»Pisa«-Studie hat die Praktiker nicht überrascht

Ausbildungsleiter der SMS Demag AG beklagen Defizite der Schulabgänger / Achillesferse ist die Mathematik

ewi Dahlbruch. Eine Ausbildung bei der »Siemag«, heute SMS Demag AG, gilt seit Jahrzehnten in Siegerland und Wittgestein als exzellente Basis für die berufliche Zukunft. Doch diejenigen, die in Dahlbruch und Düsseldorf für die Ausbildung des kaufmännischen, gewerblichen und technischen Nachwuchses zuständig sind, haben zunehmende Probleme, aus den zahlreichen Bewerbern solche herauszufiltern, die uneingeschränkt über die geforderten Qualifikationen verfügen. Offensichtlich wird das, was die jungen Leute von den Schulen »mitbringen«, immer lückenhafter. »Pisa war für uns keine Überraschung«, sagt Claus Johannsen, der Gesamtverantwortliche für Aus- und Weiterbildung bei der SMS Demag AG.

Im Gespräch mit Johannsen sowie den Ausbildungsleitern Dieter Wagener (zuständig für gewerbliche Auszubildende) und Monika Bergmann (zuständig für kaufmännische und fachinformatische Ausbildung in Düsseldorf und Dahlbruch) stellt sich heraus, dass das Unternehmen oft regelrecht nachqualifizieren muss und dass über die gesamte Laufzeit der Ausbildung von drei oder dreieinhalb Jahren Probleme bleiben. Erst in den letzten Tagen, so Johannsen, habe er in Düsseldorf mit Betriebsräten des Unternehmens die Frage diskutiert, ob man künftig im technischen Bereich die ersten zwei bis drei Monate ausschließlich nutzen sollte, um die schulischen Mängel aufzuarbeiten. Defizite bestehen vor allem in Mathematik. Signifikant scheint dabei nach Beobachtungen des langjährigen Ausbildungsleiters Dieter Wagener, dass ausgerechnet Jugendliche, die mit ihren Familien aus den ehemaligen Sowjetrepubliken gekommen sind, weit besser abschnitten, wenn sie in ihrer früheren Heimat die Schule absolviert hatten: Wo der Taschenrechner meist defekt oder die Batterie leer war, seien die Kenntnisse oft am besten. Russlanddeutsche hier ausgebildet, so Wagener, unterscheiden sich indes nicht von den Einheimischen.

Wagener hat alle Einstellungstests der Jahre 1994 bis 2003 verglichen. Angesichts der Schulzeugnisse sollte die Leistung durchweg zumindest ausreichen. Tatsächlich sind aber speziell beim Zahlenrechnen die mangelhaften Leistungen von 1994 bis heute immer weiter angestiegen. Lagen die Ergebnisse, die mit den Noten 5 oder 6 bewertet werden mussten, 1994 bei 59 Prozent, so liegen sie inzwischen bei 73. Dabei wurden während dieser Zeit immer dieselben Aufgaben gestellt. Überdies erhielten die Jugendlichen mit der Einladung Informationsblätter mit Musteraufgaben, so dass sie sich vorbereiten konnten – eine Chance, die offenbar kaum genutzt wird. »Die hoffen wahrscheinlich auf ihre verschütteten Kenntnisse«, diagnostiziert Monika Bergmann.

Der Ausbildungsleiter hat viele Schulen aufgesucht und die Anforderungen des Unternehmens verdeutlicht. Unverständlich sei ihm, so Wagner, dass es Schulen gebe, die ihren Abgängern schon durchweg die Note »gut« geben, wenn die tatsächlichen Leistungen nur bei den Noten 3 oder 4 liegen. Das seitens der Lehrer übliche Argument, man wolle den Jugendlichen »nicht die Zukunft verbauen«, sei nicht akzeptabel, betont Wagener. Die jungen Leute verstünden die Welt nicht mehr, wenn sie trotz solcher Noten nirgends eine Chance bekämen. Aus den Aufzeichnungen Wageners wird noch eine andere Entwicklung deutlich: Während 1996 knapp 40 Prozent der getesteten Bewerber von Haupt- und Gesamtschulen Typ A kamen, liegt diese Quote heute bei gut 20 Prozent. Diejenige von Haupt- und Gesamtschulen Typ B sank während derselben Zeit von 28 auf 22 Prozent, während die der Realschulen von 29 auf knapp 50 Prozent stieg. Sieht man diese Entwicklung vor dem Hintergrund der schwächeren Leistungen, wird verständlich, wenn Wagener erklärt: »Die Leistungen der Schüler haben sich um ein Schulsystem verschoben.«

Die Leiterin der kaufmännischen und fachinformatischen Ausbildung ergänzt Wageners Ausführungen noch um einen Vergleich zwischen Dahlbruch und Düsseldorf: Während SMS Demag als Ausbildungsbetrieb im Siegerland eine gewisse Alleinstellung hat, gibt es in Düsseldorf mehrere vergleichbare Unternehmen. Das führe dazu, dass die Qualität der Bewerber in Dahlbruch deutlich besser sei als diejenige in Düsseldorf, weshalb sich die Stellen in Dahlbruch schneller besetzen ließen. Zuletzt sei es aber an beiden Standorten zu einem kräftigen Abfall gekommen: Erreichte in Dahlbruch zuvor etwa die Hälfte der Bewerber die Mindestpunktzahl und in Düsseldorf ein Drittel, so waren es im letzten Test in Dahlbruch nur noch ein Drittel und in Düsseldorf ein Viertel.

Dennoch hat das Unternehmen stets alle Ausbildungsplätze besetzt und die Defizite nach besten Kräften auszugleichen versucht. Zum Teil nutzt man auch den Stützunterricht, der durch die Arbeits-begleitenden Hilfen (ABH) des Arbeitsamtes möglich wird. Wageners Sorge, diese Mittel könnten über die jüngsten Sparmaßnahmen der Arbeitsverwaltung entfallen, räumt der Leiter des Siegener Arbeitsamts, Roland Sagasser, auf Anfrage der SZ zum Teil aus: Man werde diese Maßnahme, allerdings in reduzierter Form, fortsetzen. »Wir wollen retten, was zu retten ist«, betont Sagasser. Langfristig sei aber auch er der Meinung, dass die Beitragszahler nicht für die Erfüllung staatlicher Aufgaben (hier: die Aufgaben der Schulen) herhalten könnten.

Aus Sicht des Gesamtverantwortlichen für Aus- und Weiterbildung bei SMS Demag stellt Johannsen klar, dass man die Leistungserwartungen keineswegs zu hoch ansetzt. »Wir erwarten vernünftige Kenntnisse in den Kulturtechniken Deutsch, Mathematik und in gewissen Grenzen Naturwissenschaften.« Freilich achtet man beim Vorstellungsgespräch und später in den ersten Monaten auch noch auf andere Dinge, wie Wagener hinzufügt: sauberes Auftreten beim Vorstellungsgespräch und entsprechendes Benehmen im Betrieb...

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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