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Weitblick und Aufrichtigkeit zeichneten den Pionier des Jugendherbergswesens aus
Ein unermüdlicher Wanderer: Wilhelm Münker

Die vielleicht erste Jugendherberge der Welt stand in Hilchenbach „Am Preist“. Eingerichtet wurde sie auf Initiative von Wilhelm Münker, der am 20. September 1970 in Hilchenbach starb.
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  • Die vielleicht erste Jugendherberge der Welt stand in Hilchenbach „Am Preist“. Eingerichtet wurde sie auf Initiative von Wilhelm Münker, der am 20. September 1970 in Hilchenbach starb.
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„sz - Wer etwas als gut und schön erkannt hat, der soll der inneren Stimme folgen, einerlei, was die andern  tun und lassen“: Diese Auffassung vertrat Wilhelm Münker, einer der Erfinder des Jugendherbergsgedankens.
sz Hilchenbach.  Der gebürtige Hilchenbacher Wilhelm Münker entwickelte die Ideen, die nicht nur den Jugendherbergsgedanken beflügeln sollten. Wilfried Lerchstein erinnert an Münker, der vor 50 Jahren, am 20. September 1970, in seiner Geburtstadt starb, und bettet seine Ideen in die Zeit ein, die den umtriebigen Mann prägte.
Wilhelm „Willi“ Münker starb vor 50 Jahren, am 20. September 1970, in seiner Heimatstadt Hilchenbach.

„sz - Wer etwas als gut und schön erkannt hat, der soll der inneren Stimme folgen, einerlei, was die andern  tun und lassen“: Diese Auffassung vertrat Wilhelm Münker, einer der Erfinder des Jugendherbergsgedankens.
sz Hilchenbach.  Der gebürtige Hilchenbacher Wilhelm Münker entwickelte die Ideen, die nicht nur den Jugendherbergsgedanken beflügeln sollten. Wilfried Lerchstein erinnert an Münker, der vor 50 Jahren, am 20. September 1970, in seiner Geburtstadt starb, und bettet seine Ideen in die Zeit ein, die den umtriebigen Mann prägte.
Wilhelm „Willi“ Münker starb vor 50 Jahren, am 20. September 1970, in seiner Heimatstadt Hilchenbach. Zwölf Stunden vorher hatte er noch an einer von ihm einberufenen Vorstandssitzung seiner „Wilhelm-Münker-Stiftung“ in der Hilchenbacher Jugendherberge teilgenommen. Als er am 29. November 1874 abends gegen 20 Uhr in dem Hilchenbacher Fachwerkhaus „Steftsmönkersch” das Licht der Welt erblickte, ahnte wohl niemand, welch bedeutender Lebensweg vor dem neuen Erdenbürger liegen würde.

Prächtig: Wilhelm Münkers Geburtshaus in Hilchenbach, „Steftsmönkersch“ genannt. Eine Gedenkplakette erinnert an den berühmten Sohn der Stadt.
  • Prächtig: Wilhelm Münkers Geburtshaus in Hilchenbach, „Steftsmönkersch“ genannt. Eine Gedenkplakette erinnert an den berühmten Sohn der Stadt.
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Er war das zweite von drei Kindern der Eheleute Karl Münker (1844–1914), von Beruf Kupferschmied und Fabrikant, und seiner Ehefrau Emilie, geb. Weiß (1849–1913), und wurde am13. Januar 1875 evangelisch getauft.

Plakette an Münkers Geburtshaus

Heute ist das 1723 erbaute, im Kirchweg 1 gelegene Geburtshaus dieses Mannes, der trotz aller Erfolge immer bescheiden und asketisch lebte und ledig blieb, durch eine bronzene Gedenktafel mit seinem Porträt kenntlich gemacht. Diese wurde von der Siegener Bildhauerin Ruth Fay angefertigt und am 19. Mai 1973 feierlich an Münkers 1979 abgerissenem Wohnhaus in der Unterzeche 15 angebracht.

