Toyoki Ogasawara hat Lebensgeschichte des Grunders übersetzt
Jung-Stilling auf Japanisch

Toyoki Ogasawara hat ein Faible für die deutsche Literatur der Romantik. Und er hält Jung-Stilling für einen der bedeutendsten Vertreter dieser Epoche. In seiner Freizeit hat der 56-Jährige die Lebensgeschichte Jung-Stillings ins Japanische übersetzt. Nach jahrelangem Bemühen fand sich ein Verlag, der das Werk druckte.
  • Toyoki Ogasawara hat ein Faible für die deutsche Literatur der Romantik. Und er hält Jung-Stilling für einen der bedeutendsten Vertreter dieser Epoche. In seiner Freizeit hat der 56-Jährige die Lebensgeschichte Jung-Stillings ins Japanische übersetzt. Nach jahrelangem Bemühen fand sich ein Verlag, der das Werk druckte.
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ihm Grund. „Jetzt sind wir um die Welt rum“, stellt Hans-Hermann Klein trocken fest. Der Grunder, der sich seit vielen Jahren um die Jung-Stilling-Stube im Geburtsort des großen Pietisten, Wissenschaftlers und Literaten kümmert, hält das grüne Buch mit dem blau-gelben Einband wie einen Schatz in der Hand. Lesen kann er kein einziges Wort der japanischen Schriftzeichen, und doch weiß er genau, was auf den 500 Seiten steht. Die „Lebensgeschichte“ ist es, die Johann Heinrich Jung gen. Stilling aufgeschrieben hat.

Jung-Stilling auf Japanisch – das ist eine neue Dimension. Der große Sohn des Dörfchens Grund (1740 - 1817) hat ein reiches Schrifttum hinterlassen, das in viele Sprachen übersetzte wurde. Japan war noch ein weißer Fleck auf der Stilling-Landkarte. Germanist Toyoki Ogasawara hat diese Lücke nun geschlossen.

Toyoki Ogasawara begeistert von deutscher Literatur

Wie kommt ein Japaner auf Jung-Stilling? Toyoki Ogasawara ist begeistert von der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts und hat sich intensiv mit der Romantik beschäftigt. Goethe, Schiller, Lessing. Herder – vielesliege in japanischer Übersetzung vor, berichtet er. „Aber kein Jung-Stilling!“

Als junger Student, mit 23 oder 24 Jahren, habe er die „Lebensgeschichte“ Jung-Stillings gelesen. „Danach ist ein Vierteljahrhundert geflossen und als ich über 50 geworden bin, habe ich sie noch einmal gelesen, weil ich mich gut an das Werk erinnert habe“, erzählt er der SZ-Redakteurin am Telefon. Die Idee einer Übersetzung war geboren.

"Eigentlich geht es um Selbstfindung.
In diesem Punkt ist die Lebensgeschichte sehr modern."

Toyoki Ogasawara
Jung-Stilling-Übersetzer

Toyoki Ogasawara hält die vier Bücher der Lebensgeschichte, die er übersetzt hat, für unvermindert aktuell: „Sie hat noch eine große Anziehungskraft für heutige Leser!“ Warum? „Henrich Stilling hat manche Berufe erfahren, nämlich Schneider, Lehrer, Betreiber einer Firma, Arzt, Professor und Schriftsteller. Nachdem er einen Beruf erworben hat, den er lange gewünscht hat, denkt er, nein, das ist nicht der Beruf, für den Gott ihn vorgesehen hat. Diese Gemütsbewegung kennen viele gegenwärtige junge Leute. Heutzutage haben sie große Mühe, ihren Beruf oder Arbeitsplatz zu finden.“ Und weiter: „Eigentlich geht es um Selbstfindung. In diesem Punkt ist die Lebensgeschichte sehr modern.“

Europareise führte nach Grund

Die Begeisterung führte den Japaner 2018 bei einer Europareise sogar nach Grund. Er rief bei Hans-Hermann Klein an und bat um eine Führung durch die kleine Jung-Stilling-Ausstellung im Dorf, wo Jung-Stillings Geburtshaus stand. Die Aufgabe übernahm Peter Lutz. Der Lehrer, der vor einigen Jahren nach Grund gezogen ist, ist Jung-Stilling-Kenner und zeigte dem Besuch aus Japan nicht nur die Stube, sondern weitere Erinnerungsstätten in Hilchenbach. Auch auf die Ginsburg ging die Fahrt.

Toyoki Ogasawara erinnert sich mit Entzücken an den wunderschönen Sommertag in Grund und an die herrliche Landschaft. Jung-Stillings innige Schilderungen von Wald und Flur, von Bergen und Tälern fand er nun in der Realität bestätigt. Peter Lutz: „Er war im siebten Himmel, als er das alles hier sah.“

Übersetzung dauerte drei Monate

Nur drei Monate brauchte Toyoki Ogasawara, von Beruf Verlagsangestellter, für die Übersetzung der Lebensgschichte. Einen weiteren Monat widmete er dem Vorwort von Dieter Cunz. Aber als das Werk fertig war, dauerte es drei Jahre, bis der Germanist einen Verlag fand, der die Übersetzung druckte. Vor wenigen Wochen schickte er eines der 600 Exemplare der Erstauflage per Post nach Grund. Hans-Hermann Klein: „Wir werden es natürlich in der Jung-Stilling-Stube ausstellen.“

Unterdessen hat der Jung-Stilling-Freund aus Matsudo, einer Großstadt nördlich von Tokio, schon ein neues Manuskript fertig. Jung-Stillings „Theorie der Geisterkunde“ liegt übersetzt in seinem Arbeitszimmer. „Ich wünsche mir, dass auch dieses Werk gedruckt wird. Dazu ist es wichtig, dass sich die Lebensgeschichte gut verkauft. Deshalb schicke ich jetzt fleißig Exemplare an die wichtigen Rezensenten.“

Spalte für Spalte Die japanische Jung-Stilling-Übersetzung kehrt die westlichen Lesegewohnheiten buchstäblich um. Dieses Buch liest man von der letzten bis zur ersten Seite. Die Seiten sind quer bedruckt, jeweils zwei Spalten. Die kunstvollen japanischen Schriftzeichen werden von rechts oben nach links unten gelesen. Toyoki Ogasawara hat für die Übersetzung mehrere deutsch-japanische Wörterbücher und das deutsche Bedeutungswörterbuch des Duden-Verlags benutzt. Die etwas altertümliche Sprache Jung-Stillings war für ihn kein Problem – als Student hat er sogar das Nibelungenlied in Mittelhochdeutsch gelesen. Wenn es Verständnisprobleme gab, hat er zwei englische und eine französische Übersetzung des Buchs zu Rat gezogen – „das war sehr praktisch!“
Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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