestellten Persönlichkeiten zählen unter anderem der Bestseller-Autor Wladimir Kaminer, der mit seinem Erzählband „Russendisko“ (2000) den Grundstein für die russisch-jüdisch-deutsche Literaturszene legte, die Germanistin und Buchhändlerin Rachel Salamander, die als Kind in einem DP-Camp (DP = Displaced Persons) aufwuchs und mit ihrer Literaturhandlung maßgebend das intellektuelle jüdische Leben in Deutschland nach der Schoah prägte, sowie Regina Jonas, die 1935 in Berlin als erste Frau weltweit zur Rabbinerin ordiniert wurde.

Vier Generationen unter einem Dach

In Müsen wächst der kleine Uwe in einem Haus auf, in dem vier Generationen unter einem Dach lebten: „Alle drei Generationen vor mir haben mich in der ,Liebe zum Volk Israel’ erzogen – von meinen Urgroßeltern Laura und Heinrich Marburger bis zu meinem Vater, der in den 1970er-Jahren an deutsch-israelischen Lehreraustauschen teilgenommen hatte und uns Kinder mit dem hebräischen Gute-Nacht-Wunsch ,layla tov’ ins Bett schickte. Ich hatte schon immer gerne gelesen, und das Bücherregal meines Vaters war eine Fundgrube zu jüdischen Themen.“
Als Jugendlicher verschlingt Uwe von Seltmann Literatur von Joseph Roth und Stefan Zweig. Auch seine Lieblingsmusiker sind Juden: Bob Dylan und Leonhard Cohen. Er studiert evangelische Theologie in Erlangen, Tübingen und Wien, lernt das alte Hebräisch („weil ich die biblischen Geschichten im Original lesen wollte“), arbeitet als Zeitungskorrespondent und ist von 2004 bis 2008 Chefredakteur der evangelischen Wochenzeitung „Der Sonntag“ (Leipzig).
Seit seiner Jugend faszinieren den Müsener außerdem die jiddische Sprache und Kultur: „Das Jiddischland, das keine Grenzen kennt und dessen Bewohnerinnen und Bewohner auf allen Kontinenten leben, ist zu meinem Heimatland geworden – egal, wo ich gerade lebe.“
Verheiratet ist Uwe von Seltmann mit einer polnischen Jüdin, deren Großvater in Auschwitz ermordet wurde. Sein eigener Opa war SS-Offizier, der an der Niederschlagung des Warschauer Ghetto-Aufstands beteiligt war. Das alles, sagt er, habe seinen Blick auf die Geschichte, die Nachwirkungen bis in die Jetzt-Zeit hinein sowie auf das „durch nationalistisch-rassistisch-antisemitische Bewegungen gefährdete Zusammenleben der Gegenwart“ nachhaltig geprägt.
Uwe von Seltmanns erstes Buch – der Roman „Karlebachs Vermächtnis“ – erscheint im Jahr 2000 und handelt von den Auswirkungen der NS-Zeit auf die Gegenwart. Eine Reihe weiterer Veröffentlichungen folgt – ernste und nachdenkliche wie „An einem Tag im August“, aber auch heitere wie die in „Papa, Paul und Pampers“ zusammengefassten 42 Kurzgeschichten.
Mehrfach zieht es den Nordsiegerländer nach Israel. Die Begegnungen und Gespräche mit den Menschen „aus sehr unterschiedlichen jüdischen Welten“ hätten ihm gezeigt: „Das eine Judentum gibt es nicht. Das Judentum hat viele Gesichter – auch im Deutschland des Jahres 2021.“

Autor:

Peter Helmes (Redakteur) aus Siegen

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