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Dürre, Borkenkäfer und fallende Holzpreise in heimischen Wäldern
Neues Jahr, alte Probleme

Blick von Anlage Nummer 4 des Hilchenbacher Windparks in Richtung Kirchhundem-Heinsberg: Das Erscheinungsbild der heimischen Wälder wird sich wohl weiter verändern.
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  • Blick von Anlage Nummer 4 des Hilchenbacher Windparks in Richtung Kirchhundem-Heinsberg: Das Erscheinungsbild der heimischen Wälder wird sich wohl weiter verändern.
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cs Vormwald. „Willkommen im waldreichsten Kreis Deutschlands“, begrüßte Diethard Altrogge am Donnerstagmorgen mit einem breiten Lächeln die Runde, die sich anlässlich der Jahrespressekonferenz in den Räumlichkeiten des Regionalforstamtes Siegen-Wittgenstein in Vormwald eingefunden hatte. Dem leitenden Forstdirektor war angesichts der SZ-Berichterstattung – das Kreisgebiet hatte seinen Titel denkbar knapp vor dem Landkreis Regen in Bayern verteidigt – ein Stein vom Herzen gefallen. Rasch kamen jedoch deutlich ernstere Themen zur Sprache, die sich unter dem Motto „neues Jahr, alte Probleme“ zusammenfassen lassen.

cs Vormwald. „Willkommen im waldreichsten Kreis Deutschlands“, begrüßte Diethard Altrogge am Donnerstagmorgen mit einem breiten Lächeln die Runde, die sich anlässlich der Jahrespressekonferenz in den Räumlichkeiten des Regionalforstamtes Siegen-Wittgenstein in Vormwald eingefunden hatte. Dem leitenden Forstdirektor war angesichts der SZ-Berichterstattung – das Kreisgebiet hatte seinen Titel denkbar knapp vor dem Landkreis Regen in Bayern verteidigt – ein Stein vom Herzen gefallen. Rasch kamen jedoch deutlich ernstere Themen zur Sprache, die sich unter dem Motto „neues Jahr, alte Probleme“ zusammenfassen lassen. Anhaltende Dürre, Borkenkäferplage, fallende Holzpreise und die Unsicherheiten auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wiederbewaldung – die massiven Herausforderungen der Jahre 2018 und 2019 werden die Fachleute auch 2020 beschäftigen.
Immerhin, eine derart intensive, alle gesellschaftlichen und politischen Schichten durchdringende Auseinandersetzung mit den Problemen der heimischen Wälder habe es nie zuvor gegeben, konstatierte Diethard Altrogge. Das sei auch bitter nötig, denn „durch unsere Lebensweise gefährden wir diese hochkomplexen und wunderbaren Systeme“, stellte der sich bald in den Ruhestand verabschiedende Forstdirektor fest. Auch 2019 habe man hierzulande unter den Folgen des Klimawandels zu leiden gehabt.

Trockenlager in Schameder "knallvoll"

In der Tat: „Der trockene und heiße Jahresverlauf bot wieder ideale Bedingungen für eine Borkenkäfer-Massenvermehrung“, blickte Jan Zimmermanns, Assessor des Forstdienstes, auf das Frühjahr 2019 zurück. Nun werde vor allem in dem im Regenschatten des Rothaargebirges liegenden Wittgenstein, wo große Kahlflächen entstanden sind, versucht, so viel Holz wie möglich aus dem Wald zu schaffen. Obwohl die Kalamitätssituation verglichen mit anderen Forstämtern alles in allem relativ glimpflich verlaufen sei, sei das Trockenlager in Schameder mittlerweile „knallvoll“, wie Forstdirektor Manfred Gertz zu Protokoll gab. Die Sägewerke freuen sich derzeit und schwimmen in zu verarbeitendem Holz, „aber viele machen sich Sorgen, was danach kommt – da könnte es zu einem deutlichen Abbau von Arbeitsplätzen kommen“, wagte Manfred Gertz eine düstere Prognose für die Branche.

Weitere Regenfälle unbedingt notwendig

Wer glaubt, dass die Wassermengen der durchaus regenreichen vergangenen Monate für eine kurzfristige Erholung der Bäume ausreichten, befindet sich auf dem Holzweg. „Wir haben bei Weitem noch nicht das, was wir brauchen“, unterstrich Diethard Altrogge und rechnete vor, dass sich unter jedem Quadratmeter Wald bis zu 200 Liter kühles Nass ansammeln können, aktuell seien es in vielen Gebieten jedoch nur rund 70 Liter. Im besten Fall wird 2020 ein kühles und nasses Jahr, um der Borkenkäferpopulation wenigstens etwas Einhalt gebieten zu können.

Coronavirus erschwert Export nach China

Die Holzpreise sind ohnehin im Keller. Erlösten Waldbesitzer- und Genossenschaften im Januar 2018 noch rund 90 Euro für den Festmeter, sind es gegenwärtig nur noch rund 30 Euro. „Die Entwicklung ist am Rande der Kostendeckung angekommen“, stellte Manfred Gertz fest. Der Anteil von Holz aus der Güteklasse D, für das im Schnitt 30 Prozent weniger erwirtschaftet wird als für Material aus den „höheren“ Klassen B oder C, schnellte von 15 auf über 60 Prozent an. Und der zuletzt immer häufiger eingeschlagene Exportweg nach China wird durch die Unsicherheiten rund um das Coronavirus wohl kurzfristig abgeschnitten werden.

Frage nach der richtigen Wiederbewaldung kahler Flächen

2019 seien im Regionalforstamt 213 Förderanträge mit einem Volumen von 1,3 Mill. Euro bearbeitet worden, 944 000 Euro seien als Fördermittel bewilligt worden, um Maßnahmen in Folge von Sturm, Trockenheit und Borkenkäferplage zu ergreifen, führte Forsträtin Andrea Bähringer aus. Schon im vergangenen Jahr machten die Fachleute deutlich, dass die Zukunft den Mischwäldern gehört. Für die Wiederbewaldung kahl gewordener Flächen stünden Fördermittel zur Verfügung, wie Bähringer erläuterte. Allein, einen „Königsweg“ zu klimastabilen Beständen der Zukunft gibt es nicht.
Hinweise darauf, welche Baumarten an welchen Standorten geeignet sind, geben das Waldbaukonzept des Landes Nordrhein-Westfalen sowie die Onlineplattform www.waldinfo.nrw.de. Letztlich weiß aber niemand, ob sich angepflanzte, neue Arten langfristig in der Region etablieren und allen Widerständen trotzen können. „Rehe fressen am liebsten das, was selten ist“, sprach Manfred Gertz ein Problem an, während Andrea Bähringer zu bedenken gab: „Es bleibt die große Ungewissheit, wie sehr wir alle auf der Welt unseren Planeten weiter aufheizen.“

"Pflanzen nur da an, wo es unbedingt notwendig ist"

Sollte es mit Erderwärmung also im bisherigen Maße weitergehen oder sich gar verschlimmern, dürften alle heute getroffenen Prognosen ad absurdum geführt werden. Insgesamt werde die Naturverjüngung unterschätzt, junge Bäume, die auf gerodeten Flächen von alleine sprießen, sollten in jedem Fall in das Projekt der Wiederaufforstung integriert werden, meinte Diethard Altrogge. „Wir pflanzen nur da an, wo es unbedingt notwendig ist.“ Wie erfolgreich all diese Bemühungen sind, wird man erst in einigen Jahrzehnten abschließend beurteilen können.

Autor:

Christian Schwermer (Redakteur) aus Siegen

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