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Die Freiheit wartet hinter dem Ortsschild
Hilchenbacher Schlosser geht auf die Walz

Fynn Stenzel zieht es in die weite Welt.
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  • Fynn Stenzel zieht es in die weite Welt.
  • Foto: Kay-Helge Hercher
  • hochgeladen von Alexander Kollek

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, Wanderjahre aber schon: Der 21-jährige Fynn Stenzel aus Hilchenbach hat sich auf den Weg begeben. Als wandernder Schlossergeselle will er die Welt erkunden – und sich dabei selbst finden.

js Hilchenbach. Ab Mitte Zwanzig schon dauerhaft im Großraumbüro sitzen? Das kann sich Fynn Stenzel beim besten Willen nicht vorstellen. Der 21-Jährige aus Hilchenbach liebt seine Heimat, fühlt sich pudelwohl in Familie und Freundeskreis, Kleinstadt- und Vereinsleben. Vielleicht wird er auch eines Tages wieder sesshaft werden im oberen Ferndorftal. Zunächst aber heißt es für ihn: raus in die weite Welt.

"Ich bin ein Schrauber"
Nach dem Abi kam die Ausbildung, ein zupackender Beruf sollte es sein.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, Wanderjahre aber schon: Der 21-jährige Fynn Stenzel aus Hilchenbach hat sich auf den Weg begeben. Als wandernder Schlossergeselle will er die Welt erkunden – und sich dabei selbst finden.

js Hilchenbach. Ab Mitte Zwanzig schon dauerhaft im Großraumbüro sitzen? Das kann sich Fynn Stenzel beim besten Willen nicht vorstellen. Der 21-Jährige aus Hilchenbach liebt seine Heimat, fühlt sich pudelwohl in Familie und Freundeskreis, Kleinstadt- und Vereinsleben. Vielleicht wird er auch eines Tages wieder sesshaft werden im oberen Ferndorftal. Zunächst aber heißt es für ihn: raus in die weite Welt.

"Ich bin ein Schrauber"

Nach dem Abi kam die Ausbildung, ein zupackender Beruf sollte es sein. Land- und Baumaschinenmechatroniker kann er sich seit seiner Gesellenprüfung nennen. "Das ist so eine moderne Bezeichnung", schmunzelt er. Früher habe das noch Schlosser geheißen. Oder, wie Fynn es auf den Punkt bringt: "Ich bin ein Schrauber." Und als solcher hat er sich am Sonntag auf die Walz begeben. Nicht mit einer Kletterpartie übers Ortsschild, wohl aber mit einem ordentlichen Tritt in den Allerwertesten ging es los. Hilchenbach wird er so schnell nicht wiedersehen. 

Drei Jahre und einen Tag fernab der Heimat

Drei Jahre und einen Tag, um genau zu sein. Mindestens so lange muss der junge Geselle seinem Zuhause fern bleiben, jenseits der Bannmeile von 50 Kilometern. "Natürlich werden mir Familie und Freunde fehlen", gesteht er, ein bisschen Wehmut gehöre nun einmal dazu. Aber der Ruf der weiten Welt, die Wissbegierde und die Begeisterung, Neues zu lernen und sich persönlich weiterzuentwickeln, haben seinen Entschluss bestärkt. Er will die Welt erkunden und sich dabei selbst finden.

Als Mitglied der Gesellschaft der rechtschaffenen Fremden geht er auf große Bildungsreise − und steht damit in einer 900-jährigen Tradition. "Früher ging jeder Geselle auf Wanderschaft", berichtet er. Mit der Industrialisierung und zunehmenden Spezialisierung sei dies leider immer seltener geworden.

Das vielleicht größte Abenteuer seines Lebens 

Die Entscheidung, das eigene handwerkliche Können noch breiter aufzustellen, fiel in Nürnberg. Dorthin war Fynn Stenzel im vergangenen Herbst mit zwei Bekannten gefahren, die selbst erlebnisreiche Wanderjahre hinter sich haben und inzwischen sesshaft geworden sind. Bei der Ankunft eines Maurergesellen feierte der Hilchenbacher kräftig mit und ließ sich begeistern. "Ich habe so viel Positives gehört", erinnert er sich an den Abend. "Nachts um 2 Uhr wurde mir dann der Ohrring genagelt."

Der Entschluss war gefasst, auch er selbst wollte auf die Walz gehen. "Mein Herz hat's entschieden." Und auch der Kopf kommt damit klar. Etwas Neues zu wagen, richtig frei sein, darauf freut er sich. Die Voraussetzungen für das vielleicht größte Abenteuer seines Lebens bringt er mit: Fynn hat einen ehrbaren Handwerksberuf erlernt, ist unter 30, schuldenfrei, kinderlos und unverheiratet. "Ehrbarkeit" ist die Grundtugend der rechtschaffenen Fremden.

Auf der Abschiedsfeier geht es hoch her

Bei der Abschiedsfeier in Helberhausen ging es hoch her am Wochenende, zahlreiche Wegbegleiter kamen, um Fynn ziehen zu lassen. Auf sich allein gestellt ist der 21-Jährige nicht, ein erfahrener "Exportgeselle" begleitet ihn in den ersten Tagen. Gemeinsam begeben sich die beiden Handwerker in dunkler Kluft nach Lübeck, wo ein großes Gesellentreffen ansteht. Viele ehemalige und aktuelle Tippelbrüder tauschen sich aus. Auf dem Weg dorthin wird der Hilchenbacher so manchen wertvollen Tipp für das Leben auf der Straße bekommen. Wo lässt es sich gut schlafen, wie wird man am besten als Anhalter mitgenommen? Ein wenig Starthilfe kann nicht schaden. Fynns Gepäck ist überschaubar. All sein Hab und Gut findet Platz im "Charlie", dem 80 mal 80 Zentimeter messenden Charlottenburger-Tuch. Ein Schlafsack, Arbeitskleidung, Wechselwäsche, Hygieneartikel. "Ich bin sehr minimalistisch unterwegs." Und ausgesprochen analog. Handys sind tabu. Sein Smartphone wurde daher an einen Balken genagelt. Die Walz ist ein gewaltiges Funkloch.

"Ich werde Klinken putzen"

Wohin ihn seine Füße tragen, das ist für Fynn noch vollkommen unklar. Was nach Lübeck kommt, muss sich zeigen. Arbeit, so sagt er, gebe es überall. "Ich werde Klinken putzen." Bei den örtlichen Handwerkskammern, in Rathäusern, in Industriegebieten und auch in Kneipen werde er auf Jobsuche gehen. Selbst auf der Straße rechtet er mit Angeboten. "Das ist nicht an meinen Beruf gebunden", erklärt er. Es gehe schließlich darum, die allgemeinen Fertigkeiten zu erweitern. Nur für Kost und Logis zu arbeiten, sei übrigens nicht die Regel. "Es sollte der ortsübliche Gesellenlohn gezahlt werden." Wo genau die jeweiligen Orte liegen, werden die kommenden drei Jahre zeigen. "Wandergesellen sind international unterwegs." Die deutsche Handwerkskunst habe einen Ruf auf der ganzen Welt; zugleich könne man selbst von anderen Kulturen profitieren. Irgendwo zu lange verweilen, gehört indes nicht zum Plan. "Wenn einen der Postbote grüßt und der Nachbarhund nicht mehr anbellt, dann ist es Zeit zu gehen", beruft sich Fynn Stenzel auf eine Faustregel für die Wanderjahre. Jetzt aber heißt es erst einmal durchstarten. Die Freiheit ruft.

Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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