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Müsener Bäckerei Höfer schließt nach 159 Jahren
Brotjob war stets Knochenarbeit

Abschied aus der Backstube: Anneliese und Thomas Höfer werden Ende kommender Woche zum letzten Mal öffnen, einen Nachfolger für den Betrieb haben sie nicht.
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  • hochgeladen von Jan Schäfer (Redakteur)

js Müsen. Urlaub? Fehlanzeige. Nicht einen einzigen freien Tag hat sich Thomas Höfer gegönnt – zumindest nicht, seitdem er 1996 den Familienbetrieb übernommen hat. Es steht also eine gehörige Umstellung an, wenn der 58-Jährige Ende kommender Woche die Tür abschließt – und damit die 159-jährige Geschichte der Müsener Bäckerei Höfer offiziell beendet. Gesundheitliche Gründe zwingen den Bäckermeister dazu, sich deutlich vor dem Rentenalter zur Ruhe zu setzen. Branchentypische Personalprobleme sorgen dafür, dass eine der letzten Bäckereien im Hilchenbacher Stadtgebiet damit den Schlussstrich zieht. Über fünf Generationen haben „Meddeln“, so der Hausname, die Müsener mit frischen Backwaren versorgt.

js Müsen. Urlaub? Fehlanzeige. Nicht einen einzigen freien Tag hat sich Thomas Höfer gegönnt – zumindest nicht, seitdem er 1996 den Familienbetrieb übernommen hat. Es steht also eine gehörige Umstellung an, wenn der 58-Jährige Ende kommender Woche die Tür abschließt – und damit die 159-jährige Geschichte der Müsener Bäckerei Höfer offiziell beendet. Gesundheitliche Gründe zwingen den Bäckermeister dazu, sich deutlich vor dem Rentenalter zur Ruhe zu setzen. Branchentypische Personalprobleme sorgen dafür, dass eine der letzten Bäckereien im Hilchenbacher Stadtgebiet damit den Schlussstrich zieht. Über fünf Generationen haben „Meddeln“, so der Hausname, die Müsener mit frischen Backwaren versorgt.

Fünf Generationen, 159 Jahre

Gründer der Bäckerei war Ludwig Schneider aus Bad Berleburg, der von 1860 bis 1890 in der Backstube stand. Sein gleichnamiger Sohn – erfolgreicher Turner und lange Zeit auch Vorsitzender des TuS Müsen – trat in seine Fußstapfen und führte die Bäckerei 46 Jahre lang weiter. Nur drei Jahre, nachdem die zweite Generation das Zepter übernommen hatte, ereignete sich eine Katastrophe: Am 20. Juni 1893 züngelten Flammen aus dem Schornstein von „Meddeln“ und lösten einen verheerenden Brand aus. Innerhalb von drei Stunden waren 51 Häuser, die Schule und die Kirche des Dorfes zerstört – im Sommer 2018 wurde an das prägende Ereignis der Müsener Geschichte mit einer historischen Löschübung erinnert.

Gebäude, Betrieb und Dorfmitte waren längst wieder aufgebaut, als Bäckerstochter Else Rudolf Höfer das Jawort gab und damit den bis heute bestehenden Namen ins Haus brachte, 1936 bis 1960 hatten die beiden das Sagen. Auch ihr Sohn Ludwig lernte das Bäckerhandwerk von der Pike auf und blieb der Familientradition treu. „Wir waren sehr jung“, erinnert sich die heute knapp 80-jährige Anneliese Höfer an die Zeit, als sie selbst seinerzeit gemeinsam mit ihrem Mann den Bäckereibetrieb übernahm. Eigentlich war die gebürtige Dahlbrucherin und begeisterte Sportlerin auf anderen Karrierewegen unterwegs und wollte Zahntechnikerin werden. „Die Liebe hat gesiegt“, schmunzelt sie. Fünf Bäckereien habe es damals allein im Bergmannsdorf gegeben, so ändern sich die Zeiten.

Übers Stammhaus "Meddeln" hinausgewachsen

Im Laufe der Jahre wuchs die Bäckerei weit über das Stammhaus „Meddeln“ hinaus, das Angebot wurde immer größer, der Laden wurde zum Nahversorger. Brötchen wurden ausgeliefert, Schnittchenteller für Veranstaltungen gehörten zur leichtesten Übung. Vom frühen Aufstehen bis in den späten Abend haben die Höfers geschuftet, versorgten nach und nach auch Kunden in mehreren Filialen. Auf die Dahlbrucher Verkaufsstellen folgten weitere, in Spitzenzeiten waren es acht in den Stadtgebieten von Hilchenbach, Kreuztal und Netphen. 40 Jahre lang versorgte die Bäckerei auch das Pfingstzeltlager des TuS auf der Wigrow.

