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Coronafalle zugeschnappt
Kirgisen hängen seit Monaten in Deutschland fest

Das wird in diesem Jahr nichts mehr: Normalerweise ist Talant Asemov (M.) Reiseführer in seiner Heimat Kirgistan – vor allem für deutsche Touristen.
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  • Das wird in diesem Jahr nichts mehr: Normalerweise ist Talant Asemov (M.) Reiseführer in seiner Heimat Kirgistan – vor allem für deutsche Touristen.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

js Allenbach. Diese Reise sollte etwas ganz Besonderes werden. Man wird schließlich nur einmal 50, dachte sich Talant Asemov und drehte den Spieß einmal um. Statt Touristen durch die prachtvollen Landschaften seiner Heimat zu führen, wollte er erstmals mit seiner Frau durch das Land reisen, aus dem die meisten seiner Gäste stammen: Am 1. März kamen die beiden Kirgisen nach Deutschland. Ein paar Wochen wollten sie hier verbringen – dass daraus nun schon mehr als dreieinhalb Monate wurden, ahnten sie nicht. Die Asemovs hängen in der Coronafalle fest.
Steiniger WegSchon im Vorfeld ihres Urlaubs landeten immer wieder Steine im Weg des Ehepaars. Ein Monatsvisum zu erhalten, war kein leichtes Unterfangen.

js Allenbach. Diese Reise sollte etwas ganz Besonderes werden. Man wird schließlich nur einmal 50, dachte sich Talant Asemov und drehte den Spieß einmal um. Statt Touristen durch die prachtvollen Landschaften seiner Heimat zu führen, wollte er erstmals mit seiner Frau durch das Land reisen, aus dem die meisten seiner Gäste stammen: Am 1. März kamen die beiden Kirgisen nach Deutschland. Ein paar Wochen wollten sie hier verbringen – dass daraus nun schon mehr als dreieinhalb Monate wurden, ahnten sie nicht. Die Asemovs hängen in der Coronafalle fest.

Steiniger Weg

Schon im Vorfeld ihres Urlaubs landeten immer wieder Steine im Weg des Ehepaars. Ein Monatsvisum zu erhalten, war kein leichtes Unterfangen. Allein war Talant Asemov schon öfter in dem Land, dessen Sprache er studiert hat und fantastisch spricht; das grüne Licht für Reisen zu zweit aber ist keine Selbstverständlichkeit. Erst wenige Tage vor dem Abflug aus Bischkek kam das Okay. Normalerweise feiern Kirgisen den 50. Geburtstag mit einem gewaltig großen Fest, zu dem ein Pferd geschlachtet wird. „Ich habe der Botschaft geschrieben, dass ich das nicht möchte“, schmunzelt Asemov über die erfolgreiche Begründung für die Reiseerlaubnis. „Retten Sie ein Pferd!“, lautete der erhörte Appell. Dem Traum von der Europatour stand nichts mehr im Weg.

Keine Warnung der deutschen Botschaft

Auch wenn das Coronavirus zu diesem Zeitpunkt bereits heftig im fernen China gewütet hatte und auch in Europa die ersten Infektionen vermeldet wurden, hatte die deutsche Botschaft die Kirgisen nicht gewarnt. Nur eine habe das getan: Renate Shimada. Die Allenbacherin, als frühere Leiterin des Gymnasiums Stift Keppel als Senior-Expertin nach mehreren Aufenthalten vor Ort eng mit Kirgistan verbunden, habe geraten, die Reise besser nicht anzutreten angesichts der diffusen Covid-19-Aussichten. Heute wissen die Asemovs: Die Sorge ihrer Freundin war berechtigt. Denn nur wenige Tage nach der Ankunft in Deutschland wurde der Reiseplan der beiden Kirgisen mächtig durcheinandergewirbelt.

Ehepaar bietet Reisen durch Kirgistan an

Auf zwei Messen hatten die Asemovs Kontakte knüpfen wollen. Seit anderthalb Jahrzehnten betreiben die beiden ein Familienunternehmen, das individuelle Reisen durch Kirgistan anbietet – u. a. für Wanderer, Radsportler und Motorradfahrer. Auf der Motorradmesse in Dortmund hatten sie noch Glück. „Da waren wir noch froh, dass wir wirklich geflogen sind.“ Fruchtbare Gespräche ließen auf eine vielversprechende Saison schließen. Die Absage der großen ITB in Berlin hingegen hat auch die Tourismusprofis nervös gemacht. Zusätzliche wurde in der Heimat Panik geschürt: Die Familie in Kirgistan hatte in den russischen Nachrichten von angeblich desaströsen Zuständen in Deutschland gehört („Die Menschen sterben auf der Straße!“) Auch wenn das mediale Zerrbild keineswegs mit der Realität übereinstimmte, machten sich Gulnara und Talant Asemov zunehmend Sorgen. Am 11. März fiel daher die Entscheidung: Es sollte zurückgehen nach Bischkek.

