Große Kammermusik zum Schwärmen und Glücklichsein

Das »Casal-Quartett Zürich« feierte am Dienstagabend im Gebrüder-Busch-Theater Triumphe

sz Dahlbruch. Große Kammermusik, ihr edler Ton und ihre individuelle Noblesse, gewann schon im 19. Jahrhundert eine zunehmende Beliebtheit im öffentlichen Konzertwesen. Besonders die Streichquartette, ständige Vereinigungen von vier Musikern, sind bis heute ein wesentlicher Faktor der Kammermusik geblieben. Dem beachtlichen Reigen großartiger Streichensembles in aller Welt hat sich das 1995 gegründete »Casal-Quartett Zürich« zugesellt. Die jungen Musiker – Rachel Rosina Späth und Markus Fleck (Violinen), Dominik Fischer (Viola) und Andreas Fleck (Violoncello) – gastierten am Dienstagabend erstmals im Busch-Theater.

Mit dem »Mozart-Opus D-Dur, KV 575« eröffneten sie das 58. Konzert der Reihe »Meisterliche Kammermusik« beim Busch-Kreis. Ihm folgten die »Streichquartette Nr. 1« von Erwin Schulhoff vor und »d-Moll, op. 29« von Adolf Busch nach der Pause. Den Abschluss bildete Giuseppe Verdis einziges Werk dieser Gattung in c-Moll.

Eine weit und wohlig ausschwingende Melodik, von den Geigen und der Bratsche eingeführt, und ein von Cello und 2.Geige angestimmter Zwiegesang ließen gleich zu Beginn aufhorchen. Ein paar Takte nur und im Saal wurde es still. Das Publikum spürte mit jedem weiteren Ton, eine Musik hören und erleben zu können, die so schön, rein und überzeugend gelang wie schon lange nichts mehr. Es wurde der Abend des »Casal-Quartetts«, ein Konzert zum Schwärmen und Glücklichsein. Es erinnerte an einige bewegende Dinge in der Musik von Mozart und Verdi, aber auch an aufregende Auseinandersetzungen mit der Musik ihrer Zeit von Erwin Schulhoff und Adolf Busch. Doch bleiben wir noch bei Mozart. Schon hier waren sprühende Gebilde, oktaviert geführte Kantilenen, pulsierende Wechsel oder aufgelockertes Linienspiel mit dem Wort »perfekte Homogenität« allein nicht zu beschreiben. Zusammen denken, atmen, träumen und auch tänzeln waren angesagt. Vollendet und betörend, nie vorlaut-dröhnend, erhoben die Casal-Musiker den Abend zu einem Ereignis.

Seine erste Schaffensperiode zeigt Erwin Schulhoff als Verfechter der modernen, europäischen Musik. Das »Streichquartett Nr. 1« aus dem Jahre 1924 gilt als Veto gegen die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse (malinconia groteska im Allegretto), aber auch als Beitrag zur Überwindung der alten Stilepochen. Die Casal-Leute erkannten die Prüfsteine dieser Musik und unterstrichen im motorischen Charakter des Kopfsatzes und der Groteske des dissonant angereicherten »Allegretto con moto« mit anti-idyllischer Strenge die Abkehr von jeglicher Romantik. Nach der ausgelassenen Tanzstimmung des »alla slovacca« bündelten die Schweizer Gäste im langsamen Finalsatz, einem melancholischen Nocturne, den begeisternden Reigen, förmlich meditierend, in eine traumhafte Erinnerung und den absoluten Höhepunkt des Abends.

Unerreicht war die Fähigkeit des nachschaffenden Geigers Adolf Busch, Musik extrem auszuphrasieren. Aus dieser Sicht sind seine Kompositionen zu betrachten. So liegt auch die Dramatik seines einsätzigen »Streichquartetts h-Moll, op. 29« allein im musikalischen Geschehen. Nach dem langsamen, tiefempfundenen »Lento« steigerten die Interpreten im weitgespannten »Vivace« sämtliche Ausdrucksmittel ins Riesenhafte. Da wuchsen die polyphonen Innenzeichnungen, türmten sich harmonische Blöcke und schlossen die Stimmen zu mächtig tönender Einheit wieder zusammen. Wurde hier noch kunstvoll gestaltet, gab sich das Schluss-Prestissimo äußerst einfach. Heitere Schlichtheit wurde heiter und schlicht ausgesprochen. Des Meisters »Streichquartett e-Moll« aus dem Jahre 1872 ist eine Zeichnung des menschlichen Gefühls, der Leidenschaft. Unter den Händen der Protagonisten bezauberte der Vortrag durch seinen hinreißenden Wohllaut und eine fein gewebte Haltung. Greifbarkeit, knappe Bildhaftigkeit und eine leichte Wehmut herrschten in den beiden ersten Sätzen.

Das »Prestissimo«, ganz auf eine heftige, doch gezügelte Bewegung gestellt, umrahmte das pizzicato begleitete, singende »Trio« des Violoncello. Nach dem warmen, sinnenhaften Klang der Schlussfuge mit herrlich tönenden Zwischenstücken, beendete eine wirkungsvolle »Stretta« das selten zu hörende Werk und löste dankbare, langanhaltende Ovationen aus. Erst mit der Gewährung von zwei Zugaben konnten sich die sympathischen Gäste aus der Haft der Begeisterung befreien.

G. S.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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