Unvergessen bleibt den Höfers ihre brummende Filiale in der Kreuztaler Fritz-Erler-Siedlung, bei der an „Teilchentagen“ 1000 Stück süße Backwaren über den Tresen gingen. Als das Müsener Feriendorf in den 70ern tatsächlich noch mit touristischer Nutzung startete, erschloss sich ein neuer Kundenkreis für die Höfers – zumeist Großstädter, die das Persönliche im Dorf zu schätzen wussten und das legendäre Schwarzbrot von „Meddeln“ nicht selten ins Ruhrgebiet exportierten. Goldene Zeiten hätten ihr Mann und sie erlebt, sagt Anneliese Höfer, auch wenn das Private und die Familie oft zu kurz gekommen seien. Händler und Supermärkte haben die Höfers beliefert. Bis zu 36 Mitarbeiter standen bei ihnen – das Wortspiel sei erlaubt – in Lohn und Brot.

1996 übernahm mit Bäckermeister Thomas die fünfte Generation das Geschäft. Den Berufswunsch Polizist gab er bereits früh auf, schlug den naheliegenden Weg ein. Tatkräftig unterstützt wurde er von den Eltern und einige Jahre lang auch von seiner Schwester Kerstin (heutiger Nachname: Simon), die schließlich doch auf einen anderen Beruf ausweichen sollte. Die Backstube wurde mit dem Generationenwechsel deutlich vergrößert, etwa 300 Quadratmeter misst sie seither.

Als Ludwig Höfer 2010 überraschend verstarb, blieb seine Frau Anneliese weiter im Familienbetrieb aktiv – vornehmlich im Hintergrund, wo auch Sohn Thomas am liebsten agiert und die Fäden in der Hand hält. Aus gesundheitlichen Gründen backt er nicht mehr selbst, auch hinter der Theke des Stammhauses haben die Höfers ihren guten Mitarbeiterinnen das Feld überlassen, allesamt treue Seelen, zu denen vor allem Anneliese Höfer ein enges und sehr familiäres Verhältnis pflegt. Elvira Giesler, die langjährigste Mitarbeiterin, ist bereits seit vier Jahrzehnten im Betrieb. 

2015 expandierte Thomas Höfer sein Geschäftsfeld, indem er den Cateringservice „Pausenflitzer“ in Krombach übernahm. Bis zu 1000 Brötchen lieferte dieser aus, versorgte ab 2 Uhr nachts zahlreiche Fabriken mit Proviant für die Pausen. Das habe viel Arbeit bedeutet, habe sich aber auch ausgezahlt.

Ende war absehbar

Dass die Bäckerei nicht über die fünfte Generation hinaus Bestand haben würde, war Thomas Höfer schon lange klar. Nachwuchsprobleme kennt er bereits, seitdem er den Betrieb übernommen hat. „Mein Vater hat noch Lehrlinge ausgebildet.“ Er selbst hat das nie getan. „Das möchte heute keiner mehr machen“, bedauert der Meister mit Blick auf Arbeitsaufwand und -zeiten. Er persönlich sei jedoch stets zufrieden gewesen in seinem Job, auch wenn die Zeiten härter geworden seien, nicht zuletzt wegen der härteren Konkurrenz der industriellen Bäckereien. Selbst die jährliche Winterrschließung des Altenbergs wirkt sich aufs Geschäft aus. Da sein Gesundheitszustand ihm mehr und mehr zu schaffen mache und er sich endlich um seine Genesung kümmern müsse, habe sich der Bäckermeister zum Aufhören durchgerungen. Auf die aussichtslose Suche nach einem Nachfolger habe er sich gar nicht erst begeben.

Wehmütig und hoffnungsvoll zugleich sieht Thomas Höfer dem anstehenden Abschied aus dem harten Berufsleben entgegen. Das Ende des Familienbetriebs einzuläuten, ist für ihn keine leichte Sache, er möchte jedoch – sobald er wieder fit ist – noch einiges erleben. Langgehegte geheime Träume sollen möglichst Realität werden. Auf einem Motorrad hat Thomas Höfer zuletzt als junger Mann gesessen. Jetzt aber möcht er es wieder wissen, hat sich eine Maschine gekauft und möchte gern mit einem Freund quer durch Kanada fahren, auf in eine neue Freiheit.

Umtrunk zum Abschied

Bis Freitag, 15. November, wird aber noch gebacken und verkauft. Bevor die Türen endgültig geschlossen werden, laden die Höfers Kunden und Freunde um 15 Uhr zum Umtrunk ein, bei dem der Musikverein spielen wird. Zur Einstimmung hat die Seniorchefin die Geschichte der Bäckerei in einer liebevoll gestalteten Bildcollage im Schaufenster aufbereitet, so mancher Müsener hat sich dort schon der Nostalgie hingegeben. „Mir fällt der Schritt sehr schwer“, räumt Anneliese Höfer ein. „Aber für meinen Sohn bin ich froh.“ Der ist schließlich urlaubsreif.

Abschied aus der Backstube: Anneliese und Thomas Höfer werden Ende kommender Woche zum letzten Mal öffnen, einen Nachfolger für den Betrieb haben sie nicht.
Der Countdown für den Traditionsbetrieb im Müsener Haus „Meddeln“ hat begonnen. Am kommenden Freitag schließt die Bäckerei Höfer für immer ihre Pforten.
Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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