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Vor 90 Jahren: Ein Glöckchen läutet die letzten Stunden der Grube Stahlberg ein
Aus der Tiefe und Nacht zu neuem Licht

Kaum vorstellbar: Dort, wo heute Ferienhäuser in Holzbauweise stehen, förderte einst die bekannteste Grube des Siegerlands Erze zutage und bereitete sie auf.
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  • Kaum vorstellbar: Dort, wo heute Ferienhäuser in Holzbauweise stehen, förderte einst die bekannteste Grube des Siegerlands Erze zutage und bereitete sie auf.
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ph - Die bergbauliche Vergangenheit ist in Müsen  bis heute lebendig und sichtbar, auch 90 Jahre nach dem Ende der Grube Stahlberg.
ph Müsen.  Um 6 Uhr läutet die kleine Bergmannsglocke das Ende einer rund 2000 Jahre alten Bergbaugeschichte ein. In regelmäßigen Abständen erklingt ihr Sterbelied. Schon in aller Frühe bereitet sich die Müsener Bevölkerung auf einen schicksalsschweren Tag vor. Es ist der 31. März 1931. Ein Dienstag. Die Weltwirtschaftskrise hat das Siegerland nicht verschont und 618 Jahre nach der Ersterwähnung des Stahlbergs (4. Mai 1313, „Stenberg zu Muzen“) die Arbeit in der Grube zum Erliegen gebracht..
90 Jahre liegt die Stilllegung nunmehr zurück.

ph - Die bergbauliche Vergangenheit ist in Müsen  bis heute lebendig und sichtbar, auch 90 Jahre nach dem Ende der Grube Stahlberg.
ph Müsen.  Um 6 Uhr läutet die kleine Bergmannsglocke das Ende einer rund 2000 Jahre alten Bergbaugeschichte ein. In regelmäßigen Abständen erklingt ihr Sterbelied. Schon in aller Frühe bereitet sich die Müsener Bevölkerung auf einen schicksalsschweren Tag vor. Es ist der 31. März 1931. Ein Dienstag. Die Weltwirtschaftskrise hat das Siegerland nicht verschont und 618 Jahre nach der Ersterwähnung des Stahlbergs (4. Mai 1313, „Stenberg zu Muzen“) die Arbeit in der Grube zum Erliegen gebracht..
90 Jahre liegt die Stilllegung nunmehr zurück. Aber in dem alten Grubendorf am Fuß der Martinshardt ist die bergbauliche Vergangenheit nach wie vor lebendig und sichtbar.

Letzte Einfahrt in die Grube Stahlberg am 31. März 1931

Zum Gebet vor der letzten Einfahrt im Morgengrauen füllten die Knappen und deren Familien den Verlesesaal der Grube Stahlberg. Obersteiger Petri als letzter Betriebsführer hielt die letzte Andacht und eine Abschiedsansprache. Schulkinder sangen „Glück auf ist unser Bergmannsgruß“. Später lud Gemeindevorsteher Hermann Setzer zum nachmittäglichen Empfang in den Gasthof Nockemann.

Trauerfeier zum Abschied

Bewegend dann die abendliche Trauerfeier. Erze säumten den Altar – schimmernde Schätze der Heimat. Punkt 20 Uhr betrat eine Abordnung in alter Bergmannstracht sowie mit Knappschaftsfahne und brennenden Grubenlampen zu Orgelklängen das Gotteshaus in der Dorfmitte.
Für seine Abschiedspredigt zog Pastor Dr. phil. Heinrich Heider die Klagelieder Jeremia 3,22-24 heran. Heider wirkte als Gemeindepfarrer von 1917 bis 1934. Der Wortlaut ist erhalten geblieben und in dem 1979 vom Kulturverein zur 900-Jahr-Feier Müsens herausgegebenen Buch „Ich gab dir mein Eisen wohl tausend Jahr …“ abgedruckt. Noch heute kann man beim Lesen die ergreifende Atmosphäre nachempfinden. An dieser Stelle einige Auszüge aus dem Predigttext:
„Eine bitterernste Stunde ist über uns gekommen. [...] Mit der heutigen Stilllegung der 1000-jährigen, weltberühmten Grube Stahlberg findet der fast 3000-jährige Müsener Bergbau vorläufig sein Ende. Wie vielen Geschlechtern hat er Brot gegeben, nicht nur nicht nur hier im Heimatort!
[...] Da, auf dem Altar, im Schein der Grubenlampen blinken die Schätze, die Jahrhundert um Jahrhundert von tapferen Bergknappen aus dem Dunkel unserer Berge ans Licht gefördert wurden. Es liegt ein tiefer Sinn darin, dass sie auf dem Altar der Kirche liegen. Sie sind Gaben des Schöpfers Himmels und der Erden: die Ernte der Berge. [...]

