Blutrote Égalité

Danton (Andreas Wobig) redet in die Leere, seine Argumente verhallen ungehört von denen, die sie hören müssten.  Foto: Volker Beushausen
  • Danton (Andreas Wobig) redet in die Leere, seine Argumente verhallen ungehört von denen, die sie hören müssten. Foto: Volker Beushausen
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gmz Dahlbruch. Das blutrote und bluttriefende Graffiti „égalité“ an der Wand ist das Motto, das wie ein Menetekel über das Geschehen urteilt. Doch Gleichheit gibt es nur im Tod. Und dieser Gleichheit hat der Revolutionär Danton (gut und facettenreich: Andreas Wobig) nur sein selbstbewusstes, verzweifeltes, aufrechtes und realitätsfernes „Sie werden’s nicht wagen“ (und seinen grundsätzlichen Lebens-„Ennui“) entgegenzusetzen.

Und deshalb: Natürlich wagen sie es doch, wie sie es immer wagen, ihn anzuklagen, um ihn loszuwerden wegen unrevolutionärer Gesinnung. Denn wie sagt Robespierre, der Tugendhafte (Guido Thurk, der seine Rolle nach einem etwas „aufgesagten“ ersten Auftritt mehr und mehr füllte), so überzeugend schlicht: „Die „Waffe der Republik ist der Schrecken. Ihre Kraft ist die Tugend.“

Was Tugend ist, legt der „demokratisch legitimierte“ Wohlfahrtsausschuss fest. Also Robespierre, der Wächter der Revolution und ihr Verwalter. Deshalb müssen auch Danton und seine Freunde Camille und Lacroix den Catwalk der Stühle beschreiten, der zur Guillotine führt, der wissenschaftlich raffiniertesten Tötungsmethode, die das ausgehende Jahrhundert der Aufklärung zu bieten hatte. Und dem „Volk“ was bot: „ssssst“ war das Beil zu hören. Schnitt. Stille. Dann: der Nächste. Die Guillotine war vor allem ein furchtbares Instrument der „égalité“ in den Händen der je tagesaktuell verbleibenden Mächtigen. Denn, so Robespierre: „Vergebung ist Barbarei.“

Eindrucksvolle Bilder waren das teilweise, die das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel am Donnerstagabend (und noch einmal in einer Schulvorstellung am gestrigen Freitagmorgen) im Busch-Theater in Dahlbruch bot: Unter der gelungenen Regie von Petra Willenweber zeigte die Truppe Georg Büchners packende Revolutionsanalyse „Dantons Tod“. Die Inszenierung mit dem variablen Bühnenbild in trostlosem Betonkopf-Grau, dem geschickten Einsatz von Video-Einspielungen (als Ersatz für Massenszenen, etc.) und in zeitlos modernem Outfit (Susanne Ellinghaus und Eva-Maria Runge) arbeitete die Gegensätze zwischen den beiden Revolutionären heraus, zwischen dem genussfreudigen Lebemann-Aufsteiger Danton (der wegen seiner September-Terroranordnung wenigstens Gewissenbisse hatte) und dem prinzipientreuen, asketischen Robespierre: „Leben und leben lassen“ auf der einen Seite, „für Ideen muss man sterben – und töten“, auf der anderen. Mit allen Fragwürdigkeiten, die beide Positionen beinhalten (zumindest wurden sie angedeutet).

Die Unvereinbarkeit dieser als im weitesten Sinne humanistisch-liberalen (und bei aller Flatterhaftigkeit auf Verantwortung setzenden) Position Dantons und der rigiden, ideologisch zementierten Haltung Robespierres (toll übrigens der Einsatz der Überwachungskameras auf den Videoschirmen, die auch die Schreckensherrschaft, terreur, schaffen, die sie zu verhindern suchen), wurde in der Haltung der Freunde der Protagonisten gespiegelt. Hier der perfide, streng rechtlich vorgehende Ankläger Saint Just (gut: Markus Kloster) auf der Seite der unerbittlich fordernden Revolution, dort die engagierten Unterstützer Camille (sehr menschlich: Dennis Laubenthal) und Lacroix (abgeklärt: Vesna Buljevic) auf der Seite der „Humanisten“. Ebenfalls Leidtragende sind die Frauen Dantons und Camilles (Andrea Börner, Lilija Klee und Julia Gutjahr), die wie ihre Männer den Tod suchen (müssen). Tod überall. Und er ist daran schuld? Oder, wie man heute sagen würde: Wer ist verantwortlich? Wie immer – niemand (Robespierre: „Es ist kein Unschuldiger gestorben!“). Eindrucksvoll unterstrichen die leeren Sessel oder Stühle diese Tatsache, die als gesichtsloses Entscheidungsgremium oder namenlose Gegner die Protagonisten provozierten – und zum Schluss die Brücke in den Tod bildeten. – Erschreckend aktuell sind der Text und die Theaterbilder! Denn Dantons Abrechnung mit der sich verselbständigen, unmenschlichen Ideologie trifft immer noch den Kern jeder Gesinnungsdiktatur.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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