Charismatisches Debüt der Annette von Hehn in Dahlbruch

Gedenkkonzert für Adolf Busch mit der Philharmonie Südwestfalen und Michael Sanderling am Pult / Werke von Busch, Haydn und Beethoven

G.S. Dahlbruch. Im zweiten Gedenkkonzert für Adolf Busch am Donnerstagabend – geadelt durch die Anwesenheit seiner Witwe, Dr. Hedwig Busch aus Basel –– gab sinnigerweise eine Geigerin ihr Debüt in Dahlbruch. Die Buschpreisträgerin 2001, Annette von Hehn, hatte zusammen mit Michael Sanderling und der Philharmonie Südwestfalen Beethovens Violinkonzert D-Dur, op. 61 für ihre Vorstellung beim Gebrüder-Busch-Kreis ausgewählt. Doch die Einleitung des Abends blieb dem Capriccio für ein kleines Orchester, op.46, einer Komposition des Namenspatrons, vorbehalten. Die Sinfonie Nr. 104 in D-Dur, das letzte Werk dieser Gattung aus der Feder von Joseph Haydn, vervollständigte die Programmfolge des ersten Konzertteils.

Nach seinen Mozart-Variationen op. 41 hat sich Adolf Busch mit seinen Schöpfungen immer mehr aus dem Einfluss von Reger oder Busoni befreit. Was sich vor zwei Wochen mit den Neun Stücken für Streichquartett op. 45 schon so herrlich entfaltete, wurde nun im Capriccio von Michael Sanderling und den Südwestfälischen Philharmonikern nachhaltig bestätigt. Mit ganz verschiedenen Episoden, die in bewusstem Gegensatz aufeinander folgten, gaben sie dem Opus einen kapriziösen Charakter.

Bereits in der Beschleunigung aus den meditativen Adagiotakten zum jeweiligen Temperament der Prestoteile waltete ein heiter-rationaler Zauber. Jeder Übergang in diesem dauernden Wechselspiel wurde zum harmonischen Ereignis. Über die Schönheit der Holzbläserklänge bis hin zum krönenden Prestissimo-Ausklang äußerte sich unverkennbar die eigene Gedankenwelt von Adolf Busch.

Nach diesem launig-munteren Einstieg steigerten sich Dirigent und Orchester in die lebensfrohe, letzte Haydn-Sinfonie. Von ordnender Kraft geprägt, trat aus nachdenklichen Mollpassagen ein entzückendes Allegrothema zutage. Lebensfreude in Töne gefasst, als Beispiel für spätere klassische Sinfonien. Bei aller Melodienseligkeit überzeugte im Andante die thematische Ausdeutung im Detail und die feinsinnige Gestaltung der Coda in all ihrer Zartheit. Im Menuetto spürte man die Umdeutung des höfischen Tanzes zum Tonfall des »dritten Standes«. Auf der Basis einer Volksmelodie wurde Haydns »sinfonischer Abschied« im Finale förmlich gefeiert. Kunstvoll und doch volkstümlich ließen Dirigent und Orchester nochmals die sinfonische Totale dominieren.

Nach der Pause schlug die Stunde der jungen Buschpreisträgerin. Beethovens Violinkonzert ist so bekannt, dass ein dauerndes Verglichenwerden nicht ausbleibt. Solisten, Dirigenten und Orchester müssen sich ihres Könnens sicher sein, wenn sie in die Konkurrenz eintreten, in der Hubermann dramatisch aufbegehrte, Adolf Busch in Keuschheit seine Demut klingen ließ oder Oistrach ein zugleich männliches und zärtliches Beethoven-Ideal offenbarte.

Annette von Hehn brachte für dieses gewichtige Werk mit dem überdimensionalen Allegro ma non troppo, dem schweren Gesang des Larghetto, in dem die Geige ständig höchste Regionen erklimmen musste, und einem Rondo, das der Solistin noch einmal neue Kraft und Frische, neuen Glanz und Geist abverlangte, viele, ja fast alle Voraussetzungen mit. Sie kannte keine Nachlässigkeiten, besaß ein unbestechliches Gefühl für die Ausdehnung eines Melodiebogens und den Atem für leidenschaftliche, durch ein intensives Legatospiel geläuterte Deklamationen.

Allein, was sie in den Kadenzen an leisen und leisesten Innigkeiten darbot, grenzte ans Unglaubliche. Manchmal wusste man nicht mehr, ob man die Töne noch mit dem äußeren oder schon mit dem inneren Ohr wahrnahm. Mit allen diesen Fähigkeiten fand sie eine schnelle Verbindung zu Michael Sanderling und den Musikern. In der gemeinsamen Wiedergabe artikulierte sich Beethovens Noblesse und Helligkeit. Keine Pointe blieb unbelichtet, keine Kadenz unausgeschöpft. Solistin, Dirigent und Orchester musizierten aus einem sinfonischen Geist und rissen das Auditorium zu stürmischen, lang anhaltenden Ovationen hin, die auch nach der Zugabe, aus einer Bach-Suite, erneut aufflammten.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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