Das »ensemble incanto« breitete seine Zauberformeln aus

Die hochkarätigen Gäste nach ihrem 2. Gastspiel beim Buschkreis erneut stürmisch gefeiert

sz Dahlbruch. Nach fast sechs Jahren gab sich das »ensemble incanto« am Dienstagabend erneut die Ehre eines Gastspiels in der Reihe »Meisterliche Kammermusik« beim Gebrüder-Busch-Kreis. Wie schon im Januar 1996 warteten die Gäste – Liese Klahn (Klavier), Michaela Paetsch-Neftel (Violine), Ralph Manno (Klarinette) und Guido Schiefen (Violoncello) – auch dieses Mal mit ausgesprochenen Raritäten auf.

Zwei Werke aus der Epoche des Fin de siecle um die Jahrhundertwende eröffneten den Konzertreigen. Das »d-Moll-Trio für Klarinette, Cello und Klavier, op. 3« von Alexander von Zemlinsky und »Die Geschichte vom Soldaten«, als »Kleine Suite für Violine, Klarinette und Klavier« von Igor Strawinsky bildeten im Vortrag der glänzend disponierten Künstler einen imposanten Kontrast zu dem mit Heiterkeit und einem Schuss Serenadenseligkeit versehenen »Es-Dur-Klavierquartett, op. 16« von Ludwig van Beethoven, dessen Violapart von Dirk Lötfering für Klarinette eingerichtet wurde. Eigenwillig und seismographisch auf seine Zeit reagierend, halb noch in der romantischen Tradition stehend und halb schon unterwegs zur Moderne, strebte von Zemlinsky auch in seiner Kammermusik nach einer Synthese zwischen Brahms und Wagner. In klarer Interpretation stellten die drei Musiker mit der Schlankheit ihres Klanges das Profil des thematischen Ablaufs heraus. Dabei ließen höchste Differenzierungen von Dynamik und Artikulation in den Ecksätzen noch die Nachfolge von Brahms erkennen. Im dichten Stimmengeflecht des »Andante« traten schon Anzeichen des typischen Zemlinsky-Stils hörbar zutage.

Agierten die »incanto«-Leute bei Zemlinsky mit breitem, weichem Pinselstrich, kamen nun nadelscharfe Bleistift- und Tuschlinien zum Einsatz. Strawinsky schrieb 1918 ein Jahrmarktspiel von einfacher Handlung, schwerfließenden, holzgeschnitzten Versen und dicker Moral. Ein Spiel des Lebens, das auch die tiefsten Fragen widerspiegelt: seine »Geschichte vom Soldaten«. Im Busch-Theater erklangen, als konzertante Version, fünf Sätze der »Kleinen Suite für Violine, Klarinette und Klavier«. Ging auch durch den Verzicht auf die »Ramuz-Verse« die programmatische Textbezogenheit verloren, kann man nur mit Respekt von der Akkuratesse sprechen, mit der sich das Solisten-Trio dieses Werkes annahm. Vom Marsch des Soldaten, der Szene am Bach und dem kleinen Konzert über Tango, Walzer und Ragtime bis zum Tanz des Teufels sprühte eine Glanzleistung kalten Feuers und minuziöser Artistik über die Bühnenrampe in den Konzertsaal. Die Suite wurde in Stil und Tonbewegung (Spaltklang) impulsgebend ausgelegt und ätzte die musikalische Poesie des Gedichtes tief ins Gemüt der Zuhörer.

Die Neufassung des »Bläserquintetts, op. 16« als »Klavierquartett« erfreut sich in der Reihe von Beethovens Frühwerken eines hohen Stellenwertes. Das »ensemble incanto« traf den heiteren Serenadenton und streute eine verschwenderische Ideenfülle über die dreisätzige Partitur. Nach dem pathetischen Auftakt mit dem doppelpunktierten »Grave«, erhielt das sonnig-helle, von überströmender Energie erfüllte »Allegro« seine unbändige Triebkraft. Aus der schlichten Weise einer reinen Stufenmelodik steigerte sich das »Andante cantabile« in eine herrliche Klangfülle. Aus ihr schöpfte das stürmische »Schlussrondo« einen wahren Reichtum an natürlichen Empfindungen, wie man sie ähnlich nur in wenigen Werken dieser Gattung findet.

Das Spiel von Liese Klahn kam klar, schlank und unverzerrt zum Vorschein. Sie blieb dem dominierenden Klavierpart nichts schuldig. Ralph Manno erhob seinen Klarinettenanteil zu einem Fest rauschender Bläserklänge. Die Geigerin Michaela Paetsch-Neftel und der souveräne Cellist Guido Schiefen brachten mit ihrer Spielkunst und Streichersensibilität das gesamte Klangwerk zum Blühen und Atmen. Die ruhige Musizierart aller vier Künstler, ihr Aufeinanderhören und ihr einfühlsames Kommunizieren waren ein Muster spannungsvoller Erzählkunst. Aus der Haft der dankbaren und hochverdienten Ovationen konnten sich die sympathischen Gäste erst nach der Zugabe eines »moments musicals« von Franz Schubert befreien.

G. S.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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