Die Gedenkplakette an Münkers Geburtshaus.

„Wer etwas als gut und schön erkannt hat, der soll der inneren Stimme folgen, einerlei, was die andern tun und lassen“, war einer der Grundsätze, die nach seinen eigenen Worten stets Wilhelm Münkers Handeln bestimmten. Mit einer solchen Haltung kann man allerdings auch anecken. Offenbar tat Münker das. War er deshalb ein notorischer Querulant, fortschrittsfeindlicher Exzentriker oder gar ein Spinner, wie ihn manche Zeitgenossen herablassend bezeichneten, deren Pläne er mit seinen unbeirrbar verfolgten Idealen gefährdete? – Wenn man sich etwas näher mit der Person Wilhelm Münker beschäftigt, zeigt sich schon bald, wie unzutreffend diese Bezeichnungen waren, mit denen seine Gegner versuchten, ihn zu diskreditieren und mundtot zu machen.

Von Lebensreformbewegung geprägt

Münkers Schul- und Berufsausbildung zeichneten eigentlich einen Werdegang als Industriekaufmann vor. Beeinflusst von der sogenannten Lebensreformbewegung, war er 1906 Initiator der öffentlichen Badeanstalt und des Licht-Luft-Badevereins in Hilchenbach sowie ein maßgeblicher Förderer der Errichtung des Aussichtsturms auf dem Kindelsberg in den Jahren 1906/07. Er war ein konsequenter Verfechter einer natürlichen und gesunden Lebensweise, ein leidenschaftlicher Wanderer, Vegetarier und Kämpfer gegen das Rauchen und den Alkoholmissbrauch.
Einerseits noch von den Wertvorstellungen der Kaiserzeit geprägt, entwickelte er andererseits neue, geradezu visionäre und vorausahnende Ideen und vertrat Standpunkte, die auch im 21. Jahrhundert noch von einer damals kaum für möglich gehaltenen Aktualität sind.

Seit Gründung aktiv im Heimatverein

Als am  4. Januar 1911 der Verein für Heimatkunde und Heimatschutz im Siegerlande samt Nachbargebieten, der heutige Siegerländer Heimat- und Geschichtsverein, gegründet wurde, war Wilhelm Münker von Anfang an mit dabei und brachte sich sogleich aktiv in das Vereinsleben ein. Bereits auf der ersten Jahreshauptversammlung 1912 stellte er den Plan vor, den „Dornbruch“, ein nördlich von Müsen an der Kreisgrenze gelegenes Hochmoor, wegen seiner besonderen Pflanzen- und Tierwelt vor einer drohenden Fichtenaufforstung zu schützen. Vor dem Hintergrund, dass 1930 mit dem „Eicherwald“ in Hilchenbach erstmals eine Naturfläche im Siegerland unter Schutz gestellt wurde und erst 1935 das Reichsnaturschutzgesetz in Kraft getreten ist, zeigt sich an diesem Beispiel, wie zukunftsorientiert Münker damals schon dachte.

SGV und "Jugendherberge"

