Schatzsuche in der Oberbach

Rund um Ruckersfeld gab es Bergbau / Geschichte lässt sich bis 1717 zurückverfolgen

matz Ruckersfeld. »Dass es Bergbau in und um Ruckersfeld gegeben hat, wissen die allerwenigsten.« Thomas Kettner lächelt. Er ist einer der Wissenden, ist tief in die Materie des Bergbaus »e de Strüche« eingetaucht. Als er wieder »auftauchte«, hatte Kettner vier Gruben entdeckt: Friederieke (vormals Andreasberg), Bleizeche, den Stollen in der Gemarkung Weidener Wald und einzelne Schurfpingen in Oechelhausen.

Der Auftrag kam vor zwei Jahren zum 925-jährigen Bestehen des kleinen Ortes. »Gab es in und um Ruckersfeld einmal Bergbau?«, wollten Bewohner des Jubiläumsdorfes wissen. Sie hatten sich mit der Frage bewusst an den 37-Jährigen gewandt. Zum einen ist er bereits seit über 25 Jahren Bergbau-Fan. »Das begann damit, dass mich mein Vater als Junge einmal mitnahm auf die Halde der Grube ,Neue Hoffnung’ in Wilgersdorf«, erklärt Kettner. Weil im Stammbaum der Familie Kettner einige Bergleute zu finden sind. Zum anderen ist er Mitglied im »Verein für Siegerländer Bergbau«. Und hat sich als sein ganz besonderes Hobby auf den – noch unerforschten – Bergbau in der ehemaligen Großgemeinde Netphen spezialisiert. Ruckersfeld und Oechelhausen am Rande der Großgemeinde gehören natürlich dazu.

Stunde um Stunde, Tag um Tag wälzte der Maschinenbautechniker insgesamt sechs Monate lang Betriebsakten im Landesarchiv NRW, Staatsarchiv Münster und alte Besitzurkunden in Dortmund, der Abteilung Bergbau und Energie der Bezirksregierung Arnsberg. »Die Akten sind alle in Sütterlin geschrieben«, berichtet Thomas Kettner. »Das Entziffern eines Wortes konnte da schon mal zwei bis drei Stunden in Anspruch nehmen.« Doch der Irmgarteichener ist geduldig, erschloss sich Wort um Wort, teils aus dem Zusammenhang des Gesamttextes. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Auf 55 teils illustrierten Seiten beschreibt er die Geschichte der vier Gruben. Je nach der Intensität des Abbaus mal mehr, mal weniger umfangreich.

So lässt sich die Bergbautätigkeit der Grube Andreasberg, die erst später durch einen der zahlreichen Besitzerwechsel in »Friederieke« umbenannt worden sein muss, anhand von Grubenakten bis in das Jahr 1717 zurückverfolgen. Kettner: »Die befand sich in der Oberbach, rund um den heutigen Abzweig von der L728 nach Ruckersfeld.« Also dort, wo möglicherweise ein Gewerbegebiet entstehen soll. Wahrscheinlich liege der Ursprung des Bergbaus noch weiter zurück. Das belege die Aufzeichnung, dass »Andreasberg« 1717 bereits 40 Lachter (rund 80 Meter) tief gewesen sei. »Deshalb kann man davon ausgehen, dass die Grube schon um 1700 in Betrieb gewesen sein muss.« Abgesehen hatten es die Bergleute auf Silber, Blei, Zink, Kupfer und Eisen. »In der ersten Betriebsperiode bis etwa 1840 lag das Hauptaugenmerk auf Bleierz und dem darin enthaltenen Silber«, hat Kettner in Erfahrung gebracht. 0,6 bis 0,8 Gramm Silber seien pro Kilogramm Gestein angefallen. Quasi als Nebenprodukt sei ein wenig Kupfererz und Spateisenstein angefallen.

Da ungefähr bis 1850 Zink nicht industriell verhüttet werden konnte, sei das Zinkerz für die Bergleute erst zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts interessant geworden. Kettner: »Die Erzvorkommen erwiesen sich jedoch als kleiner als erwartet, so dass eine regelmäßige Förderung nicht zustande kam.« Das Ende war absehbar.

