Gut gemacht, Philharmonie!

Gut gemacht, Sergey Malov! Der 26-jährige Solist konnte beim Antrittskonzert ohne Abstriche überzeugen.  Foto: aww
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aww Dahlbruch. Mal ehrlich? Wer will schon einen Roman lesen, auf dem von Seite 1 bis Seite 600 immer nur alles und jeder gut ist? Und wer will schon einen Film sehen, in dem geschlagene 90 Minuten lang eitel Freude und Sonnenschein herrschen? Keine Konflikte, keine Bösewichte, alle haben sich immer nur lieb. Pure Harmonie. Wie langweilig! Das gibt es noch nicht mal bei Rosamunde Pilcher.

Gut und Böse, Glück und Trauer, Eintracht und Streit … Gegensätze gehören zum Leben. Und der Mensch, so sind wir gestrickt, braucht den Kontrast, damit seine Aufmerksamkeit sich auf Dauer fesseln lässt. Im Roman, im Film, und (vermutlich ganz besonders) in der Musik.

So schön das „Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“, eine idyllische „Szene am Bach“ und ein „Lustiges Zusammensein der Landleute“ sind – wenn dann, nach kurzer, von Unheil düster dräuender Vorankündigung „Gewitter und Sturm“ losbrechen und die Philharmonie Südwestfalen mit ihren Instrumenten so richtig „Betrieb“ macht, dann sitzt man, nach all der wundervollen Musik zuvor, wie gebannt im Zuschauersessel des Dahlbrucher Gebrüder-Busch-Theaters und ist mit Haut und Haar dabei, mittendrin. Und wie erlösend ist dann das Happy End: „Hirtengesang, frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm“.

Das vielköpfige Publikum des Eröffnungskonzerts („Alte Weisen – Hymnus auf die Natur“) der 49. Spielzeit des Gebrüder-Busch-Kreises konnte am Donnerstag nach diesem „unerhörten“ Spannungsbogen von Beethovens Sechster („Pastorale“, F-Dur, op. 68) gar nicht anders, als am Ende des Abends lange, sehr lange, und mit vereinzelten Bravo-Rufen zu reagieren. Diese Sinfonie ist schlicht ein Monument. Und die Musik, die klingenden Szenen erscheinen so plastisch, dass der Zuhörer einfach mit auf die ländliche Spritztour gehen muss. Die Bilder im Kopf mag er sich ausmalen, wie er Lust und Laune hat, die Musik dazu ist und bleibt, wie sie ist.

Wenn deren Wirkung dann so ist, wie sie beim Konzert war, nämlich höchst eindrücklich, dann kann dem Chefdirigenten Russell N. Harris und seinem Orchester nur gratuliert werden: Ihr Beethoven kam bestens an. Was soll besonders hervorgehoben werden? Vielleicht die ausdrucksvollen (De-)Crescendi im ersten Satz, vielleicht die insgesamt schönen Leistungen der Holzbläser (und das nicht nur bei Vogelgezwitscher und Kuckucksruf)? Warum nicht einfach sagen: Gut gemacht, Philharmonie? – Gut gemacht, Philharmonie!Gut gemacht, Sergey Malov! – das muss selbstverständlich auch betont werden. Der 26-jährige Solist stand nämlich im Mittelpunkt des Konzerts (als Person wie auch mit seinem Beitrag in der Programmfolge), und er konnte ohne Abstriche überzeugen. Soll heißen: Diesmal geht die Gratulation an den jungen Bratscher/Geiger wie auch an das Busch-Preis-Kuratorium für seine Wahl. Wie berichtet, war dem gebürtigen St. Petersburger Malov, der heute in Berlin lebt, tags zuvor der Busch-Preis 2008 offiziell verliehen worden.Bei seinem Antrittskonzert interpretierte Malov Paul Hindemiths Konzert nach alten Volksliedern für Bratsche und kleines Orchester „Der Schwanendreher“, übrigens ebenfalls eine Komposition, die mit erwähnten Gegensätzen wie ernst und heiter (auch inhaltlich) arbeitet. Bläser, Harfe, Kontrabässe, Celli reichten, um dem expressiven, klangvollen Spiel des jungen Interpreten eine mal kammermusikalisch anmutende Basis (wunderschönes lyrisches Duett mit der Harfe im Mittelsatz) und mal kraftvollere Grundlage zu bieten. Im Finalsatz, bei dem Malov auch virtuos glänzte, hatte das Soloinstrument im Tutti allerdings etwas Mühe, sich gegen die Lautstärke des Orchesters zu behaupten. Dass Sergey Malov über einen reifen Ton verfügt, bewies er nicht nur bei der Solokadenz mit sauber gegriffenen zweistimmigen Passagen zu Beginn des Konzerts, sondern auch in der traumhaft schönen, melancholischen Bach-Zugabe – da aber mit der Violine.Den Abend eröffnet hatte die Philharmonie mit der kleinen, feinen, etwa viertelstündigen Sinfonie B-Dur, op. 3, Nr. 4 des J.-S.-Bach-Sohnes Johann Christian in kleiner Besetzung mit Cembalo, die nach einer kurzen Findungsphase trefflich gelang. Zuvor hatte Intendant Gernot Wojnarowicz den Zuhörern mitgeteilt, dass die neue Philharmonie-CD mit Werken von Otto Nicolai soeben frisch aus dem Presswerk gekommen sei.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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