Seit 1896 Mitglied, leitete er von 1903 bis 1921 die SGV-Ortsgruppe Hilchenbach. Bereits 1907 eröffnete der Jugendherbergspionier Wilhelm Münker „Am Preist“ in Hilchenbach für die männliche Wanderjugend eine Schüler- und Studentenherberge des SGV. Sie befand sich in einem von ihm erworbenen Gebäude der ehemaligen Rotgerberei von Heinrich Hüttenhein. Wie in der Siegener Zeitung vom 27. Mai 1909 zu lesen war, hatte sie sich bis dahin „zu einer Jugendherberge entwickelt“.
Ab 1912 auch offiziell so bezeichnet, war sie rückblickend betrachtet die erste ihrer Art auf der Welt. Denn die zur Ruine verfallene Burg Altena musste erst aufwendig instandgesetzt werden, bevor in ihr am 1. Juni 1912 eine Jugendherberge eröffnet werden konnte. War der Ansturm der wandernden Jugend besonders groß, diente in Hilchenbach zusätzlich auch die benachbarte Schützenhalle als Jugendherberge auf Zeit.
Das ehemalige Jugendherbergsgebäude „Am Preist 3“ ist auch heute noch in seiner Grundsubstanz vorhanden und eine der interessanten Stationen auf den von dem Gäste- und Kulturlandschaftsführer Michael Thon seit Jahren unter dem Motto „Auf den Spuren Wilhelm Münkers – Naturschützer und Vorbild für Jugend und Gesundheit“ angebotenen Wanderungen.
Um die unzureichenden Verhältnisse in der Jugendherberge „Am Preist“ zu beseitigen, die insbesondere dann auftraten, wenn „Männlein nebst Weiblein“ dort übernachteten, richtete Münker 1921 zusätzlich eine Jugendherberge für Mädchen ein. Diese befand sich nicht weit entfernt in einem Bürogebäude der ehemaligen Fournierschneiderei Kohl hinter der Schützenstraße. (1) Dieses Gebäude existiert inzwischen nicht mehr.
Seit dem 18. Mai 1912 gab es auf Münkers Anregung hin den Ausschuss für Jugendherbergen im SGV, seit 1914 selbstständig als Hauptausschuss für Jugendherbergen. Zudem kümmerte sich Münker um den Naturschutz und kaufte 1911 auf eigene Kosten hierfür geeignete Grundstücke auf.

„Wandern und Naturschutz berühren sich gar nahe. Jeder rechte Wanderer sollte sich als Schützer der so bedrohten Allmutter Natur fühlen und betätigen“ und „Es kann dem Menschen nicht gutgehen, wenn er überhaupt nicht geht“ sind Zitate von ihm in diesem Zusammenhang. Für ihn galt: „Wanderwetter ist für den nicht verzimpelten Menschen immer. Und Wandergebiet ist überall.“

Münker: Als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg

Als 40-Jähriger nahm Münker 1914 als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil, wurde verwundet und lag 1918 in Marburg im Lazarett. Nach Kriegsende hielt er sich bis 1918 in einer Heilstätte in Oberstdorf auf. Zusammen mit dem anderen „Ur-Herbergsvater“ Richard Schirrmann (1874–1961), einem ebenfalls hochrangigen SGV-Mitglied, gründete er am 2. November 1919 auf Burg Altena den Hauptausschuss für Deutsche Jugendherbergen e.V. als Reichsverband des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH).
1919 gab Münker seine ursprüngliche Tätigkeit als Gesellschaftergeschäftsführer der Westfalia GmbH in Hilchenbach auf und stellte sein Haus, sein Vermögen und seine ganze Kraft in den Dienst der Jugend. Er arbeitete bis 1933 als ehrenamtlicher Hauptgeschäftsführer des DJH. Dabei warb er mit dem Aufdruck „Deutscher, schreib in deutscher Sprache!“ auf den DJH-Briefbögen für die Sprachreinheit (die in Teilen der Lebensreformbewegung und/oder der Heimatschutz-Bewegung ein großes Thema war! Die Angst vor Romanismen stand dort teils im Vordergrund, die „Sauce“ oder „Soße“ wurde zur „Tunke“!).

2. Jugendherberge stand in Sohlbach

Auf der Suche nach weiteren Übernachtungsmöglichkeiten für die Wanderjugend fand er in Sohlbach im Netpherland ein ihn beeindruckendes Bauernhaus, das, wohl schon im 17. Jahrhundert erbaut, vom Eigentümer Karl Klein bereits für den Abriss vorgesehen war.

