SZ

SES-Einsatz in Usbekistan
Ärzte-Schulung im Schneidersitz

Auch diese beiden usbekischen Ärzte hat Renate Shimada, in einem nicht sonderlich ergonomischen Arbeitsumfeld, in Deutsch unterrichtet. Gern würde sie diese im Kreis Siegen-Wittgenstein unterbringen.  Fotos: Privat
4Bilder
  • Auch diese beiden usbekischen Ärzte hat Renate Shimada, in einem nicht sonderlich ergonomischen Arbeitsumfeld, in Deutsch unterrichtet. Gern würde sie diese im Kreis Siegen-Wittgenstein unterbringen. Fotos: Privat
  • hochgeladen von Jan Schäfer (Redakteur)

js Allenbach/Usbekistan. Eine Expertin ist sie. Es dürfte auch nicht despektierlich klingen, sie mit ihren 77 Jahren als Seniorin zu bezeichnen. Renate Shimada, pensionierte Schulleiterin des Gymnasiums Stift Keppel, passt daher bestens in die Riege der Ehrenamtlichen im erfahrenen Lebensalter, die im Namen des Bonner Senior Experten Service (SES) bei weltweiten Einsätzen Hilfe zur Selbsthilfe geben.

Mehrfach schon hat die Allenbacherin ihr in all den Berufsjahren angeeignetes Wissen genutzt und weitergegeben – einige Male in Kirgistan, anschließend auch als erste vom SES an eine Schule entsandte Pädagogin im Nachbarstaat Usbekistan.

js Allenbach/Usbekistan. Eine Expertin ist sie. Es dürfte auch nicht despektierlich klingen, sie mit ihren 77 Jahren als Seniorin zu bezeichnen. Renate Shimada, pensionierte Schulleiterin des Gymnasiums Stift Keppel, passt daher bestens in die Riege der Ehrenamtlichen im erfahrenen Lebensalter, die im Namen des Bonner Senior Experten Service (SES) bei weltweiten Einsätzen Hilfe zur Selbsthilfe geben.

Mehrfach schon hat die Allenbacherin ihr in all den Berufsjahren angeeignetes Wissen genutzt und weitergegeben – einige Male in Kirgistan, anschließend auch als erste vom SES an eine Schule entsandte Pädagogin im Nachbarstaat Usbekistan. Stets war sie damit betraut, in erster Linie Lehrer, aber auch Schüler fit zu machen in der deutschen Sprache – so fit, dass diese bei den höchst anspruchsvollen Prüfungen des Goethe-Instituts antreten konnten.

Auch im zurückliegenden Winter, kurz bevor das Coronavirus die globale Macht an sich riss, spendierte die Allenbacherin zweieinhalb Monate ihrer Zeit, um an einer Schule im usbekischen Urgench (nahe der Weltkulturerbestadt Khiva) Lernwillige auf die harten Deutschprüfungen vorzubereiten. Anders als in den Vorjahren aber waren es nicht nur Kollegen und Schüler, denen die Seniorexpertin die deutsche Sprache, Grammatik und Kultur näherbrachte – diesmal hatte sich Renate Shimada zudem eine Sonderaufgabe gestellt. Sie hatte sich bereit erklärt, auch ein paar usbekische Fachärzte auf die Deutschprüfung vorzubereiten.

Bei ihrem vorherigen Einsatz in Samarkand (die SZ berichtete) hatte sie bereits mit einem Mediziner gepaukt – außerhalb der schulischen Verpflichtung, in ihrer Freizeit. Jeden Abend half die pensionierte Lehrerin dem Deutsch-Lernenden in dessen Heimat. Später half sie ihm, ein Visum für Deutschland zu bekommen – der Kampf mit dem Behördendeutsch war selbst für die studierte Germanistin kein Kinderspiel. In Deutschland angekommen, wurde der Unterricht bei ihr zu Hause fortgesetzt.

Dank dieser Vorbereitung und mithilfe eines Stipendiums konnte der Usbeke später einen einmonatigen Sprachkurs belegen, der ihn auf eine für die Approbation benötigte Fachsprachenprüfung der Ärztekammer vorbereitete. Die Mühen haben sich gelohnt: Der Mediziner hatte Erfolg, er arbeitet inzwischen als Assistenzarzt an einer bayerischen Klinik.

In den gut zweiwöchigen Neujahrsferien flog die Allenbacherin von Urgench nach Samarkand, um dort mit drei Ärzten täglich Deutsch zu trainieren – selbst über die Weihnachtstage. Übernachtet hat die 77-Jährige auf einer Matratze auf dem Fußboden. Die Ärzte-Schüler waren vor der gestrengen Deutschen gewarnt worden: „Wenn Frau Shimada kommt, müsst ihr Ibuprofen nehmen!“ Die Deutsch-Anfänger aber machten gute Fortschritte und blieben auch nach dieser Zeit am Ball. Sie nahmen sich unbezahlten Urlaub, reisten per Bus nach Urgench, mieteten sich ein kleines Zimmer und ließen sich abends weiter unterrichten. Ein Zahnarzt aus Urgench machte ebenfalls mit. Renate Shimada bescherte das lange Zwölf-Stunden-Tage, mitunter bis tief in die Nacht hinein - aber auch „unglaubliche Freude“ an der Arbeit. „Ich hatte noch nie so eine tolle Resonanz bei einem Einsatz“, schwärmt die Pädagogin rückblickend und denkt dabei sowohl an die Schüler als auch die Ärzte.

