Bejubeltes Abschiedskonzert von GMD Georg Fritzsch

Bernd Glemser erhob Beethovens B-Dur-Klavierkonzert im Dahlbrucher Busch-Theater zu einem faszinierenden Erlebnis

G.S. Dahlbruch. Das Saisonabschlusskonzert am Donnerstag abend war nicht nur das letzte Auftreten von GMD Georg Fritzsch als Chefdirigent der Philharmonie Südwestfalen beim Gebrüder-Busch-Kreis, es brachte auch eine Begegnung mit dem Spitzenpianisten Bernd Glemser. Dementsprechend hatte die Zusammensetzung der Programmfolge mit der »Karelia-Suite, op.ll« von Jean Sibelius, dem »2. Klavierkonzert B-Dur, op. 19« von Ludwig van Beethoven und der »Sinfonie Nr. 7 d-Moll, op. 70« von Antonin Dvorak eine besondere Aussagekraft.

Um in »papiernen Gräbern« auf die letzte Posaune zu warten, ist die Sibelius-Suite noch viel zu lebendig. Dankenswer terweise bewahrte Georg Fritzsch diese Musik vor dem ungerechten Vergessenwerden und stellte sie an den Anfang des Konzertabends. In der ungebrochenen Melodienfreude dieser patriotischen Schöpfung schwangen viele Eigentümlichkeiten des großen Finnen mit. Ein herber Klangsinn der Instrumentation, auf dunkle Färbung gestellte Themen und ein leichter Hang zur Schwermut wurden vom unvermutet aufflackernden Frohsinn des Finalsatzes gekrönt. Die Interpretation traf den finnischen Geist dieser Musik und nutzte deren Klang und Farbenreichtum voll aus.

Die Leichtigkeit mit der Dirigent, Orchester und Solist in Beethovens B-Dur-Klavierkonzert den richtigen Konversationston fanden und die Genauigkeit, mit der die Passagen dahinflossen, standen immer im Dienst eines fortschreitenden musikalischen Gedankens mit bezaubernd heller und überzeugender Beredsamkeit. Die fein abgestimmte Werkaussage folgte einem ausgewogenen Wechselspiel zwischen dem Pianisten und dem Orchester. Letzteres erfüllte bei Verzicht auf Klarinetten, Posaunen, Trompeten und Pauke mit kammermusikalischer Durchsichtigkeit und Noblesse die begleitenden Aufgaben. Bernd Glemser wählte für diesen frühen Beethoven ein recht zügiges Tempo. Dennoch wurde es keine wilde Jagd in den Dialogen mit dem relativ kleinen Orchester. So blieben die Gespräche perlend und schnell, aber nicht atemlos. Völlig unbefangen verwoben sich die Haupt- und Seitengedanken ineinander. Der Pianist phrasierte distinguiert und ohne jede imponierende Gebärde. Wie zu jedem rechten Konzertsatz, gehörte auch zum Allegro con brio eine Kadenz. Erst zehn Jahre später notiert, wuchs sie über die inneren Dimensionen des Frühwerks weit hinaus. Der Solist spielte natürlich auch diese großartige Tonfolge. Hier kam ihm zustatten, dass er von Anfang an auf ein zügiges Tempo gesetzt hatte.

Die Vorschriften des Komponisten sorgfältig beachtend steigerte er sich nicht zu einem stürmischen Ausbruch, verzichtete auch auf ein großgezacktes Forte. Zurückhaltend, ruhig und doch authentisch erreichte er, dass beim Wiedereinsetzen des Orchesters der Geist des Altersstils dem des Jugendwerks nicht allzu fremd gegenüberstand. Wer Sinn hat für einen Klavierklang zwischen Virtuosität und Selbstverständnis, für das atmende Mitgehen aller Instrumente und die Exaktheit am Dirigentenpult, der verstummt vor so viel Können und vor so viel Kunst. Die hochverdienten und stürmischen Beifallskundgebungen jedoch verstummten erst nach der Gewährung einer Zugabe, die vom Solisten mit der Lisztbearbeitung einer Schubertmelodie (»Leise flehen meine Lieder«) stimmungsvoll gewährt wurde.

Dvoraks »Siebte« ist nach Inhalt und Ausdruck vielleicht die strengste, aber auch die künstlerisch wertvollste seiner neun Sinfonien. Sich einmal am pathetisch-dramatischen Stil der großen Sinfonik zu messen, dürfte den Komponisten zu dieser Arbeit angeregt haben. Vom Beweis dafür, dass ihm das Vorhaben gelungen ist, konnten sich am Donnerstag die vielen Zuhörer – das Busch-Theater war fast ausverkauft – mit der denkwürdigen Interpretation dieses Opus durch Georg Fritzsch und den mit fortreißendem Schwung spielenden Philharmonikern überzeugen. Durch seinen Willen, jedes Klangerlebnis deutlich darzustellen, erhielt auch die vertrackte Dvorak-Sinfonie unter seinen Händen den strengen Aufbau einer in sich ruhenden Form.

In der dramatischen Straffheit und der stilistischen Geschlossenheit, vor allem in den Ecksätzen, durchdrangen sich Geist und Sinnlichkeit im schönsten Gleichgewicht. Doch auch in den Mittelsätzen wusste Fritzsch einen Reichtum an dynamischen Steigerungen zu entfalten. Crescendi und Decrescendi wurden auf das Nachdrücklichste erfüllt. Die Schlussakkorde hüllten das Busch-Theater in minutenlange, stürmische Ovationen.

Dieser Jubel des Publikums hat dem Maestro kundgetan, wie dankbar man es zu begrüßen wüsste, wenn er sich auch in Zukunft des Öfteren am Dirigentenpult der »Buschmänner und -frauen« zeigen würde.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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