Pfarrer Heider: neuen Mut suchen

Nun sind wir hier dicht gedrängt, wie noch niemals so lange eine Kirche in Müsen steht, im heimatlichen Gotteshaus. In allen Ängsten der Zeiten ist die Kirche die Zufluchtsstätte gewesen, ist das Angesicht Gottes der Ort gewesen, wo der Mensch Ruhe, Stille, Kraft und neuen Mut suchte und fand.
Darum wollen wir uns gegenseitig in dieser schweren Stunde ein Wort des Trostes und der Kraft und der Hoffnung zurufen. Und ein Wort, das aus tiefstem Mitfühlen und Mitleiden mit des anderen Not geboren ist. Ein Wort, das von Herzen kommt, findet auch den Weg zum Herzen des anderen, das beschwert und sorgenvoll ist.
Und wenn ich auch kein Bergmann bin, so bin ich doch mit dem Bergmannsberuf verwachsen. Mein Großvater ist drüben auf der Grube Brüche ins Bergwerk gefahren – zuletzt als Steiger – und früh gestorben wie alle Bergleute der damaligen Zeit.
Und haben wir nicht die Pflicht, ehe wir endgültig vom Stahlberg scheiden, noch einmal in stiller Stunde all der Kameraden zu gedenken, die dort im Laufe vieler Geschlechter den Tod gefunden? Es ist ein langer, langer Zug! Und all der Witwen und Waisen, die so früh den Ernährer verloren und mühselig und tapfer den harten Weg um Brot und Aufstieg wandern mussten. [...]
Darum ist die Kirche, die unsere Väter erbaut haben in der Mitte ihres Bergmannsdorfes – die Kirche, die sie aufnahm in den Nöten der Zeiten, die sie tröstete und aufrichtete, auch für uns, ihre Enkel – der einzige Ort, wo wir als Männer und Frauen, als Kinder dieser Erde und als Kinder des ewigen und unerforschlichen Herrn Himmels und der Erde, Abschied halten vom alten Müsener Bergbau, Abschied vom alten, weltberühmten Stahlberg, zu dem in seinen Glanzzeiten Fürsten und Könige, höchste Staatsbeamte und alle Bergleute, die etwas auf sich hielten, gepilgert sind.
 

Müsener müssen "neues Brot" suchen

Liebe Freunde, wir müssen auswandern. Wie die Müsener in früheren Jahrhunderten über Land und Meer zogen, um eine neue Heimat zu gründen, so müssen auch wir neue Erwerbsquellen, neues Brot suchen. Damals, 1712, begleitete die Siegerländer und Müsener, die Kempers und Mertens und Fischbachs, ihr alter Prediger. Der zog mit ihnen übers Weltmeer. Sie nahmen mit ihm Gottes Wort und Gottes Trost mit. Wollen wir es nicht auch so machen, wenn wir ausziehen vom alten Bergbau, um neues Brot zu suchen? [...]
Gottes Barmherzigkeit hat kein Ende! Mit diesem Gotteswort wollen wir Abschied halten und uns gürten, in eine neue Zukunft zu schreiten. Als große Familie, als Dorfgemeinschaft wollen wir mit diesem Wanderstab hinauswandern. Gottes Erbarmen, Gottes Treue ist noch über uns, sie geht nie zu Ende, solange Menschenhände sich nach ihr ausstrecken.
Mit diesem Wort rufen wir euch allen ein neues Glück auf zu aus der Tiefe und Nacht der Gegenwart zu neuem Licht!“

Autor:

Peter Helmes (Redakteur) aus Siegen

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