»Friederieke hat nie richtig Gewinn abgeworfen«, hat Thomas Kettner herausgefunden, »obwohl die Grube gar nicht mal so klein war.« Zwischenzeitlich sei sie daher immer mal wieder geschlossen worden. Als sich am 8. April 1862 der Revierbeamte Schmidt die »am Gebirge Oberbach bei Mausthal belegene Blei-, Silber, Kupfer- und Zink Erzzeche Friederieke behufs Fristsetzung« besuchte, traf er weder Arbeiter an, noch nahm er »Spuren von in letzter Zeit betriebenen Arbeiten« wahr. »Der vor mehreren Jahren noch in Betrieb gestandene Tagesschacht war so zugeebnet, dass keine Spur mehr von ihm ersichtlich ist«, hielt der Berggeschworene Schmidt seinerzeit fest. Durch eine kleine Öffnung im eingefallenen Mundloch konnte er jedoch erkennen, dass u.a. durch die Aufstauung von Wasser »der Stolln unbefahrbar war«. Thomas Kettner: »Die Grube ist überhaupt immer mal wieder sporadisch betrieben worden. Je nachdem wie knapp die Rohstoffe waren.«

Noch 1852 hatten 21 Menschen 128 Kuxe, sprich Anteilsscheine besessen. Fast alle hatten deren vier, nur Johann Heinrich Seelbach zu Allenbach nannte 16, der Landmann Alexander Hoffmann zu Stöcken sogar 36 Kuxe sein Eigen. Jedoch: Unter den Anteilseignern war laut Kettner kein einziger Ruckersfelder. Vermutlich sei der Ort seinerzeit noch rein landwirtschaftlich geprägt gewesen, so dass hier nicht das nötige Kapital für Anteilsscheine vorhanden war. So stammten die meisten Gewerken aus Allenbach, einige aus Stöcken, Haarhausen, Hilchenbach, einzelne aus Dahlbruch und Schweisfurth. Später wohnten einige der Gewerken sogar in Wissen und Wingeshausen.

Interessant auch eine Liste der Belegschaft: Hier ist ebenfalls kein Ruckersfelder vermerkt. Der Steiger und ein weiterer Bergmann kamen aus Müsen, zu dessen Bergrevier die Grube gehörte, die übrigen acht Bergleute der »Friederieke« aus Herzhausen. Kettner: »Die müssen nicht aus Herzhausen stammen. Einige kamen von weit her und wohnten in Herzhausen zur Miete.« Wo sie zeitweise Blut und Wasser schwitzten. Denn so mancher Grubenbesitzer kam wegen der ausbleibenden Funde in Zahlungsschwierigkeiten, so dass nicht die Löhne und damit auch keine Mieten gezahlt werden konnten. Beispielsweise erhielt der Steiger Andreas Schütz aus Müsen im Jahr 1854 einen Monatslohn von 16 Thalern. »Sollte aber die Grube ausser Betrieb gesetzt werden, so erhält er während dieser Zeit keinen Lohn«, besagte der Dienstvertrag.

Ein anderes Beispiel: Dr. jur. August Oppenheimer aus Köln hatte die Grube am 22. Mai 1889 »käuflich erworben«, war aber bereits ein Jahr später in Zahlungssschwierigkeiten gekommen. Bergrath Schmidt mahnte den Besitzer »dem Bergmann Bernhardt Schäfer seine Forderung von 72 Mark und 16 Silbergroschen« zu bezahlen. Der Grund: »Da nun genannter Schäfer zu Ende nächster Woche zum Militärdienst einberufen ist«, besaß dieser »nicht einmal die Mittel, sich die nöthigen Kleider zu beschaffen«.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam von 1919 bis 1923 noch einmal Leben in die Oberbach. »Der tiefe Stollen soll wieder aufgewältigt und bis zu dem, durch den oberen Stollen bekannt gewordenen Blei- und Zink-Erzgang weiter vorangetrieben werden, sodann soll der Gang unterfahren und in Abbau genommen werden«, so der Betriebsplan für das Jahr 1919. »Über Tage sollen außerhalb des Grubenfeldes im bergfreien Gelände Schürfarbeiten auf Blei, Zink, Kupfer und Eisen-Erze vorgenommen werden.« Drei Jahre später schließlich wurde »der Stollen bis zu 170 m Länge aufgewältigt und einige Versuchsquerschläge getrieben«. Im September 1923 wurde der Betrieb der Grube Friederieke endgültig eingestellt.

Was es mit der Grube Bleizeche, dem Stollen in der Gemarkung Weidener Wald und den einzelnen Schurfpingen in Oechelhausen auf sich hat, gibt es in Kürze zu lesen.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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