Heimaterde kam mit in Sarg

Jüdischer Friedhof Hilchenbach:

1948 letzte Beisetzung – Morgen Vormittag Gedenkstunde

Hilchenbach. Der morgige Sonntag steht ganz im Zeichen der Volkstrauer, zahlreiche Gedenkveranstaltungen dokumentieren dies. Ein Sonderfall stellt Hilchenbach dar, nach der üblichen Volkstrauertags-Veranstaltung auf dem Alten Friedhof findet gegen 11.15 Uhr eine zweite Gedenkfeier statt, und zwar die auf dem jüdischen Friedhof am Ende der Rothenberger Straße: Dem Geschichtsverein sowie der kath. und der ev. Kirchengemeinde ist es ein Bedürfnis, der einstigen jüdischen Mitbewohner zu gedenken.

Der Dahlbrucher Heimatfreund Heinz Bensberg hat jetzt einige Fakten zum jüdischen Friedhof rekonstruiert: „Der jüdische Friedhof besteht seit 1899 und gehörte seinerzeit vier Hilchenbacher Juden. Aber bereits zwei Jahrzehnte früher sind hier schon Glaubensbrüder beerdigt worden. Er ist wie die drei anderen Judenfriedhöfe im Siegerland schlicht und einfach. 1941 ging er in den Besitz des Deutschen Reiches über. Der Landesverband der jüdischen Gemeinden in NRW ist seit 1960 Eigner. Der Stadt Hilchenbach obliegt die Pflege dieser Gräberstätte, vom Land bekommt sie dafür eine Entschädigung.

Die letzte Beisetzung auf dem Hilchenbacher Judenfriedhof während der Nazi-Diktatur war die des 68-jährigen Seligman Hony am 1. Juli 1941. Bis 1945 waren die Grabsteine mit Kalk getüncht. Nach Kriegsende musste ein Hilchenbacher die Gedenksteine und Einfassungen säubern. Im Mai 1948 fand noch eine allerletzte Beerdigung statt, vermutlich die letzte Beisetzung auf einem Siegerländer Judenfriedhof nach dem Zweiten Weltkrieg.

Im Februar 1949 stand die Begräbnisstätte nochmals im Blickpunkt der Öffentlichkeit: Zwei damals 14-jährige Jungen aus Hilchenbach stürzten neun Grabsteine um. Offiziell wurde der jüdische Friedhof am 6. Juli 1951 geschlossen.

Einst stellten die Juden mit einer Daune oder einer Feder fest, ob der Sterbende noch atmet. Nach Feststellung des Todes wurde sofort ein Fenster geöffnet und der Segen ,Gelobet sei der wahrhaftige Richter’ gesprochen. Der älteste Sohn oder ein naher Verwandter schloss dem Toten die Augen. Eine Kerze wurde angezündet, die sieben Tage ununterbrochen brennen musste. Sie sollte die Seele des Verstorbenen symbolisieren.

Nach rabbinischer Vorschrift sollte die Beerdigung nach Möglichkeit am Tage des Todes erfolgen. Um das Gebot ,Denn Staub bist du und zum Staub wirst du kehren’ besser zu erfüllen, wurde auch, falls vorhanden, Erde aus Israel in den Sarg gelegt. Nach Möglichkeit von den Söhnen wurde am offenen Grab das „Kaddisch”, ein jüdisches Gebet, gesprochen. „Kaddisch” bedeutet Heiligung und ist ein Lob auf Gott. Es wurde nur in Anwesenheit von mindestens zehn jüdischen Männern gesprochen. Ein Jahr lang wurde es für den Verstorbenen täglich wiederholt, später jährlich am Todestag.

Diese und andere Riten konnten die Juden in der Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr einhalten. Am 28. Februar 1943 verließen die letzten Juden Hilchenbach. Es waren dies die 42-jährige Gerti Holländer und ihr zehnjähriger Sohn Lothar. Marschverpflegung für fünf Tage mussten Mutter und Sohn mitbringen, dazu einen Essnapf, Trinkbecher, Löffel und das Allernotwendigste zum Anziehen. In Dortmund-Brakel hatten sie sich einzufinden. Dem Regierungspräsidenten wurde anschließend gemeldet, dass Hilchenbach im Zuge der ,Entjudung des Reichsgebiets’ judenfrei sei.

Der Glaube an die Wiederauferstehung und die Heimatlosigkeit veranlassten die Juden seinerzeit, Friedhofsgelände für unbegrenzte Zeit zu erwerben. Aus dem Grunde konnte oft nur unzulängliches Gelände, wie eben auch in Hilchenbach, erworben werden. Heute haben diese Toten bei uns, wie die Millionen Kriegsopfer in deutscher Erde, ewiges Ruherecht.”

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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