Der Kontakt zwischen Siegerland und Usbekistan ist nach wie vor intensiv, gerne möchte Renate Shimada den Medizinern dabei helfen, nach Deutschland zu kommen und hier beruflich Fuß zu fassen. Damit, so sagt sie, könne auch dem hiesigen Ärztemangel entgegengewirkt werden. Dass dies wichtige Fachkräfte aus dem eigenen Land abziehen könnte, ist ihr bewusst. „Das ist ein Problem“, sagt sie. Andererseits würden die heimatverbundenen Usbeken ihre Familien von Deutschland aus unterstützen und den Kontakt zu den Kollegen halten, auf diese Weise neue Anregungen und Erkenntnisse ins Land tragen.

Auf der Suche nach Unterstützung hat sich die Allenbacherin bereits die Finger wund telefoniert, hat sich an Behörden, Politik und medizinische Institutionen und Träger gewendet – bislang ohne Erfolg.

Dabei seien die vier von ihr beschulten Ärzte allesamt bereit, im Siegerland zu bleiben. Das könnte eine echte Chance sein, findet Renate Shimada. Dafür müssten aber örtliche Entscheidungsträger ein wenig nachhelfen: bei der Beschaffung von Visa etwa, einem vorübergehenden Job in einem möglichst medizinnahen Bereich (um den Lebensunterhalt zu sichern, bis die Fachsprachenprüfung abgelegt werden kann), mit einer Unterkunft und weiterführenden Sprachkursen.

Dass die Vermittlung von ausländischen Ärzten auch ein Geschäftsmodell sein kann, hat Renate Shimada im vergangen Jahr gelernt. Der Usbeke, der nun in Bayern als Arzt praktiziert, hat mithilfe einer Akademie die notwendigen Kenntnisse für die fachsprachliche Prüfung erlangt. Dafür wurde das Krankenhaus, an das er später vermittelt wurde, zur Kasse gebeten. Das sei durchaus angemessen, findet Shimada. Ganz anders sehe es aber in einem anderen Fall aus, als ein junger Mann aus Usbekistan über eine kommerzielle Ärztevermittlung aus Niedersachsen den Weg nach Deutschland suchte. Diese verlangt eine einmalige Vermittlungsgebühr von 750 Euro zunächst für eine Stelle im freiwilligen sozialen Jahr und zusätzlich 24 Monate lang 400 Euro nach Einstellung als Arzt. Auch an der Vermittlung von Praktikumsplätzen werde verdient, im vierstelligen Eurobereich. „Das ist mindestens unmoralisch, wenn nicht sogar sittenwidrig“, ärgert sich Renate Shimada über dieses Geschäftsmodell.

Und doch hat sie auch diesmal wieder, bei aller Bewunderung für die kulturellen Schätze Usbekistans und die warme Gastfreundschaft seiner Bewohner dort abermals die Werte ihrer eigenen Heimat schätzen gelernt – selbst wenn die sie wegen der aktuellen Coronalage selbst in einem bislang unbekannten Ausnahmezustand empfangen hat. Immer wieder sei sie in den vergangenen Jahren auf ihre Einsätze für den SES angesprochen worden, wenn die Siegener Zeitung darüber berichtet hat. Das Interesse sei durchaus vorhanden, zahlreiche Vorträge habe sie gehalten, Spenden entgegengenommen und an Bedürftige in Kirgistan geleitet. Diesmal hatte sie beispielsweise einen Koffer voller gespendeter medizinischer Kleingeräte im Gepäck.

Nachahmer hat sie aber ihres Wissens noch nicht gefunden durch ihre Öffentlichkeitsarbeit. Natürlich, respektvolles Lob und fasziniertes Interesse sind das eine – selbst aktiv zu werden etwas anderes: „Man muss bereit sein, für eine Zeit das eigene Luxusleben aufzugeben.“ Es sei auch ihr nicht ganz leicht gefallen, über die Weihnachtszeit fernab von den eigenen Kindern und Enkeln zu verbringen und Deutsch auf dem Fußboden zu unterrichten. Auch gesundheitlich sei ein solcher Einsatz herausfordernd, das habe sie am eigenen Leib erfahren. Und eine gehörige Portion Mut darf auch nicht fehlen, insbesondere wenn zwischendurch noch die eine oder andere Reise auf eigene Faust auf dem Programm stehen soll.

Trotz allem: Einen weiteren Einsatz für den SES (Infos unter www.ses.bonn.de) kann sich Renate Shimada – nach durchstandener Corona-Krise – durchaus vorstellen. Diese überlangen Tage mit Mehrfachbelastung jedoch: die möchte sich die Allenbacherin dann nicht mehr antun. <chartag shortcut="z-Autor" tag="autor-7p">Jan Schäfer</chartag>

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

6 folgen diesem Profil
Themenwelten
Die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo.

SZ+ informiert schnell und gut
Mit dem Frühlings-Abo drei Monate sparen

Der Frühling hat - kalendarisch- begonnen und die Siegener Zeitung begrüßt den Lenz mit einem Sonder-Abo: Sparen Sie drei Monate lang mit unserem Frühlings-Abo. Verlässliche Informationen trotz unruhiger Corona-LageIn diesem einmal mehr besonderen Jahr sehnen sich viele Menschen noch mehr nach den ersten Frühlingsboten. Ist doch mit den steigenden Temperaturen, den kräftiger werdenden Sonnenstrahlen und dem Aufblühen der Natur im zweiten Jahr der Corona-Pandemie noch mehr Hoffnung verbunden als...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen