Jung-Stillings Eheringe sind heimgekehrt

Kerpener Nachfahren überraschten mit sensationellem Fund: 13 persönliche Briefe des Universalgenies

sob Grund. Mensch, ist das ein Ding! Und im Grunde genommen sind es sogar deren zwei. Zwei Eheringe nämlich, die jetzt den Weg ins Siegerland zurückgefunden haben. Nichts Außergewöhnliches? Und was, wenn die Ringe einem der berühmtesten Söhne des Siegerlands gehörten, Johann Heinrich Jung, genannt Jung-Stilling (1740-1817)? Und was, wenn neben den Ringen auch noch zwei Medizin-Rezepte und 13 Briefe aus der Feder des Siegerländer Universalgenies aufgetaucht sind? So geschehen in diesen Tagen im Jung-Stilling-Dorf Grund. Und so sensationell wie die rund 200 Jahre alten Fundstücke selbst, so sensationell ist die Geschichte, die zu ihrer Rückführung geführt hat:

Es ist Mitte Juni. Hans-Hermann Klein, ehemaliger Ortsvorsteher des Jung-Stilling-Dorfs und stellv. Vorsitzender des Heimatvereins, genießt die Ruhe in dem idyllischen Ort am Fuße der Ginsburg. Da klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Heidemarie Friedrichs aus Kerpen. Es ist in diesen Tagen nicht ihr erster Anruf nach Hilchenbach. Denn die Telefonnummer von Hans-Hermann Klein hatte sie kurz zuvor von der Stadtverwaltung bekommen. Die Kerpenerin war auf der Suche nach einem Ansprechpartner, der sich mit Jung-Stilling auskennt. Und weil Hans-Hermann Klein seit vielen Jahren Besucher betreut und sie durch die Jung-Stilling-Stube des Siegerländer Heimat- und Geschichtsvereins führt, landet Heidemarie Friedrichs mit ihrer Anfrage an passender Stelle, nämlich bei Kleins an der Grunder Jung-Stilling-Straße 10.

Was die Kerpenerin Hans-Hermann Klein am Telefon berichtet, lässt den Heimatfreund Junisonne und Kuchenduft umgehend vergessen. Sie sei eine Nachfahrin von Jung-Stilling aus dessen dritter Ehe mit Elisabeth »Elise« Coing. Und da sie und ihr Mann nicht mehr die Jüngsten seien, suche sie nun nach einem passenden Ort, an dem die Eheringe ihrer Vorfahren, die möglicherweise noch zu deren Lebzeiten zu einem Medaillon mit Jung-Stillings-Portrait verschmolzen worden waren, für die Zukunft eine dauerhafte Bleibe finden könnten. Begleitet von einem ganzen Ordner von Briefen Jung-Stillings, die in der Familie der Kerpenerin ebenfalls über Generationen weitergereicht worden waren. Für Hans-Hermann Klein ist die Sache klar: Kein Ort des Welt ist für diese Schätze geeigneter als die Jung-Stilling-Stube im Geburtsort des berühmten Arztes, Wissenschaftlers und religiösen Denkers.

Die Einladung nach Grund ist am Telefon schnell ausgesprochen, aber dann dauert es doch bis zum 12. Oktober, bis Heidemarie Friedrichs und ihr Mann Egon Zeit und Gelegenheit finden, nach Grund zu kommen. Was ihnen Hans-Hermann Klein und seine Ehefrau Renate zeigen und berichten, beeindruckt: die Jung-Stilling-Stube, den Jung-Stilling-Pfad, das aus der Hilchenbacher Kirche stammende Fensterbild des Denkers im Vereinshaus der Ev. Gemeinschaft, Gedichte von und über Jung-Stilling und vieles, vieles mehr. In einem Brief schreiben die Friedrichs nach ihrem Besuch an ihre Grunder Gastgeber: »Wir waren sehr davon angetan, wie liebevoll sein Andenken in seinem Geburtsort gepflegt wird, und sind uns sicher, dass seine Briefe und der Anhänger hier in guten Händen sind.« Und damit hat die Jung-Stilling-Nachfahrin sicher Recht. Die Schätze werden derzeit noch von Hans-Hermann Klein verwahrt, aber sie sollen eines nicht so fernen Tages in einer gesonderten Vitrine in der Jung-Stilling-Stube auch für die Allgemeinheit zu sehen sein. Und die kommt aus allen Teilen der Welt: Besucher aus Kasachstan, Schweden, den USA, sie alle hat Hans-Hermann Klein schon durch das kleine Museum geführt.

Dokumentiert ist der Sensationsfund bereits, das hat per Kamera und Scanner Karl-Heinz Rackel übernommen, Kassierer im Grunder Heimatverein. Die Schriftstücke indes dürften sich für die Jung-Stilling-Forschung noch als wahre Fundgrube erweisen. Neben zwei Rezepten, die Jung-Stilling während seiner Zeit in Marburg ausgestellt hatte, sind es insgesamt 13 von Jung-Stilling geschriebene Briefe aus der Zeit zwischen 1803 und 1815. Damals lebte das Universalgenie in Heidelberg und in Karlsruhe, wo Jung-Stilling als Berater Karl Friedrich von Badens und als Schriftsteller wirkte. Es sind persönliche Briefe an die Schwester seiner dritten Ehefrau und an andere Verwandte, und so werden sie im Zuge ihrer wissenschaftlichen Auswertung sicher auch manch Persönliches über den Verfasser offenbaren.

Seine letzte Ruhestätte gefunden hat der berühmte Sohn des Siegerlands, dem in drei Ehen 13 Kinder geschenkt worden waren, in Karlsruhe. Nach einer Umbettung wegen einer Straßenbaumaßnahme, so berichtet Hans-Hermann Klein beim gestrigen SZ-Besuch, findet sich sein Grab und das seiner dritten Ehefrau auf dem dortigen Zentralfriedhof. Die beiden Grabkreuze aber sind heute im Hilchenbacher Stadtmuseum zu sehen. So lebt das Andenken an einen großen Menschen in seiner Heimat in vielfältiger Weise fort, und es wird nun mit den jahrhundertealten Dokumenten neu belebt.

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