Kein Rückflug möglich

Das allerdings war leichter gesagt als getan: Die Rückflüge nach Kirgistan – es es bestehen nur Verbindungen über die Türkei oder Moskau – wurden mehrfach abgeblasen. Als ein letzter Flieger von Berlin über Moskau gehen sollte, strandeten die Asemovs in der Hauptstadt. Beim Einchecken wurden sie abgewiesen, Russland ließ keine Ausländer mehr ins Land. Mitten in der Nacht galt es für die beiden Reisenden, eine Bleibe zu finden. Mehrere Hotels wiesen sie ab, neue Gäste waren nicht mehr willkommen. Für ein paar – schlaflose – Stunden fanden sie ein Zimmer, das sie am kommenden Morgen jedoch wieder verlassen mussten. Die Asemovs standen auf der Straße, ohne Unterkunft und ohne Aussicht, den weiten Weg nach Hause antreten zu können.

Bekannter teilt Schicksal in Kirgistan

Bei Freunden wie Renate Shimada unterzukommen, kam nicht in Frage – die Asemovs wollten niemandem zur Last fallen, hätten zudem ohnehin nicht als Gäste in einem fremden Haushalt einziehen können, wollten keine Risiken eingehen. Ihr Glück im Unglück: Ein deutscher Bekannter, der zur selben Zeit aus demselben Grund in Kirgistan festhing, bot ihnen seine freistehende Wohnung in Böblingen an. Die Kirgisen stehen also nicht auf der Straße.

Andere trifft es schlimmer

Mitte Juni hat sich noch immer nichts getan im Fall Asemov. Nach wie vor haben sie keine Chance zurückzukehren. Gut dreieinhalb Monate sind sie nun schon von ihren Lieben getrennt, auch von ihren Kindern im Alter von 25, 20 und zwölf Jahren sowie der kleinen Enkelin. Das ist hart, Verzweiflung kam indes nie auf. In Deutschland festzuhängen, ohne Einkünfte und mit unklaren Aussichten, habe sie vor einem schlimmeren Schicksal bewahrt: Zahlreiche Landsleute hängen in Transitbereichen von Flughäfen fest, in Moskau etwa oder in Kasachstan. Noch härter hat es diejenigen getroffen, die als Gastarbeiter in Russland tätig sind und den Landweg in die Heimat angetreten haben – sie hängen nun fest im Niemandsland zwischen Russland und Kasachstan. Kein Vor, kein Zurück: coronabedingte Flüchtlingslager zwischen den Bruderstaaten der früheren Sowjetunion.

In der Not viel gelernt

„Wir haben viel dazugelernt“, berichten die Asemovs, als sie nach den Lockerungen in Deutschland endlich ihre Allenbacher Freundin besuchen. Aus Winterkleidung (geplant war schließlich nur eine März-Reise) hat Gulnara selbst sommerliche Outfits geschneidert. Talant kann nun Haare schneiden und schreibt zudem seine Erlebnisse nieder. Hilfsbereite Deutsche haben den beiden Kirgisen unter die Arme gegriffen, haben ihnen Lebensmittel geschenkt und ein Auto geliehen. Kunden, die für dieses Jahr geführte Touren mit Talant gebucht hatten, haben ihre Reisen auf kommendes Jahr verschoben. Sie versuchen, die Situation mit Humor zu nehmen, auch wenn schon so manche Träne geflossen ist. Von Rückholaktionen wie der der Bundesrepublik Deutschland können die Kirgisen nur träumen.

Zukunft ungewiss

Wann werden die Asemovs den Heimweg antreten können? Noch ist das sehr ungewiss. Ob der für Juli gebuchte Flug stattfinden und sie mitnehmen wird, bleibt abzuwarten. Die Asemovs haben ihr Leben neu justiert, Prioritäten verschoben. Auch wenn die berufliche Zukunft in den Sternen steht, auch wenn sie ohne staatliche Hilfen wieder auf die Füße kommen müssen, versuchen sie, das Positive in der weltweiten und persönlichen Krise zu sehen. „Wir sind uns als Familie noch näher gekommen“, sagt der 50-Jährige. Die Asemovs möchten sich künftig noch mehr Zeit füreinander nehmen, lautet ihre Lehre aus der unfreiwilligen Fernbeziehung zu den Kindern. Das Lachen haben sie jedenfalls noch nicht verlernt. Jan Schäfer

Das wird in diesem Jahr nichts mehr: Normalerweise ist Talant Asemov (M.) Reiseführer in seiner Heimat Kirgistan – vor allem für deutsche Touristen.
Aus einer Fernreise wurde ein unfreiwilliger Auslandsaufenthalt: Gulnara und Talant Asemov aus Kirgistan sitzen seit März in Deutschland fest.
Autor:

Jan Schäfer (Redakteur) aus Siegen

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