Humanität und Adel im Leben des Musikers Adolf Busch

Konzert zum 50. Todestag beim Busch-Kreis stand ganz im Schatten des Terrors in Amerika

sz Dahlbruch. Fritz Busch gehört zu den Unvergessenen unter den nachschaffenden Musikern. In seiner wechselvollen Laufbahn hat er als Dirigent in vielen Ländern unserer Erde auf das musikalische Bewusstsein und Empfinden mehrerer Generationen eingewirkt. Fesselnd durch die Unmittelbarkeit ihrer darstellenden Gedanken erweitern und vertiefen seine Memoiren »Aus dem Leben eines Musikers« (als Neuauflage wieder im Handel) sein Lebenswerk um die Dimension altmeisterlicher Weisheit.

Des großen Sohnes unserer Heimat musikalisch zu gedenken, rechnete sich das Philharmonische Orchester Südwestfalen unter der Leitung seines Chefdirigenten, GMD Georg Fritzsch, zur Ehre an. Mit den »Variationen über ein Mozartthema, op. 41« von Bruder Adolf Busch, dem berühmten Geiger, wurde die 41. Spielzeit in Dahlbruch eröffnet. Die Solisten des »Doppelkonzerts für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll, op. 102« von Johannes Brahms waren der aktuelle Konzertmeister Kai Vogler und der ehemalige Solocellist Peter Bruns der Dresdner Staatskapelle. Nach der Pause wehten die Klänge der »Sinfonie Nr. 4 d-Moll, op. 120« von Robert Schumann, ein Lieblingswerk des zu gedenkenden Namenspatrons, durch den Konzertsaal.

Vor dem Konzertbeginn wandte sich GMD Georg Fritzsch mit bewegenden Worten an die Anwesenden: »Wir Musiker wollen mit Ihnen in Stille und Andacht der Opfer des Wahnsinns und des Terrors in Amerika gedenken«. Dabei wurde, wenn auch unausgesprochen, jedem Einzelnen klar, dass dieses Land in schwerer Zeit den Familien Busch Zuflucht und Hilfe gewährte. Das »Adagio für Streicher op. 11« von Samual Barber erhöhte mit seinen friedlichen und versöhnlichen Klängen die Ergriffenheit und schrieb, nach langem, mitfühlendem Schweigen, die Stimmung für den weiteren Verlauf des Abends fest.

Der Komponist Adolf Busch

Tonschöpfungen des berühmten Geigers machen nicht nur im Einzugsgebiet des Busch-Kreises neugierig. Mit den »Variationen op. 41« stand ein Werk im Programm, welches trotz manchen Einwands sinfonische Bedeutung erlangt hat. Wie groß auch das Orchesteraufgebot für dieses kleine Thema aus dem »Divertimento, KV 240« erscheinen mag, hier hat sich Adolf Busch tief in die Musik Mozarts eingehört und sie in seiner Sprache wiedergegeben.

Georg Fritzsch und seine Musiker verstanden es vorzüglich, alle Ausdrucksmittel des Kontrapunkts und der Harmonik in das Kolorit des großen Orchesters einzubringen. Das Thema erschien zu Beginn in feinster Instrumentierung der Holzbläser und Streicher. Wechselnde Gegenstimmen, Änderungen der Rhythmik, Umkehrungen und Versetzungen in Moll ließen es in acht Variationen, mal in ungeheurer Energie, aber auch in ausdrucksvollen Phasen, immer wieder aufleuchten. Im Finale verband es im strahlenden Klang das volle Orchester und beschloss den Bogen zu einer Wirkung, der man sich nicht entziehen konnte.

Aus Brahms’ später Schaffenszeit

Das selten zu hörende »Doppelkonzert a-Moll, Op. 102« erfordert zwei hervorragende Solisten, die zudem noch gut aufeinander eingespielt sein müssen. Die beiden Dresdner Künstler, Kai Vogler und Peter Bruns, erfüllten nachhaltig diese hohen Ansprüche. Zusammen mit dem in bester Form spielenden PHOS konnte Georg Fritzsch in konzentrierter Form die künstlerische Aussagekraft aus Brahms’ später Schaffenszeit in Erscheinung treten lassen. Der frische Zug war einer gewissen Altersschwere gewichen. So lag der Kernpunkt der Interpretation im technischen Können und musikantischem Einfühlungsvermögen aller Mitwirkenden. Die homogene Darstellung der beiden mit gleicher Meisterschaft und Hingabe spielenden Spitzenkönner waren ebensolche Höhepunkte wie die aufmerksame Begleitung des Orchesters, vor allem mit den nahtlosen Übergängen von den Kandenzen und Soloeinschüben der Solisten. Die dramatischen und lyrischen Elemente wurden vom Pult aus so deutlich herausgestellt, dass gegenüber der sinfonischen Leidenschaft der Ecksätze die Versponnenheit des »Andante« starke kammermusikalische Akzente setzte. Die technisch perfekten Doppelgriffe der Solisten in den pastosen Gedanken des Finalsatzes kamen dem Idealklang von »achtsaitigen Riesengeigen«, wie Brahms sie sich vorstellte, sehr nahe.

Schumann im Licht der Romantik

Der spannungsreichen Stimmung setzte Schumanns »d-Moll-Sinfonie« nach der Pause ein weiteres Glanzlicht auf. Die vier Sätze, unmittelbar ineinander verschmolzen, wurden mit feuriger Rhythmik und schwärmerischer Melodik einer poetischen Idee untergeordnet, die tief in der Romantik wurzelte. Fritzsch hatte ein Klangbild erarbeitet, an dem alle Instrumentengruppen gleichermaßen beteiligt waren.

Von dem weich, samtig und doch bestimmt agierenden Streichern und von den Holzbläsern, die sauber und präzise intonierten und nie ihre Balance verloren, angeführt, waren selbst die Paukensätze bis in die pp-Stellen plastisch erhellt und das schwere Blech wusste, was ihr Spiel für Schumann bedeutete: eine Farbe, eine Verstärkung oder auch ein mystisches Symbol.

Vorwärts drängender Elan

Auf dieser Orchesterform baute der Dirigent seine Werkdeutung auf. Mit sicherem Gespür für die richtigen Tempi ––nie zu langsam, aber auch niemals übersteigert – setzte der vorwärts drängende Elan keine Sekunde aus. Das ergab in der heiklen Romanze, dem wilden Scherzo und dem zu grandioser Wirkung gebrachten Finale jene Spannungen, die das Wesen und die Beliebtheit dieser Sinfonie ausmachen. Umso umheimlicher klangen aber auch die fahlen Takte Schumannscher Verzweiflung (in der Romanze und vor allem im meisterlichen Übergang aus dem verhallenden Trio-Reminiszenen zum Finale), die beängstigend, wie ein Eichendorff-Schauer, aus allem sinfonischen Glanz zu Tage traten.

Nicht enden wollende Beifallsstürme dankten für diesen denkwürdigen Konzertabend, der in seiner stillvollen Zusammenstellung und Ausführung ganz sicher auch den Beifall von »Maestro Fritz Busch« erhalten hätte.

G.S.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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