Ablehnung tief im Alltag verwurzelt

Diskussionsabend »Antisemitismus heute«:

Pfarrer Pahnke (Berlin) gab erstaunliche Beispiele / Pastor darf keine Jüdin heiraten

Dahlbruch. »Wir sind ein kleiner Kreis, aber es ist auch ein spezielles Thema«, begrüßte Pastor Rüdiger Schnurr rund 70 Interessierte zur Diskussion »Beliebt waren sie noch nie – Antisemitismus heute« im Dahlbrucher Gemeindehaus, der dritten Veranstaltung des Bündnisses für Toleranz und Zivilcourage. Als Gast hatte man Pfarrer Rudi-Karl Pahnke aus Berlin gewonnen. Der 57-Jährige beschäftigt sich schon lange mit dem Thema und veröffentlichte nach einem theologischen und zwei geschichtlichen Büchern 1998 eine Schrift über den Antisemitismus. Er ist nicht nur Pfarrer in Brandenburg, sondern er leitet auch ein Qualifizierungsinstitut für deutsch-israelischen und deutsch-palästinensischen Austausch.

Gekonnt bezog Pahnke die Hörer mit ein und ließ so nie das Gefühl eines langatmigen Vortrags aufkommen. »Wir reden über unsere Vorurteile. Nicht über die von anderen«, machte er deutlich. Ob die Anwesenden sich wünschten, einen jüdischen Freund zu haben, fragte er das Publikum. Eine positive Reaktion folgte, aber »wir haben hier in Hilchenbach keine Mitbürger jüdischen Glaubens«, antworteten mehrere Besucher.

Zugleich berichtete Pahnke über eine Umfrage unter Jugendlichen aus Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Mit erschreckenden Ergebnissen, wobei ein deutliches Gefälle zwischen neuem und altem Bundesland erkennbar war. So würden 37,7 Prozent der männlichen Teens in Brandenburg auf gar keinen Fall einen Juden mit nach Hause nehmen, 39 Prozent würden auch nicht mit Juden tanzen. »Warum sagen die Jugendlichen so was? Haben die Erfahrung mit Juden? Kennen die welche?« Die Fragen aus dem Publikum wiesen auf eine der zentralen Thesen Pahnkes hin: »Das ist der Antisemitismus ohne Juden. Ein erstaunliches Phänomen.«

Die nächste provokative Frage sorgte für Aufregung: »Soll ein Pastor eine jüdische Frau heiraten dürfen?« Für die Anwesenden war völlig klar, dass dies »eher eine Bereicherung« sei. Pastor Schnurr musste leider verneinen. »Dies ist vom Dienstgesetz her verboten.« Das erschien allen unglaublich. »Da wird im Einzelfall entschieden«, so Schnurr.

Für Pahnke ist auch dies eine Folge der deutschen Geschichte. »Ob wir jung oder alt sind: Diese Geschichte werden wir nicht einfach los. Die steckt tief in uns drin.« Das gelte für ihn auch bei der Berichterstattung vieler Medien. »Dass immer zuerst die Reaktion Israels gezeigt wird, aber nie die Verursachung der Reaktion, ist nicht in Ordnung. Aber auch das begründet sich meiner Meinung nach in der Geschichte.«

Zum Abschluss seines Vortrags ging er auf offene Fragen der Zuhörer ein. Pahnke empfahl, sich einzumischen, wenn antisemitische Parolen und Taten auftauchen sollten. Auch teilte er die Befürchtung vor einer Identitätsdebatte im Wahlkampf. Dass Gott in der Bibel Israel sein Land zusagt, hält er für kein geeignetes Argument in der aktuellen Diskussion. »Man sollte die Bibel nicht benutzen, um zu polarisieren«, meinte der Brandenburger Pastor.

Im Rahmen der Diskussion kam auch die Sprache auf die Terroranschläge in den USA. Pahnke befürchtet, dass Israel als Schuldiger dargestellt werde. In der Folge werde rechte Gewalt wieder Auftrieb erhalten. Er erinnerte alle Teilnehmer mit einem Bonhoeffer-Zitat an ihre Verantwortung: »Nur wer für die Juden schreit, darf die Liturgie anstimmen.«

Das Bündnis für Toleranz und Zivilcourage plant seine nächste Veranstaltung für den 9. November im Gemeindehaus Hilchenbach.

dh

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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