»Mangelnde Ausbildungsreife« der Schulabgänger

IHK-Runde mit Ausbildungsleitern und Vertretern der Schulen / Tarifpolitik hat die Schwächeren »wegdefiniert«

ewi Dahlbruch. Die Unternehmen klagen darüber, dass sich die Qualität der Abgänger aller Schularten in den letzten Jahren nochmals verschlechtert hat. Anlässlich eines »Workshops« der IHK Siegen über das Thema »Mangelnde Ausbildungsreife von Schulabgängern«, bei der die SMS Demag in Dahlbruch als Gastgeber fungierte, zeichneten am Mittwoch Sprecher namhafter Firmen der Region vor Vertretern von 21 Schulen (Haupt- und Realschulen, Gymnasien und Gesamtschulen) ein beklemmendes Bild.

IHK-Geschäftsführer Klaus Gräbener, der den Workshop moderierte, betonte allerdings auch, dass erfahrungsgemäß diejenigen Unternehmen am meisten klagen, die keine Kontakte zu den Schulen unterhalten. Deshalb diskutierte die Runde auch die Frage, wie diese Kontakte aufgebaut bzw. intensiviert werden können. Ausgeklammert wurde der Aspekt der schulpolitischen Versäumnisse, die andernorts verantwortet werden.

Dirk Schöps, Ausbildungsleiter der Sparkasse Siegen, mochte die Gründe der Fehlentwicklung gar nicht so sehr bei den Schulen suchen, aber dass in den »Kulturtechniken« Mathematik und deutsche Grammatik zunehmende Defizite bestünden, sei unbestreitbar. Mit Blick auf die Sozialkompetenz der jungen Menschen empfahl er die Wiedereinführung der Kopfnoten. Die Sparkasse habe zunehmende Probleme, die ca. 25 Ausbildungsplätze pro Jahr mit geeigneten Bewerbern zu besetzen. Noch dezidierter urteilte Dieter Wagener, Ausbildungsleiter für gewerbliche Auszubildende bei SMS Demag (vgl. schon SZ vom 12. April). Er verwies besonders auf die wachsende Quote der jungen Leute, deren mathematische Leistung im Test des Unternehmens mangelhaft ist (zuletzt 73 Prozent), obwohl man bei weitem nicht alle Bewerber einlädt und ihnen sogar Beispielsaufgaben zur Einübung vorab zusendet.

Horst Becker, Ausbildungsleiter bei Heinrich Baumgarten in Neunkirchen, konstatierte ähnlich, das Niveau sei zurückgegangen, vor allem fehle es an Konzentration bei der Lösung der Aufgaben. Und Klaus-Peter Schäfer, Ausbildungsleiter bei RWE-Net in Siegen hob hervor, in den Vorjahren habe man von den rund 200 Bewerbern noch immer ein Drittel einladen können, beim letzten Jahrgang sei die Quote unter 25 Prozent gesunken. Zudem fielen die eingereichten Zwischenzeugnisse der Schüler fast regelmäßig besser aus als die Abschlusszeugnisse, mit denen diese Bewerber z. T. gar nicht erst eingeladen worden wären. Rainer Werthebach, Personalleiter bei Mercedes Bald, bestätigte die Defizite in Mathematik und Deutsch. Während das Teamverhalten stimme, ließen die sogenannten Sekundärtugenden (Pünktlichkeit usw.) oft zu wünschen übrig.

Deutlich anders stellt es sich aus Sicht von Vertriebstrainerin Julia Schmitz (Volksbank Grevenbrück) dar, die für die Volksbanken des Kreises Olpe tätig ist. Zwar sei es schwer, die Richtigen zu finden und die Rechtschreibung zeige auch Mängel, aber diejenigen, die man dann einstelle, seien auch in Ordnung.

Schulamtsdirektor Dieter Beinghaus wies darauf hin, dass die Ausfallquote unter den Schulabgängern, deren Qualifikation für heutige Ausbildungsberufe nicht zureiche, inzwischen auf 25 Prozent gestiegen sei. Und IHK-Geschäftsführer Gräbener machte darauf aufmerksam, dass man diese Abgänger, die früher noch als An- und Ungelernte ihren Lebensunterhalt selber verdienen konnten, inzwischen »tarifpolitisch wegdefiniert« habe.

Auf der Seite der Schulen waren viele der Klagen durchaus geläufig. Die Frage der früheren Kopfnoten, die in irgendeiner Form wieder eingeführt werden sollen, bereiten in den Schulen z. T. noch Probleme, z. B. weil die Elternschaft sie ablehnt. Eine Empfehlung eines Schulleiters lautete, die Kopfnoten als besonderes Zeugnis auszugeben. Betreffend die schlechten Leistungen in Mathematik wurde von zwei Schulen die Eignung der SMS-Tests angezweifelt. Die Schüler arbeiteten heute mit Taschenrechnern, Dreisatzaufgaben o. ä. seien nicht mehr zeitgemäß. Dieter Wagener hielt dem entgegen, für die Realität der Werkstatt sei der Taschenrechner nicht geeignet. Der Typ der gestellten Aufgaben sei aber nun einmal die Lebenspraxis im Betrieb. Im Übrigen, so Wageners Kollegin Monika Bergmann (zuständig für kfm. Auszubildende), würde man ja gerne schwerere Aufgaben stellen, aber dann fielen die Testergebnisse noch schlechter aus.

Zum Thema Rechtschreibung hoben mehrere Pädagogen hervor, dass es keine einheitliche Rechtschreibung mehr gebe. Um die Entstehung falscher Berufsvorstellungen bei den Schülern zu verhindern, wurde den Schulen empfohlen, Informationsabende mit älteren Auszubildenden oder Vertretern der Berufe aus der Elternschaft zu veranstalten.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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