Kein Kuschel-Kabarett

Der Dresdner Kabarettist Uwe Steimle brachte gepflegtes Sächsisch ins Busch-Theater in Dahlbruch nahe „Siechen“. Foto: aww
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aww Dahlbruch. „Wir haben zwar kein Streusalz, aber Haubitzen für Afghanistan.“ Uwe Steimle macht kein Kuschel-Kabarett. Den Krieg in Anführungszeichen zu schreiben, hält der Dresdner für pervers, ihn nicht als das zu benennen, was er ist, für zynisch. Am Abend des Tages, als die Nachricht von vier weiteren toten Bundeswehrsoldaten in Afghanistan unsere Republik erschüttert, steht Steimle auf der Bühne des Dahlbrucher Gebrüder-Busch-Theaters vor einem großen Publikum. Und er macht es ihm nicht leicht. Er lässt es viel lachen, er lässt es sich amüsieren, o ja, aber er lässt es auch viel nachdenken und manchen Lacher ungelacht hinunterschlucken, denn er ist in seinem Solokabarett unter dem Motto „Uns fragt ja keener“ alles andere als nur der Witzbold vom Dienst.

Und gerade in seinen ernsten Momenten trifft er zuweilen den Nerv des Publikums da, wo er am empfindsamsten ist – und bekommt dafür spontanen Beifall. Beispielsweise, wenn er zur neuen Mode- Eigenschaft des Authentisch-Seins feststellt: „Wer am besten lügt und dabei glaubwürdig wirkt und eine Spur ,authentisch‘, der ist ein gemachter Mann.“ Nun ist aber auch nicht alles in der Veranstaltung des Gebrüder-Busch-Kreises ganz „furschbor“ (das Lieblingswort der Sachsen, wie das Publikum lernt) bedeutungsschwanger, sondern vieles auch schlicht alltäglich, banal, einfach nur witzig. Bei Letzterem hilft der Dialekt selbstverständlich mit. Auch wenn Steimle Sachse aus Überzeugung ist, wird er den humorvollen Aspekt seiner Aussprache – er beehrt seine Zuhörer mit „feinem Dresdner Sächsisch“ – durchaus ins Kalkül gezogen haben. Selbstironie jedenfalls liegt ihm nicht fern.

Immer wieder in die Rollen der Kultfiguren Ilse Bähnert (89 Jahre, zwei Diktaturen erlebt) und Günther Zieschong (55 Jahre, eine Diktatur erlebt) schlüpfend, erzählt Steimle Geschichten – fein mit Überschriften versehen –, die er gerne unterbricht, in die er hier und da eine Anekdote einflicht, wobei er vom berühmten Hölzchen aufs ebenso namhafte Stöckchen zu kommen pflegt.

Um den „Standort Deutschland“ geht es und um die Flutkatastrophe, um die Schweinelende, die es heutzutage – 20 Jahre nach der „Kehre“ – immer frisch und ohne Bestellung gibt, um „Kaffeedurscht“ auf „Bouhnenkaffee“, was gar nicht so simpel ist, wie es klingt, wenn man im Berliner Kaffee-Shop seinem Latte macchiato einen Namen geben soll, um „Dünnes-Volumen-Shampoo mit fluff it up“ und wahlweise als Tabletten oder Gleitgel erhältliches Aspirin. Es geht darum, was Angela Merkel gesagt hat, das Honecker schon 1989 gesagt hat, und um „Wellness“, diese „neue Begrifflichkeit“, geht es auch. Was dem Dresdner 1987 seine Kurbrötchen mit „Leinsamen und Schrotgelumpe“ aus der Kaufhalle, das waren ihm nach der Wende die westlichen Wellness-Semmeln. Schon damals hätte er daraus aber schließen müssen, was da aus dem Westen mitkommt: „Luft!“ Allerdings: „Es war auch nicht alles nur gut in der DDR“, weiß auch Uwe Steimle.

Mal warnt der Kabarettist eindringlich vor der „Entsolidarisierung der Gesellschaft“, was dann gar nicht lustig (gemeint) ist, ein anderes Mal reißt er einfach einen schönen Witz zum Bauchhalten: „Kennen Sie den Unterschied zwischen den Russen und dem Westen? Die Russen sind wir losgeworden …“ Naja, andererseits hat es ja auch 40 Jahre gedauert, sich vom Sozialismus zu befreien. Vielleicht, wer weiß …Auch auf seinen TV-Kommissar Hinrichs – die Rolle gab er bekanntlich nicht freiwillig auf – kommt Steimle zu sprechen. Einen kurzen Seitenhieb auf die Verantwortlichen des NDR erspart er sich nicht, doch zeigt er sich auch dankbar für die Zeit beim „Polizeiruf 110“. Grandios ist die Nummer mit der Selbstvermarktung in Sachen Mann auf Frauensuche, mit der Steimle das Programm beendet – um sich dann mit einer herrlichen Honecker-Parodie und einem Eichendorff-Gedicht als Zugaben zu verabschieden.

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