Nicht der Pianist, die Musik stand im Vordergrund

Igor Shukow erhob beim Sonderkonzert im Gebrüder-Busch-Theater Dahlbruch russische Klaviermusik zum pianistischen Ereignis

G.S. Dahlbruch. Durch die Vermittlung des Siegener Musikfreundes Dr. Hans Joachim Marks kam es am Dienstagabend zu einem Sonderkonzert beim Gebrüder-Busch-Kreis. Einer der wichtigsten Repräsentanten der Moskauer Pianistengilde, Igor Shukow, gewährte mit seinen Vorträgen einen tiefen Einblick in die russische Klaviertradition.

In einer kurzen Einführung erläuterte Stefan Romansky, dass der Künstler in zwei Blöcken Werke von Prokofjew und Medtner sowie von Alban Berg und Prokofjew jeweils zu einer Einheit verbinden und sie einer bestimmten Konzeption unterziehen wird, deren Bedeutung sich nur im direkten Zusammenhang der Werke erschließt. So rückte Sergej Prokofjew mit den wichtigen Eckpunkten des Programms in das Zentrum des Klavierabends. An den Beginn seines Recitals stellte Igor Shukow die »Visions fugitives, op. 22«, zwanzig Stücke von geradezu aphoristischer Kürze. Durch die bewusste Pflege seines musikalischen Ausdrucks, besonders im lyrischen Bereich, komponierte Prokofjew 1915–1917 diese Klavierminiaturen.

Die satztechnische Schlichtheit ließ auf den ersten Blick kaum vermuten, dass hier auch harmonisches Neuland erkundet wurde. Mit der relativen Ausgeglichenheit des Temperaments dieser flüchtigen Visionen verband Shukow sogleich eine überlegte, inhaltliche Konzeption zum Klavierschaffen von Nikolai Medtner. Bezeichnend für die konstruktive Disziplin dieses Komponisten ist die durchdachte Symmetrie im Harmonieplan und der Dramaturgie in dessen »g-Moll-Sonate op. 22«, die Shukow nahtlos den traumhaften Linien der Prokofjew-Lyrismen folgen ließ.

Den hohen Rang des russischen Pianisten offenbarten schon die ersten Klänge, mit denen Shukow die tagebuchähnlichen Skizzen zum Sprechen brachte. Da waltete über zwanzig Miniaturen hinweg eine Bispositionsklarheit und eine Reife, die selbst den anspruchsvollsten Zuhörer ergriff. Das atmende Mitgehen der Besucher spürend, schuf der bescheidene Künstler die Ebene für die musikalische Ausstrahlung.

Der Grundgedanke von Klarheit und Disziplin dieser kleinen Stücke fand sich auch in der Interpretation der attacca folgenden Medtner-Sonate wieder. Auf der Suche nach neuen Formlösungen wirkten die harmonischen Kühnheiten in solchem Kontext nur folgerichtig. Selbst im langsamen f-Moll-Einschub »Interludium (Andante-lugubre)« benötigte der Pianist keine sentimental schleppenden Tempi, um innig und ausdrucksvoll zu sein.

Nach der Pause war es kein Paradoxon, dass die einsätzige »Sonate, Op. 1« von Alban Berg, gleichsam als Motto, am Anfang des zweiten Programmteils stand. Die Tendenz dieser durchaus noch tonalen Musik aus Bergs Frühschaffen neigt schon den Ergebnissen der experimentellen Epoche zu. Im Vergleich mit Prokofjews letzter »Sonate C-Dur, op. 103« vollzog sich ein Brückenschlag von der Ekstase der Strukturen zur Ekstase des Ausdrucks über den gemeinsamen Fluss der endlosen Wandlung.

Igor Shukow spielte nicht »modern«, aber auch nicht »unschuldig altmodisch«. Er hatte ja die exzentrische und ironische Welt Prokofjews hinter sich. Grandezza dividiert durch Phantastik und pianistischen Charme ergab die einfache Formel seines Spiels. Der Ton leuchtete, war kantabel und von bewundernswertem Gleichmaß. Die Passagen hatten Leben und wagten konzertanten Schwung. Große, russische Klaviermusik wurde unter Shukows Händen zum pianistischen Ereignis. Das Auditorium hatte die Konzeptionen erkannt und applaudierte vor der Pause verständnisvoll.

Den langanhaltenden Schlussbeifall belohnte Shukow, russischer Klaviertradition treu, mit einem Prelude aus op. 11 von Alexander Skrjapin.

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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