»Karschten« sorgt für warme Füße

Maren Eick ist passionierte Filzerin / Dahlbrucher Familie hält vierbeinige Woll-Lieferanten

Dahlbruch. Bock »Karschten« hatte es in den vergangenen Monaten recht gut: Gemeinsam mit den drei Schafsdamen Sarah, Bärli und Ronja zog der braune Woll-Lieferant vom Allgäu ins schöne Siegerland und verbrachte dort etliche vergnügliche Stunden in – wechselnder – Zweisamkeit. Mittlerweile ist das Grüppchen auf 13 Mitglieder angewachsen – im Juli erst kamen »Rasputin« und »Bübchen« zur Welt – und futtert sich derzeit durch saftige Wiesen zwischen Ruckersfeld und Oechelhausen. Doch wie war es zu dem Ortswechsel gekommen? Im Süden der Republik hatte die Dahlbrucher Familie Eick/Barghorn das Quartett »eingeladen« – denn im Allgäu hatten sie auch rund fünf Jahre zuvor ihre Liebe zu den Bergschafen entdeckt. Viel älter aber ist schon die Passion von Maren Eick für die Verarbeitung der Schafswolle. Beschränkte sich diese bis zu besagtem Urlaub auf das Spinnen und Weben, so erblickte sie gemeinsam mit Ehemann Karsten – der »Namenspate« des Allgäuer Vierbeiners – auf der Suche nach einem neuen Urlaubs-Quartier plötzlich Frauen, die im Garten Wolle zu Filz verarbeiteten. Maren Eick erinnert sich an die sofort erfolgte Kontaktaufnahme: »Da hatten wir plötzlich eine Unterkunft und ab sofort ein neues Hobby.« Seitdem nämlich wird an der Dahlbrucher Hochstraße unermüdlich gefilzt. Im Sommer vergangenen Jahres wurden dann die Rohstoff-Lieferanten im nördlichen Siegerland eingebürgert. Vom Füttern der Tiere bis zum Verkauf aus ihrer »Behaarung« angefertigter Gegenstände haben die Dahlbrucher nun alle Arbeitsgänge in ihren Händen.

»Puschen« und Hüte der Renner

Vor allem wasserundurchlässige Filzhüte, aber auch mollig-warme Pantoffeln, Sitzkissen und Decken made in Dahlbruch finden reißenden Absatz. Bei der Eröffnung des Rothaarsteigs im Frühjahr waren die Wanderfreunde so begeistert von dem originellen Kopfschutz, dass Maren Eick mit der Produktion kaum hinterher kam. Rund drei Stunden filzt sie an einem Hut. Komplettiert wird das Eicksche Angebot weiterhin von Rasselbällen für Kinder, Puppen und Figuren. Maren Eick hat ihr Hobby mittlerweile professionalisiert, ein Gewerbe angemeldet und bestückt mit ihren Filzwaren regelmäßig Märkte. Ehemann Karsten Barghorn bereitet die ganze Angelegenheit ebenfalls eine Menge Spaß: Die Hege und Pflege der wolligen Vierbeiner hilft ihm beim Entspannen am Feierabend, Frau Maren lässt ihren Gedanken beim Stunden langen Filzen freien Lauf. Zweimal im Jahr, im späten Frühjahr und im Winter, werden Bock »Karschten« und Anhang geschoren – seit kurzem übrigens elektrisch. Zuvor absolvierte Karsten Barghorn aber einen Schaf-Scher-Kurs bei einem Profi, der bereits bei Schurwettkämpfen in Neuseeland Erfahrungen gesammelt hatte: »Die Verletzungsgefahr ist bei der elektrischen Schur sonst zu groß«, weiß der Dahlbrucher. Rund zweieinhalb Kilo Wolle werden pro Tier »abrasiert«, nur ganz sauberes Material wird weiter verarbeitet. Die Wolle wird zunächst gewaschen und kardiert, also gekämmt, und anschließend auf dem heimischen »Ollern« gelagert. Anhand der Farbe der Wolle kann Familie Eick/Barghorn immer genau nachvollziehen, welches Schaf für welchen Pantoffel »geliefert« hat. Für das Filzen sind viel Fingerspitzengefühl und vor allem Geduld vonnöten. Maren Eick hat spezielle Schablonen, Modelle und Leisten für ihre Hüte und »Puschen« in verschiedenen Größen, um welche die feinen Wolllagen gelegt werden. Anschließend wird warmes Wasser über das Vlies gegossen, wird die Wolle in Handarbeit gerieben, geknetet und nochmals gerieben, bis die einzelnen Schichten ineinander verwoben sind. Dabei wird die Fähigkeit der Wollhaare genutzt, unter Einwirkung von Druck oder Reibung, Feuchtigkeit und Wärme eine unentwirrbare Fasermasse zu bilden. Filz zeichnet sich dann durch hohe Reiß- und Scheuerfestigkeit aus und kann lange Zeit Wärme halten. Mit farbiger »Märchenwolle« zaubert Maren Eick auch allerlei Motive auf Hausschuh und Co. Ein etwas trauriger Ausblick: »Karschtens« Tage im Kreise seiner Lieben sind gezählt – nach spätestens drei Jahren wird er einem neuen Bock Platz machen müssen, damit Inzest vorgebeugt wird. Vielleicht kehrt er auf seine »alten Tage« wieder in die süddeutsche Heimat zurück. Im Siegerland aber bleiben dann, neben den Gedanken an den agilen Bock, sicherlich auch zahlreiche handfeste »Souvenirs« zurück: Vor Regen schützende Hüte, gemütliche »Haus-Puschen« und wärmende Sitzkissen sowie seine Enkel und Urenkel werden an »Karschtens« Intermezzo erinnern. nja

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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