»Ich blute schrecklich aus Wunden...«

Zum 9. November: Lesung mit Werken der Holocaust-Überlebenden Hilda Stern Cohen

aww Hilchenbach. Hilda Stern Cohens Worte treffen tief. Sie sind Aufschrei, Empörung, Fassungslosigkeit, Anklage angesichts der menschenverachtenden Gräuel, die sie als ganz junge Frau, fast noch Mädchen, miterleben musste. Verabscheuungswürdige Taten, die sie an anderen, die sie an sich selbst getan sah. Hilda Stern Cohen war deutsche Jüdin in einer Zeit, in der diese Tatsache einem Todesurteil gleichkam. Sie erlebte die Deportation, das Getto, das KZ. Und, anders als viele andere: Sie überlebte. Ihre Erfahrungen mit einem entmenschlichten Deutschland vor mehr als 60 Jahren hielt sie in wortgewaltiger Dichtung fest, in Poesie und Prosa. Und hielt sie vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen. Erst nach ihrem Tod 1997 in den USA entdeckte ihr Mann, Dr. Werner Cohen, die sieben Schulhefte: das literarische Vermächtnis der Hilda Stern Cohen.

»Genagelt ist meine Zunge an eine Sprache, die mich verflucht«, lautete der Titel einer Lesung, die sich am Donnerstagabend in der Hilchenbacher Wilhelmsburg dieses Erbes annahm. Die hessische Schauspielerin Lilli Schwethelm lieh bei der Veranstaltung des Gebrüder-Busch-Kreises in Kooperation mit der Kreis-VHS, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland und dem Hilchenbacher Geschichtsverein den Arbeiten Hilda Stern Cohens ihre Stimme. Ihr Ehemann, Georg Crostewitz, stellte den Worten einfühlsame, lyrisch-melancholische Klänge auf der Konzertgitarre zur Seite. Der Abend fand statt im Rahmen der seit 1989 vom Busch-Kreis initiierten jährlichen Veranstaltungen zum 9.November 1938 – um an die Reichspogromnacht vor 68 Jahren zu erinnern und dazu beizutragen, so Geschäftsführer Hartmut Kriems, dass dieses Geschehen »nie, nie vergessen« wird.

Hilda Stern Cohen habe den Holocaust zwar überlebt, sagte Lilli Schwethelm, die ihre Vorträge mit ausführlichen Informationen zum Leben der Dichterin ergänzte, aber: »Ermordet wurde ihre Karriere – damit ist uns Deutschen etwas abhanden gekommen.« Denn später, in den USA, schrieb Hilda Stern Cohen nicht mehr. Erklärbar, so Lilli Schwethelm, am ehesten durch das Gedicht, das auch der Lesung ihren Namen gab: Die 1924 im oberhessischen Nieder-Ohmen (Vogelsberg) geborene Hilda Stern Cohen sah sich dem Konflikt gegenüber, eine Sprache zu sprechen und zu beherrschen, die zur Sprache der Mörder und Peiniger geworden war. Nach dem Krieg, als sie in Baltimore eine Familie gründete, legte sie die deutsche Sprache ab. Fortan wurde nur noch Englisch gesprochen.

Dass das hierzulande (noch) nahezu unbekannte Werk Hilda Stern Cohens überhaupt an die Öffentlichkeit geriet, ist Werner Cohen zu danken, der nach dessen Entdeckung auf die Suche nach Publikationsmöglichkeiten ging. Gehör fand er beim Goethe-Institut Washington, das schließlich die Arbeitsstelle Holocaustliteratur am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen um Mithilfe bat. Erschienen sind die Arbeiten Hilda Stern Cohens in der Schriftenreihe »Memento« der Arbeitsstelle Holocaustliteratur und der Ernst-Ludwig-Chambré-Stiftung zu Lich (Hilda Stern Cohen: »Genagelt ist meine Zunge«, Frankfurt 2003). Unter gleichem Titel haben Lilli Schwethelm und Georg Crostewitz 2005 ein Hörbuch zur Lesung herausgegeben.

Das »sehr kleine, aber feine, sehr bemerkenswerte Werk« (Schwethelm) der Hilda Stern Cohen bannte die wenigen Besucher in der Wilhelmsburg. Die Betroffenheit der Zuhörer wurde deutlich an der Stille, die sich nach Beendigung der offiziellen Lesung einstellte. Erst nach einigen weiteren Erläuterungen Lilli Schwethelms und zwei Anmerkungen aus dem Publikum hatte sich die Spannung so weit gelöst, dass der Augenblick, Beifall zu geben, angemessen erschien. Damit würdigte das Publikum die Leistung der beiden Künstler, nicht zuletzt Lilli Schwethelms, die die Texte engagiert, akzentuiert, mit facettenreicher Stimme und sichtlicher emotionaler Beteiligung vorgetragen hatte.

Das Ergreifende an den Werken von Hilda Stern Cohen, die 1941 zunächst ins Lodzer Getto und 1944 nach Auschwitz deportiert wurde und nach Kriegsende in einem so genannten »Camp for Displaced Persons« in Österreich auf ihre Emigration in die USA warten musste, sind nicht nur die unfassbaren Geschehnisse, die dort beschrieben werden, sondern vor allem der sehr persönliche Blickwinkel. In tief berührenden Worten schildert die Schriftstellerin, wie sie das Wimmern der Frauen und Kinder im Deportationszug und das Fauchen der Peitschen der Nazi-Wärter erlebte. Angesichts ihrer sterbenden Mutter hat sie den eigenen Tod vor Augen, und in einem Gebet bringt sie ihre Suche nach Gott zum Ausdruck, der allein ihr »Führer« sein soll. Verzweiflung spricht aus ihren Worten – »Ich blute schrecklich aus Wunden ohne Ende« –, aber auch Hoffnung in die Zukunft, wie in ihrem beeindruckenden Appell gegen den Krieg: »...auf dass die unnützen Tränen endlich aufhören zu fließen.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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