Kurt Gerstein – ein fast vergessener Held

Costa-Gavras-Film »Der Stellvertreter« in Dahlbruch / Autor Rolf Hochhuth und Gerstein-Neffe diskutierten mit

Dahlbruch. Es gibt Helden, die kaum einer kennt. Während die Namen der größten Nazi-Verbrecher Fixpunkte der Zeitgeschichte sind, wissen die Deutschen – bis auf wenige Ausnahmen – erschreckend wenig über die tapferen Menschen aus ihrer Mitte, die sich der braunen Flut, oft unter Einsatz ihres Lebens, entgegengestemmt haben. Als Beispiel nennt der Schriftsteller und Theaterautor Rolf Hochhuth Johann Georg Elser, der versuchte – und das wäre gerade noch rechtzeitig gewesen – Hitler in die Luft zu sprengen. Kurt Gerstein, einen anderen dieser fast vergessenen Helden, rückt jetzt die Verfilmung von Hochhuths 1963 in Berlin von Piscator uraufgeführtem Drama »Der Stellvertreter« wieder (zumindest ein wenig) in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses.

Heute, am Montag, Dienstag und Mittwoch (jeweils 19.30 Uhr) ist der Film des renommierten Regisseurs Costa Gavras (u. a. »Z«, »Vermisst«, »Music Box«) im Dahlbrucher »Viktoria« zu sehen. Zur Premiere im nördlichen Siegerland hatten Kino-Chef Jochen Manderbach und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland Rolf Hochhuth zu einer Lesung (organisiert von der Siegener Buchhandlung MankelMuth) eingeladen. Ein Glücksfall war bei der sich an den Film anschließenden regen Diskussion die Anwesenheit des in Siegen lebenden Klaus Gerstein, ein Neffe von Kurt Gerstein, der sich seit langem, inzwischen mit Erfolg, für die Rehabilitierung seines Onkels einsetzt.

Kurt Gerstein, am 11. August 1905 in Münster geboren, schließt sich nach der Schule dem Christlichen Verein junger Menschen an. Während des Studiums, das er 1931 als Ingenieur beendet, wächst sein Glaube. Zwei Jahre später, so die Biographie in den Unterlagen zum Film, tritt er auf Wunsch der Familie und zur Förderung seiner Karriere, in die NSDAP ein. Da er sich jedoch weiterhin für die Kirche engagiert, verhaftet ihn die Gestapo. Er sitzt im Gefängnis und wird zeitweise aus der Partei ausgeschlossen. 1938 landet er sogar im Konzentrationslager Welzheim. Ihm wird vorgeworfen, die Mitglieder des Hochschul-Bibelkreises gegen die atheistische Ideologie der Nazis zu immunisieren.

Die vermeintliche Kehrtwende 1940. Kurt Gerstein tritt der SS bei. Ein Jahr später sogar der Waffen-SS. Er erklärt dies verständnislosen Freunden so: Er wolle einen Blick in das »Zentrum des Bösen« werfen. Grund könnte aber auch die Ermordung seiner geistig verwirrten Schwägerin im Rahmen des Euthanasie-Programms sein. Auf Grund seines Medizin- und Ingenieur-Studiums setzen ihn seine Vorgesetzten im so genannten Hygiene-Institut der Waffen-SS ein. Es gehört zu seinen Aufgaben, Tests mit dem zur Massenvernichtung der Juden eingesetzten Gas Zyklon B zu machen. Gerstein gewinnt, wie geplant, Einblicke in die systematische Massen-Ermordung jüdischer Menschen in Belzec und Treblinka. Die Verbrechen hält er im später berühmten Gerstein-Report fest.

Ab sofort versucht der »Spion Gottes« die Lieferungen mit dem Mörder-Gas zu sabotieren und die Welt auf das unvorstellbare Grauen aufmerksam zu machen. Der gläubige Protestant – und das ist verbürgt – berichtete Autoritäten der konfessionellen Kirche und Diplomaten von den Verbrechen, versucht den päpstlichen Nuntius zu treffen. Aber es geht kein Aufschrei um die Welt, die Diplomaten und Kriegstaktiker und auch Papst Pius XXII. schweigen. Zumindest öffentlich. Nach dem Krieg wird Gerstein verhaftet. Dessen angeklagt, was er bezeugen will. Erhängt findet man ihn im Juli 1945 in seiner Zelle im Pariser Militärgefängnis Cherche Midi auf. Angeblich Selbstmord...

Diese These bezweifeln Rolf Hochhuth und Klaus Gerstein. Während Hochhuth glaubt, dass ehemalige Kumpane aus der SS weitere Aussagen verhindern wollten, geht Klaus Gersteins Verdacht in eine andere Richtung. Die französischen Richter und Polizeioffiziere seien die gleichen gewesen wie in der Vichy-Zeit.

Vom Film ist Klaus Gerstein überzeugt. Auch wenn nicht alles Historie sei, hätten viele Szenen auf ihn gewirkt wie aus einem Dokumentarfilm: »Mein Onkel ist in diesem Film leibhaftig geworden.« Sicherlich ein Verdienst Ulrich Tukurs, der als Kurt Gerstein ebenso überzeugt wie Ulrich Mühe in der Rolle des gewissenlosen Doktors (der Name Mengele fällt nicht) und Mathieu Kassovitz als (nicht historisch verbürgter) Priester Ricardo Fontana. Überhaupt sind auch die kleinen Rollen adäquat besetzt, so dass der Film mit seiner oft packenden Bildsprache den Zuschauer über zwei Stunden lang fesselt. Costa Gavras bringt die unfassbaren Gräuel – vielleicht kann man diese abnormen Grausamkeiten ja gar nicht zeigen – nicht auf die Leinwand. Aber immer wieder ziehen unter Volldampf stehende Dampflokomotiven Waggons zu den Todesfabriken. Auf der Hinfahrt sind die Viehwagen hermetisch abgeriegelt. Nach dem Ausladen der »Einheiten« rattern sie auf der Suche nach neuen Opfern mit weit geöffneten Türen – wie gierige Schlünde – zurück.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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