Ein Wunder am Laternenpfahl

Theater am Kurfürstendamm gastierte mit »Mein Freund Harvey« im Busch-Theater

sz Dahlbruch. Harvey lässt Träume wahr werden. Vor allem den, der Freiheit verheißt. Das Ledigsein von Verantwortung und Pflicht und auch von der allzu geschwätzigen Ehefrau. Wer Harvey kennt (und das ist, wer Harvey sieht), wird ein besserer Mensch. Freundlich, liebenswert, glücklich – aber auch ein wenig verschroben. Wie Elwood P. Dowd, reich und völlig unbekümmert, der mit stets zwei Mänteln überm Arm, zwei Hüten in der Hand mit Harvey lebt. Ein Fall für den Psychiater? Ja, meint Elwoods Schwester Veta Louise und konsultiert Dr. Sanderson, den ewigen Assistenten einer Seelen-Koryphäe. »Diese Person, die Sie Harvey nennen...?« fragt der aus rein beruflichem Interesse und bekommt eine ebenso aufschluss- wie folgenreiche Antwort: »Ein Hase!« empört sich Veta Louise. »Weiß und 2 Meter 20 groß.« Und dann bekennt sie ganz im Geheimen, dass auch sie Harvey manchmal begegnet. Fast entschuldigend sagt sie das.»Er lächelt immer so freundlich.«

Stimmt! Auch das amüsierfreudige Publikum, das am Donnerstagabend Mary Chases »Mein Freund Harvey« im Gebrüder-Busch-Theater Dahlbruch sah, gewann diesen – freilich nur vom Porträt auf dem Kaminsims herunterlächelnden – guten Geist richtiggehend lieb. Zwar unsichtbar, aber dennoch allgegenwärtig. Ein Verdienst ganz sicher von Hauptdarsteller Winfried Glatzeder (bekannt unter anderem als Berliner Ex-»Tatort«-Kommissar Roiter), der Elwood P. Dowd diese linkische, ein wenig fahrige Gestalt gab und mit Blicken und Gesten seinen Freund Harvey dauerhaft in das turbulente Geschehen einband. Rückte ihm die Krawatte zurecht, orderte einen Whiskey, hielt ihm die Tür auf, rief ihn beim stürmischen Schlussapplaus in die Reihe der Künstler.

Neben Glatzeder brillierten vor allem Gaby Gasser als Elwoods Schwester Veta Louise Simmons (köstlich aufgedreht, glaubhaft verzweifelt), Ebba M. Reiter als Mrs. Chauvenet (energisches Auftreten, unglaublich befehlendes Organ) und Friedrich Schoenfelder (mit der Nonchalance und der Erfahrung eines in Würde gealterten Schauspielers) als zusehends menschlich werdender Prof. Chumley in dieser Aufführung des Theaters am Kurfürstendamm (Regie: Jürgen Wölffer). Das Ensemble ergänzten Daniela Ziemann als schüchternes Töchterchen Myrtle Mae, Claus Stahnke als viriler Pfleger Wilson, Daniel Del-Ponte als übereifriger Dr. Sanderson und Isabel Arlt als naive Schwester Kelly.

Gemeinsam boten sie komödiantische Unterhaltung von Niveau. Die abseits mancher klamaukigen Szene (»Die Frau aus der Wanne! Die Tabletten aus der Frau!«) vor allem auf geheimnisvolle Mehrdeutigkeiten, kluge Zerstreutheiten, versteckte Weisheiten setzte. Spannend mitzuverfolgen, wie der Professor, sich anfangs heftig dagegen wehrend, zu der Einsicht gelangt, dass Wunder tatsächlich an Laternenpfählen lehnen. Türen öffnen sich und Türen schließen – und Harvey wird auch Chumleys bester Freund.

ciu

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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