1926 wurde die Jugendherberge in Sohlbach eingeweiht.
  • 1926 wurde die Jugendherberge in Sohlbach eingeweiht.
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Dieses ließ Münker nach seinen Vorstellungen unter der sachkundigen Hand des Baumeisters Brinkmann aus Herscheid von einem alten zerfallenen Bauernhaus in eine schmucke Bleibe umbauen. 1924 begann man mit diesen Arbeiten, und am 12. September 1926 konnte die Einweihung als Jugendherberge vorgenommen werden.
Um den Jahreswechsel 1932/33 kam es zeitweilig zu einem die DJH-Aktivitäten beeinträchtigenden Zerwürfnis zwischen Richard Schirrmann und Wilhelm Münker. 1933 erzwangen die Nazis die Gleichschaltung und Übernahme des DJH durch die Hitlerjugend (HJ), die am 10. April 1933 die Hakenkreuzfahne vor der in Wilhelm Münkers Haus in der Unterzeche 15 in Hilchenbach untergebrachten DJH-Geschäftsstelle hisste. Die HJ setzte im August 1933 deren Verlegung nach Berlin durch. Noch am 3. März hatte Münker der HJ in der Hoffnung, hierdurch die Kontrolle über das DJH behalten zu können, das Angebot gemacht, sie an der Leitung des DJH-Reichsverbandes zu beteiligen. Die HJ hatte ihm stattdessen im sogenannten „Kösener Abkommen“ vom 12. April 1933 Bedenkzeit für eine weitere Tätigkeit als Hauptgeschäftsführer unter dem von Baldur von Schirach mit der Führung des Jugendherbergswesens betrauten Johannes Rodatz eingeräumt.

Einweihung ohne Münker

Die auf dem Galgenberg errichtete neue Hilchenbacher Jugendherberge wurde am 3. September 1933 ohne Wilhelm Münker eingeweiht.

Die neue Jugendherberge auf dem Galgenberg in Hilchenbach wurde am 3. September 1933 ohne Münker eingeweiht.
  • Die neue Jugendherberge auf dem Galgenberg in Hilchenbach wurde am 3. September 1933 ohne Münker eingeweiht.
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In ihrer Ausgabe vom 4. September 1933 berichtete die Siegener Zeitung über diese Veranstaltung, dass [HJ]-Unterbannführer Richard Schirrmann in seiner Weiherede auch mit Dankbarkeit des Gründers und Vorkämpfers der deutschen Jugendherbergen Wilhelm Münker gedachte. Dieser legte gleichwohl Ende des Monats sein Amt nieder, verließ den Verband und verlegte den Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf den Heimat- und Naturschutz. Dagegen versuchte Schirrmann, noch bis 1937 als Ehrenvorsitzender im DJH tätig, bis 1942 mehrmals vergebens, in die NSDAP aufgenommen zu werden. (2)
Ein großer Erfolg dieser neuen Aktivitäten Münkers war die Unterschutzstellung der Flächen des damals noch „In den Erlen“ genannten Auenwaldes entlang der Sieg im Bereich der Mündung des Beienbachs zwischen Obernetphen und Deuz. Diese erfolgte am 16. August 1938 durch Verordnung des Regierungspräsidenten in Arnsberg. – Fortsetzung folgt. Wilfried Lerchstein
Anmerkungen:
1) Busch, F. W.: „Aufzeichnungen über die Geschichte der Hilchenbacher Jugendherbergen“, in: „Alt-Hilchenbach, Geschichten- und Bilderbuch, Fortsetzung der 1. und 2. Ausgabe“, Hilchenbach 1992, S. 5–12
2) Kraus, Eva: „Das Deutsche Jugendherbergswerk und seine Gleichschaltung durch die Hitlerjugend (1909–1933)“, Doktorarbeit an der Fakultät der Kulturwissenschaften der Universität Paderborn, 2011, S. 166–238, URL: https://core.ac.uk/download/pdf/50519771.pdf

Autor:

Redaktion Kultur

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